Hagermann vergleicht seine Arbeit mit der des US-Astronomen und Astrophysikers Frank Drake. Der hatte im Jahr 1961 eine Gleichung vorgestellt, mit der die Zahl intelligenter Zivilisationen in der Milchstraße bestimmt werden kann. "Die Drake-Gleichung ist bis heute nicht präzise lösbar, aber wir kommen der Sache immer näher", sagt Hagermann. Der neue, auf der Energie basierende Ansatz erscheine auf den ersten Blick viel einfacher als die Drake-Formel. Doch bis der Forscher einen jeden Himmelskörper mit einem Maß für dessen Lebensfreundlichkeit versehen kann, dürfte indes noch einige Zeit vergehen. "Wir sind womöglich weit entfernt, das Ziel mag sogar unerreichbar sein", schränkt Hagermann ein.
"Vergleichbar mit dem geozentrischen Weltbild im Mittelalter"
Vielleicht greift die Suche nach außerirdischem Leben, wie die Forscher sie derzeit betreiben ohnehin zu kurz. "Das gegenwärtige Konzept der Astrobiologie stellt das Leben auf der Erde zu sehr in den Mittelpunkt", kritisiert Johannes Leitner von der Universität Wien. "Das ist vergleichbar mit dem geozentrischen Weltbild im Mittelalter." Der Österreicher arbeitet in einem Team, das sich Gedanken über alternative Habitate macht, in denen Leben existieren könnte.
Die Forscher sehen sich zum Beispiel Lösungsmittel wie Schwefelsäure an. Denn auch darin, und nicht nur in Wasser wie bei uns auf der Erde, könnte sich Leben entwickeln, vermuten sie - auch wenn kohlenstoffbasierter Stoffwechsel in der aggressiven Umgebung nicht möglich ist.
"Wir sind immer ziemlich befangen in der Annahme, dass Außerirdische aussehen wie wir. Aber das liegt nur daran, dass wir keine Alternativen kennen", hatte der US-Astronom und Astrophysiker Frank Drake vor einiger Zeit im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE gesagt. Leitner und seine Kollegen arbeiten nun daran, genau solche Alternativen zu entwickeln.
Die Konsequenzen sind weitreichend: Wenn man andere Lösungsmittel als Wasser in Betracht zieht, dann wird die habitable Zone um ferne Himmelskörper schlagartig größer. So nennen Astronomen den Bereich, in dem Exoplaneten lebensfreundliche Bedingungen bieten könnten. Und diese Zone wird etwa durch den Umstand größer, dass ein Ozean aus Ammoniak auch dann noch flüssig ist, wenn sein Pendant aus Wasser längst zu Eis erstarrt wäre. Andere Lösungsmittel wiederum würden auch bei Temperaturen noch munter hin und her schwappen, bei denen Wasser schon längst als Gas entfleucht wäre.
Das Problem: Die Menschheit kennt bisher noch keine einzige Lebensform in alternativen Lösungsmitteln. Deswegen ist es auch schwierig, nach Spuren ihrer Existenz, sogenannten Biomarkern, zu suchen. Die Wiener Forscher wollen sich deswegen nun überlegen, wie solche exotischen Lebensformen eigentlich funktionieren müssten. Mit den Erkenntnissen ließen sich zukünftige Forschungsmissionen so auslegen, dass sie auch nach exotischen Lebensformen Ausschau halten könnten.
Möglicherweise muss man dafür gar nicht allzu weit fliegen: Wenn man Leitners Gedanken aufnimmt, dann lohnt die Suche nach Leben zum Beispiel auch auf der Venus - beziehungsweise darüber. In der Atmosphäre des Planeten gibt es nämlich kleine Tröpfchen aus Schwefelsäure, die im Prinzip auch ein Habitat für exotische Lebensformen sein könnten. Auch den Saturnmond Titan hält der Österreicher für interessant, dort könnten wundersame Wesen in den Kohlenwasserstoff-Ozeanen leben.
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