Start des Galileo-Satelliten: Das Koste-es-was-es-wolle-Navi

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Galileo-System: Start frei für die Weltraum-Wegweiser Fotos
ESA/ D. Ducros

Es soll eine Doppelpremiere werden. Erstmals hebt eine russische "Sojus"-Rakete von Europas Weltraumbahnhof Kourou ab. Und: Sie bringt die ersten Satelliten des umstrittenen Navi-Systems Galileo ins All. Doch es gibt Probleme mit der Trägerrakete - der geplante Start wurde auf Freitag verschoben.

Berlin - Im ersten Anlauf hat es nicht geklappt. Der für Donnerstagmittag geplante Start der russischen Sojus-Rakete in Kourou in Französisch-Guayana ist um 24 Stunden auf Freitagmittag verschoben worden. Die Rakete mit den ersten europäischen Navigationssatelliten an Bord werde am Freitag um 12.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit abheben, teilte die EU-Kommission in Brüssel mit. Ein Automatik-Fehler hat geplanten Start verhindert: Durch ein falsches Signal sei die Betankung der dritten Raketenstufe vorzeitig unterbrochen worden, teilte der Chef der Betreibergesellschaft Arianespace, Jean-Yves Le Gall, mit. Er betonte, dass der Fehler nicht bei der Rakete, sondern bei Betankungsautomatik am Boden aufgetreten sei. Das defekte Teil sei bereits ausgetauscht worden.

Wenn es dann am Freitag tatsächlich losgeht, sind viele Kostbarkeiten an Bord der Rakete. Die Produkte der Firma Spectra Time aus dem schweizerischen Neuchâtel etwa werden wegen ihrer Genauigkeit geschätzt - und sind besonders teuer. Ein paar hunderttausend Euro pro Stück muss man schon hinlegen. Dafür bekommt man dann einen Blechkasten, der auf den ersten Blick wie die Werkzeugkiste eines Automechanikers aussieht. Aber es geht hier auch nicht um Schönheit - sondern darum, dass die Atomuhren in der Kiste nur eine Sekunde in drei Millionen Jahren vor- oder nachgehen.

Wenn am Freitag eine "Sojus"-Rakete vom Weltraumbahnhof Kourou zwei Test-Satelliten des europäischen Galileo-Systems ins All bringt, dann bilden je vier Atomuhren das technische Herz der beiden fliegenden Navigationshelfer. Es sind die ersten einer ganzen Flotte. Doch nicht nur wegen der Präzision wurden die Schweizer Uhrwerke in ihrem Inneren ausgewählt, sondern auch aus geostrategischen Gründen. "In Europa gibt es nur einen Hersteller von weltraumtauglichen Atomuhren, nämlich uns", sagt Jean-Yves Courtois stolz. Er ist Chef der Spectra-Time-Mutterfirma Orolia.

Galileo solle eine europäische Alternative zu anderen Navigationssystemen sein, sagt Uhrenfabrikant Courtois. Da sei es nur folgerichtig, auf Technik aus Europa zu setzen. Und so fliegen Zeitmesser made in Switzerland ins All, pro Satellit zwei Wasserstoff- und zwei Rubidium-Atomuhren. Das hat mit der gewünschten Ausfallsicherheit zu tun, denn eigentlich würde ein Zeitmesser vollkommen reichen. Dessen Zeitinformationen funken die Satelliten zusammen mit ihrer aktuellen Position zur Erde. Dort kann ein Empfänger aus der Laufzeit des Signals seinen Standort genau berechnen, wenn er mindestens vier Satelliten im Blick hat.

Nachdem die " Sojus"-Rakete sie in mehr als 23.000 Kilometer Höhe abgesetzt hat, müssen die Satelliten mit einem Dauerbeschuss durch kosmische Strahlung klarkommen. Außerdem müssen die Atomuhren regelmäßig durch noch genauere Zeitmesser auf der Erde nachjustiert werden. Technisch ist Galileo also ein hoch spannendes Projekt, keine Frage. Es soll insgesamt ab dem Jahr 2014 zunächst drei Navigationsdienste anbieten - zumindest bis zum Ende des Jahrzehnts deutlich präziser als GPS:

  • Ein kostenloser offener Dienst (Open Service, OS), mit dessen Hilfe Autos metergenau auf Kurs kommen oder Grundstücke vermessen werden können.
  • Ein kostenpflichtiger und verschlüsselter Dienst (Commercial Service, CS), der noch mehr Präzision verspricht.
  • Ein Dienst für sicherheitskritische Anwendungen (Safety-of-Life, SoL), zum Beispiel im Luft- und Schienenverkehr, der unter anderem davor warnt, wenn die Qualität der Satellitensignale schwankt.

Dazu sollen bei vollem Ausbau des Systems zwei weitere Dienste kommen:

  • Ein Dienst für staatliche - im Zweifelsfall auch militärische - Aufgaben (Public Regulated Service, PRS), der unter anderem gegen Störungen gesichert ist.
  • Ein Such- und Rettungsdienst (Search And Rescue, SAR), der Notsender zum Beispiel von Schiffen oder Flugzeugen orten kann. Die Notrufsender sollen über den Satelliten auch direkt kontaktierbar sein.

Das Entscheidende an Galileo ist aber weniger die Technik, sondern die Politik hinter dem Projekt. Mit Hilfe der Satellitenflotte will sich Europa von den USA und ihrem GPS-System emanzipieren, aber auch von Russland und China. Diese Länder bauen mit Glonass und Beidu zwei eigene kosmische Wegweiser-Systeme auf - beziehungsweise betreiben sie schon.

Um eine eigene Navigationslösung zu besitzen, haben die Europäer jahrelang an dem Projekt festgehalten, gegen alle Widerstände und zu fast jedem Preis. Zunächst machten die Amerikaner politischen Druck, denen der Brüsseler Alleingang missfiel. Dann floppte der angestrebte Betrieb des Systems durch ein Industriekonsortium und die EU-Kommission musste einspringen. Gleichzeitig kletterten allein die Startkosten von Galileo von dreieinhalb auf rund fünf Milliarden Euro. Dazu kommen nach Planungen der Kommission zwischen 2014 und 2020 noch einmal eine Milliarde Euro - pro Jahr. Und dass Galileo sich eines Tages selbst tragen könnte, glaubt in Brüssel auch niemand mehr ernsthaft.

Metallgewichte statt Chinesen-Technik

Doch das ist den Europäern ihre Eigenständigkeit offenbar wert. Hinter den Kulissen wird mit harten Bandagen gekämpft. Noch kurz vor dem Start der Testsatelliten - sie heißen "Natalia" und "Thijs" nach zwei Kindern aus Bulgarien und Belgien, die einen Malwettbewerb gewonnen haben - ließen die Europäer einige elektronische Komponenten aus den Satelliten ausbauen.

Die fraglichen Bauteile sollten eigentlich in der Such- und Rettungsfunktion des Galileo-Dienstes arbeiten. Allerdings stammten sie aus China, worüber man in Brüssel nicht glücklich war. Was wäre, wenn die Komponenten die Satelliten stören könnten? Anstelle der Elektronik aus Fernost fliegen deswegen nun funktionslose Metallgewichte ins All.

Die weiteren Galileo-Außenposten im Orbit werden in jedem Fall wohl ohne Technik aus dem Reich der Mitte auskommen. Insgesamt 30 Satelliten soll es geben, wenn das System eines Tages komplett ist. Zumindest an einem Teil von ihnen wird bereits fleißig gewerkelt: Vier Satelliten fertigt EADS-Astrium, vierzehn das Bremer Unternehmen OHB. Die weiteren Aufträge werden noch vergeben.

Doch es gibt ein fundamentales Problem: Europäer und Chinesen streiten sich auch noch um die Funkfrequenzen ihrer Navigationssysteme. Denn Beidu und Galileo nutzen zum Teil dieselben Teile des Funkspektrums zwischen 1164 und 1215 Megahertz für ihre Botschaften zur Erde. Das könnte zu unerwünschten Störungen, sogenannten Interferenzen, führen. Doch Peking stellt sich stur - und verweist darauf, dass Beidu-Technik vor Galileo im All gewesen sei. Damit habe man gewissermaßen die Nase vorn.

Eigentlich wäre der Streit ein Fall für die Internationale Fernmeldeunion (ITU) in Genf. Doch dort sagt man, dass bisher noch keine offizielle Beschwerde aktenkundig sei. Die müsste von einem EU-Mitgliedstaat kommen. Wenn Europäer und Chinesen sich weiter nicht einigen können, dürfte der Eingang solch einer Beschwerde jedoch nur eine Frage der Zeit sein.

Bei allen Alleingängen hat Galileo die Europäer freilich auch in einem entscheidenden Feld zur Kooperation gebracht. Zusammen mit russischen Spezialisten haben sie eine "Sojus"-Rampe auf dem Weltraumbahnhof Kourou hochgezogen. Sie wird mit dem Start der Navigationssatelliten eingeweiht. Die russischen "Sojus"-Raketen sind für die Europäer vor allem deswegen interessant, weil sie pro Start deutlich weniger kosten als die "Ariane". Und manchmal spielt Geld dann eben doch eine Rolle. Selbst bei Galileo.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Subvention für Rüstungsexporte
Steuersklave 20.10.2011
Zitat von sysopEs ist eine Doppelpremiere. Erstmals hebt eine russische "Sojus"-Rakete von Europas*Weltraumbahnhof Kourou ab. Und: Sie bringt*die ersten Satelliten des umstrittenen*Navi-Systems*Galileo ins All. Doch die Eintracht trügt, hinter den Kulissen bekämpfen sich die Weltraummächte. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,792822,00.html
Bei der ganzen Geschichte geht es um europäische Rüstungsexporte. Man kann halt schlecht französische Raketen in den arabischen Raum verkaufen, wenn die Dinger ohne Unterstützung der USA das Ziel nicht finden. Wenn allerdings GPS gestört wird, funktioniert Galileo auch nicht mehr, weil es in einem schmalen Frequenzband innerhalb der (militärischen) GPS Frequenzen arbeitet.
2. .
hjm 20.10.2011
Die Ursache aller dieser vielen „Startprobleme“, die der Artikel nennt, verbirgt sich hinter diesem kleinen unscheinbaren Satz (dem letzten der drei): ---Zitat--- Eigentlich wäre der Streit ein Fall für die Internationale Fernmeldeunion (ITU) in Genf. Doch dort sagt man, dass bisher noch keine offizielle Beschwerde aktenkundig ist. Die müsste von einem EU-_Mitgliedstaat_ kommen. ---Zitatende--- GPS wurde von den USA, nicht von einer Vereinigung der Weltraumbehörden von Illinois, Arkansas und Maine installiert, bei der Stellen und Aufträge nach Proporz statt nach Qualität vergeben werden, und genauso ist das in Russland und China. Einzig der Entscheidung, grundsätzlich auf europäische Technik zu setzen, ist etwas positives abzugewinnen. Denn vermutlich halten das die anderen drei haargenauso. Oder fliegt etwa in einem GPS-Satelliten russische oder chinesische Technik mit, die im Zweifelsfall einen Virus enthält, der eine auf Moskau oder Peking gerichtet Rakete umlenken könnte? Wohl kaum. Dass der Artikel dies jedoch in die Reihe der Kritik einordnet, hat wiederum etwas sehr „europäisches“.
3. Störung
Karl_der_Zweite_ 20.10.2011
Zitat von SteuersklaveBei der ganzen Geschichte geht es um europäische Rüstungsexporte. Man kann halt schlecht französische Raketen in den arabischen Raum verkaufen, wenn die Dinger ohne Unterstützung der USA das Ziel nicht finden. Wenn allerdings GPS gestört wird, funktioniert Galileo auch nicht mehr, weil es in einem schmalen Frequenzband innerhalb der (militärischen) GPS Frequenzen arbeitet.
Sie spekulieren überall. Im Krisenfall schalten die USA ihr GPS ab oder verzerren es. Dabei würden die Galileos weiter senden. qed. Aber wir können ja die Russen fragen, ob sie uns bei sich lauschen lassen . haha.
4. Etwas reisserisch
Volker Hett 20.10.2011
Man sollte nicht vergessen, dass die Verfügbarkeit von GPS im Moment nicht ganz sicher gestellt ist. Die USA hätte längst alte Satelliten austauschen müssen, es fehlt aber an Geld. China baut sein Netz noch auf, das ist auch nicht viel weiter als das europäische und irgendwo wollen wir ja auch unsere technische Kompetenz zeigen. Das russische Netz ist auch noch nicht vollständig obwohl Teile davon aus der Sovietzeit stammen und auch schon am Ende ihrer Lebensdauer angekommen sind. Dazu kommt dann noch die höhere Genauigkeit als GPS und die Kontrolle über die Funktion als solche. Die vergleichsweise billige Ariane 4 haben wir übrigens nicht mehr, weil wir ja kein Geld für zwei Baureihen rauswerfen müssen wenn wir für die kleinen Lasten günstig auf US Raketen zurückgreifen können. Oh? Wie? Die bauen keine mehr? Wie konnte das passieren?
5. Patente verletzt?
user_tha 20.10.2011
Beim Design von GALILEO hat sich die ESA an dem orientiert, was bei GPS schon lange funktioniert: z.B. werden bei beiden Systemen als Zeitsignal sowohl eine Kennung für die Woche als auch die Anzahl der Sekunden seit Beginn der Woche übertragen. Auch diverse andere Details der Spezifikation hat Galileo von GPS praktisch eins zu eins übernommen. Wenn sich die ESA da nicht rechtlich einwandfrei abgesichert hat, ist es also nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Klagen bzgl. Patentverletzungen gegen die Galileo-Betreiber aus den USA kommen - schließlich kann man in den USA auf so ziemlich alles ein Patent anmelden (auch auf Methoden / Konzepte), das über die Verwendung von Grundrechenarten hinausgeht....;)
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