Sputnik-Schock Warum die Sowjetunion über die USA triumphierte

Als der Satellit "Sputnik" vor 60 Jahren piepsend die Erde umkreiste, war der Westen schockiert. Dabei hätten die USA die erste Nation im All sein können. Doch sie wollten nicht.

Wernher von Braun (M.), US-Präsident John F. Kennedy (r.), 1963, Cape Canaveral
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Wernher von Braun (M.), US-Präsident John F. Kennedy (r.), 1963, Cape Canaveral


Ein Wettlauf - dazu gehören mindestens zwei. Im Jahr 1957 sollte ein solches Rennen stattfinden. Es ging darum, den Weltraum zu erobern. Doch das Wettrennen fiel zur Überraschung vieler Beobachter aus, weil die USA gar kein Interesse daran hatten, Erster zu sein. So triumphierte die Sowjetunion.

Am 4. Oktober 1957, vor 60 Jahren, startete in Baikonur der erste Satellit mit dem Namen "Sputnik". In 96 Minuten umrundete er die Erde, drei Monate hielt er sich im Orbit, ehe er verglühte. Im Innern der Aluminiumkugel steckte ein Sender, dessen Piep, Piep Funkamateure auf der ganzen Welt empfangen konnten.

Warum aber ließen sich die USA derart düpieren? Sie hatten ganz offensichtlich die gewaltige PR-Wirkung eines sowjetischen Satelliten unterschätzt. Und den Schock, den der Start bei vielen US-Amerikanern auslöste. Ein sowjetischer Satellit, von einer mächtigen Trägerrakete ins All geschossen, überfliegt Nordamerika - und niemand kann etwas dagegen machen! Das war beängstigend.

Hinter dem Triumph Moskaus steckt auch ein ebenso genialer wie politisch belasteter deutscher Ingenieur - wenn auch vollkommen ungewollt.

Dieser Mann hieß Wernher von Braun. Er hatte während der Nazizeit in Deutschland die "Wunderwaffe" V2 entwickelt. Eine Rakete, die mehr als 700 Kilogramm Sprengstoff bis nach England fliegen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente sich Braun samt seinem Kernteam den USA an. Er arbeitete fortan für die US-Armee.

Braun hätte schon lange vor der Sowjetunion einen Satelliten ins All schießen können. Sein Team hatte am 20. September 1956 im Rahmen des ursprünglichen Project Orbiter die erste Jupiter-C-Rakete gestartet.

Doch die durfte den Weltraum nicht erreichen. Deshalb war die Oberstufe des direkten Nachkommen der V2 statt mit Festtreibstoff mit Sand und Bauteilen gefüllt. Das Pentagon hatte vorsichtshalber sogar einen Inspektor nach Cape Canaveral entsandt, um zu verhindern, dass die Army versehentlich einen Satelliten ins All schickt.

Warum durfte der Wettlauf ins All nicht stattfinden? US-Präsident Dwight D. Eisenhower hegte große Abneigung gegenüber dem deutschen Raketenpionier aus Peenemünde. Er wollte nicht, dass amerikanische Satelliten mit Raketen starten, die von der Nazi-Vergeltungswaffe V2 abstammten.

Noch zu gut erinnerte sich der einstige Oberbefehlshaber der Alliierten in Nordwesteuropa daran, wie die deutsche Wehrmacht mit der "Wunderwaffe" London, Antwerpen und seine Truppen terrorisiert hatte.

Eisenhower hielt zudem nicht viel von dem Showeffekt, den dieser Satellit haben würde. Eine Fehleinschätzung - wie sich schon bald herausstellen sollte.

Dem US-Präsidenten ging es in erster Linie um die Verwirklichung der in den Fünfzigerjahren entworfenen langfristigen Strategie, eine ganze Serie von Discoverer-Aufklärungssatelliten in den Weltraum zu schießen. So sollte die Vorherrschaft in der militärischen Raumfahrt gesichert werden.

Koroljows Geniestreich

Die Sowjets waren indes in dem festen Glauben, dass ihnen die Amerikaner beim ersten Schuss ins All einen beinharten Wettbewerb liefern. Deshalb drängte Chefkonstrukteur Sergej Koroljow zur Eile. Es hieß, dass die USA auf einem Weltraum-Kongress in Barcelona im Oktober 1957 einen Vortrag zum Thema "Ein Satellit über dem Planeten" halten wollten.

Immer wieder fragte Koroljow beim KGB nach, ob es Anzeichen für einen bevorstehenden US-Start gebe. Die letzte Antwort auf diese Frage lautete salomonisch: Man habe keine Informationen über einen bevorstehenden Start, aber auch keine darüber, dass es keinen Start gibt.

Doch Koroljow traute dem Frieden nicht. Eigentlich hatte die Sowjetregierung am 30. Januar 1956 beschlossen, zum Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58 einen Sputnik unter der Codebezeichnung Objekt D mit einer Masse zwischen 1000 und 1400 Kilogramm zu bauen. 200 bis 300 Kilogramm davon sollten auf wissenschaftliche Geräte entfallen.

Doch schon bald war klar, dass dieser Satellit, den die Akademie der Wissenschaften entwickelte, nicht rechtzeitig fertig sein würde. Er startete erst am 15. Mai 1958 als "Sputnik 3".

Koroljow schlug deshalb vor, das komplizierte Objekt D kurzerhand durch den Einfachsten Sputnik PS (Prosteischij Sputnik) zu ersetzen. Der Vorschlag wurde vom Ministerrat gebilligt. In aller Eile wurden zwei kleine Funksender mit je einem Watt Leistung sowie drei Batterien, die allein 51 Kilogramm wogen, in einer Kugel aus poliertem Aluminium von 58 Zentimetern Durchmesser mit vier Stabantennen installiert.

Zwei der Batterien speisten die 3,5 Kilogramm schweren Sender, die dritte das Wärmeregulierungssystem. Die Frequenzen waren mit 20,005 und 40,002 Megahertz so ausgelegt, dass das historische Piep, Piep, Piep von fast jedem Amateurfunker auf der Erde empfangen werden konnte.

Die Entscheidung, über die viele seiner Kollegen nur den Kopf schüttelten, erwies sich im Nachhinein als Geniestreich. Niemand fragt heute mehr danach, welche wissenschaftlichen Geräte die Alu-Kugel damals an Bord hatte. Aber jeder kennt das russische Wort Sputnik (Begleiter, Weggenosse). Zudem präsentierte sich der runde Satellit vom Design her als ideales Abbild unserer Mutter Erde, und das universelle Piep, Piep, Piep verstand jeder Mensch.

Kritik an "Weihnachtsbaumkugel"

Dennoch musste sich der Chefkonstrukteur heftige Kritik seiner engsten Mitarbeiter und Ingenieure gefallen lassen, die sich zutiefst in ihrer Berufsehre verletzt fühlten. Das böse Wort von einer "Weihnachtsbaumkugel" machte die Runde.

Der spätere Dreifachkosmonaut Georgij Gretschko, der maßgeblich an der Berechnung der Sputnik-Flugbahn beteiligt war, wollte wenigstens noch Sensoren für den Druck und die Temperatur einbauen.

Doch Koroljow blieb hart und triumphierte - am 4. Oktober 1957 mit dem Start von "Sputnik 1". Und am 3. November 1957 mit "Sputnik 2" - an Bord die Hündin Laika. Die USA waren ein zweites Mal düpiert.

Das konnte Eisenhower nicht auf sich sitzen lassen. Er gab schließlich grünes Licht für einen Start am 6. Dezember 1957. Allerdings nicht für die Rakete des ungeliebten Wernher von Braun. Vielmehr sollte die Navy mit ihrer Eigenentwicklung Vanguard den ersten US-Satelliten ins All schießen.

Was zunächst wie eine Demütigung für Braun aussah, stärkte aber letztlich seine Position. Denn die Navy-Rakete explodierte, und der Satellit ging als Kaputnik beziehungsweise Flopnik in die Geschichte ein.

Wernher von Braun bekam seine Chance ein paar Wochen später. Er hatte den Auftrag bekommen, den Start eines Satelliten mit einer Juno-Rakete, einer speziell dafür adaptierten Jupiter-C-Version, vorzubereiten.

Explorer 1: Klein, aber oho

Am 1. Februar 1958 schossen die Amerikaner dann endlich "Explorer 1" in den Weltraum. Der Satellit war ein zwei Meter langer Zylinder mit einem Durchmesser von 15 Zentimetern. Von den 13,9 Kilogramm Gesamtmasse entfielen 8,3 Kilogramm auf die wissenschaftliche Nutzlast.

Braun wurde fortan als nationaler Held und Retter gefeiert und brachte die USA später sogar auf den Mond.

Solcher Ruhm blieb seinem Gegenspieler Koroljow verwehrt. Öffentlich geehrt wurde der sowjetische Chefkonstrukteur zu seinen Lebzeiten nie. Den Wunsch des Nobel-Komitees, den Schöpfer des Sputniks zu nennen, damit er mit dem Nobelpreis geehrt werden könne, beschied Parteichef Chruschtschow mit den Worten: Der Schöpfer des Sputniks ist das ganze Sowjetvolk. Koroljows Name durfte erst mit seinem Tod im Januar 1966 öffentlich genannt werden.

Düpierte Amerikaner

Für die USA war der Start der Sputnik-Satelliten mehr als nur eine PR-Niederlage. Denn Koroljows Trägerrakete R-7 (Semjorka) konnte erstmals auch eine Atom- oder Wasserstoffbombe an jeden Ort der USA tragen.

Damit verschob sich das internationale Kräfteverhältnis in Richtung der Sowjets. "Ein Sieg im Krieg mit der UdSSR ist nicht mehr möglich", soll der frisch gebackene US-Verteidigungsminister Neil Hosler McElroy kommentiert haben. Der "Vater" der Wasserstoffbombe, Edward Teller, sprach von einem kosmischen Pearl Harbor.

Der deutschstämmige Raketenpionier Wernher von Braun musste tatenlos zusehen, wie die Sowjets ihm zuvorgekommen waren. Sie hatten die "Wunderwaffe" V" genau studiert, mit der Braun am 3. Oktober 1942, also 15 Jahre und einen Tag vor "Sputnik 1", erstmals von Peenemünde aus den Rand des Weltraums erreichte.

Doch die Sputnik-Rakete war eine sowjetische Neukonstruktion - und zwar eine äußerst erfolgreiche. Die legendären "Semjorka" haben seit 1957 nicht nur diverse Satelliten und Sonden ins All befördert, sondern auch weit über Dutzende Kosmonauten und Astronauten.

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