Sternen-Fotoalbum Freiwillige sollen eine Million Galaxien durchforsten

Die Geburt von Galaxien ist eines der größten astronomischen Rätsel. Nun kann jeder zur Lösung des Mysteriums beitragen: mit seinem Computer und seinen Augen. Forscher haben ein galaktisches Fotoalbum mit einer Million Galaxien ins Internet gestellt - Freiwillige sollen sie klassifizieren.


Die Idee, mit Hilfe fremder Computer wissenschaftliche Daten zu analysieren, ist nicht neu: Auf manchen Rechnern drehen und wenden sich bunte Knäuel, die die chemische Struktur von Substanzen mit dem Potential zum neuen Krebsmittel identifizieren sollen. Anderswo zapfen Seti-Forscher Computer von E.T.-Fans an, um nach extraterrestrischen Funksignalen, vulgo Funksprüchen von Außerirdischen, zu horchen. Seit ein paar Monaten untersuchen heimische PCs Weltraumstaub-Körner, die die Nasa-Raumsonde "Stardust" bei einer Mission 2006 eingesammelt hat.

Spiral-Sternensystem NGC 7673: Millionen galaktische Bilder sollen mit "Galaxy Zoo" analysiert werden
ESA

Spiral-Sternensystem NGC 7673: Millionen galaktische Bilder sollen mit "Galaxy Zoo" analysiert werden

Nun also Galaxien. Wissenschaftler der britischen Universitäten in Portsmouth und Oxford sowie der John Hopkins University im US-amerikanischen Maryland haben ein giga-galaktisches Fotoalbum zusammengestellt und ins Internet gestellt: Bilder von rund einer Million Sternensysteme sind im "Galaxy Zoo" gesammelt. Jedes einzelne muss klassifiziert werden.

"Wir brauchen Hilfe"

"Wir sind in einem goldenen Zeitalter der Astronomie", sagte Bob Nichol, Astronom an der Universitiy of Portsmouth. "Wir haben mehr Daten als wir verarbeiten können. Wir brauchen Hilfe." Würden sich Computerprogramme durch den Bilderberg wühlen, dauerte es Jahre, bis alle Daten analysiert wären, so der Projektmitarbeiter. Machten 10.000 bis 20.000 Menschen mit, dann sei die Arbeit in wenigen Monaten erledigt.

Doch diesmal kann der freiwillige Helfer nicht einfach nur seinen Computer den Wissenschaftlern zur Verfügung stellen und nachts das Forscher-Programm rattern lassen. Die selbsternannten Helfer müssen richtig helfen, sprich: hinsehen.

Der erste Blick: Hat die Galaxie wirbelnde Ausläufer? Dann ist die Galaxie wohl ein spiralförmiges Sternensystem wie die Milchstraße - und nicht ein elliptisches. Ein zweiter Blick: Dreht sich der Wirbel im Uhrzeigersinn oder entgegengesetzt? "Das menschliche Gehirn ist in diesen Mustererkennungs-Aufgaben viel besser als ein Computer", sagt Projektmitarbeiter Kevin Schawinski von der University of Oxford. Vor allem, wenn eine Galaxie von einem Stadium in ein anderes wechselt oder zwei Wirbel sich vermischen, seien Computerprogramme überfordert und unzuverlässig.

Inspizieren, kategorisieren: Die Wissenschaftler des größten Galaxie-Zensus, den es je gab, wollen es ganz genau wissen. Astronom Nichol erklärt: Wenn sich der Helfer-Klassifizierung zufolge zwei einander nahe Galaxien in die gleiche Richtung drehen, dann wäre das ein Hinweis auf eine gemeinsame Herkunft - sie könnten zur gleichen Zeit aus derselben Quelle entstanden sein.

Die Ergebnisse sollen den Forschern zufolge helfen, endlich Antworten auf Fragen zu bekommen wie diese: Wie werden Galaxien geformt? Wie entsteht das galaktische Muster, das das gesamte Universum umspannt? Drehen sich Galaxien in einem Teil des Universums wirklich nur rechtsherum und in einem anderen Part des Alls linksherum - und wenn ja, warum? Bislang sind nur ein paar Hundert Galaxien untersucht worden - zu wenig für zuverlässige Antworten.

Aufnahme-Test und einzigartige Belohnung

Immer noch wüssten Wissenschaftler über Galaxien kaum mehr, als dass manche spiralförmig sind und andere elliptisch sind, sagt Nichol. "Es ist etwa so, als wenn wir wüssten, dass es auf der Welt Mann und Frau gibt, aber nicht wüssten, woher sie kommen und wie unterschiedlich sie sind", so der Astronom. "Was wir über diese Galaxien lernen, könnte uns etwas ganz Fundamentales über Kosmologie und Teilchenphysik verraten", so Nichol.

Damit die Forscher den Klassifizierungen ihrer wohl nicht immer astronomisch gebildeten Helfer vertrauen können, gibt es mehrere Sicherheitsvorkehrungen: Wer im "Galaxy Zoo" helfen will, muss nach der Anmeldung einen Einführungskurs absolvieren und einen Test bestehen. Außerdem wird jede Galaxie von mehreren Helfern klassifiziert - widersprechen sich auch nur zwei Personen bei der Form oder Drehrichtung einer Galaxie, nehmen die Astronomen des Projekts das Bild unter die Lupe und entscheiden dann selbst.

Der Lohn für die Mühen der freiwilligen Helfer: Wer das galaktische Foto-Album mit durchsucht, bekommt Bilder von Galaxien auf seinen Bildschirm, die womöglich noch kein Mensch gesehen hat. Die meisten dieser Galaxien wurden von einer Digitalkamera, die auf ein Teleskop des Apache Point Observatory im US-Bundesstaat New Mexico montiert ist, automatisch fotografiert. Die Aufnahmen wurden dann von einem Computer verarbeitet und direkt ins Fotoalbum von "Galaxy Zoo" eingespeist - und warten nun darauf, entdeckt zu werden.

fba/AP



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