Sudan: Forscher finden einmalige Meteoritentrümmer

Im Oktober 2008 zerplatzte über dem Sudan ein Meteorit in 37 Kilometern Höhe. Forscher konnten nun Trümmer des kosmischen Geschosses aufspüren. Sie geben Einblicke, was die Erde erwartet, wenn eines Tages ein größeres Exemplar im Anflug ist.

London - Die Männer und Frauen von Wadi Halfa mochten ihren Augen nicht recht trauen. Schnell wie eine Rakete raste der gleißende Feuerball über den Himmel der nordsudanesischen Wüstenstadt, um wenig später in einem Blitz aufzugehen. Bedrohliches Donnern folgte. Was wohl kaum jemand unter den Einwohnern wusste: In den frühen Morgenstunden des 7. Oktober 2008 war über ihren Köpfen ein rund 80 Tonnen schwerer Steinmeteorit nach dem Eintritt in die Erdatmosphäre spektakulär zerplatzt. Später sollte er den Namen Almahata Sitta bekommen.

Das Schauspiel hatte sich in 37 Kilometern Höhe zugetragen - und war vor allem deshalb bemerkenswert, weil es das erste Mal war, dass Astronomen einen Asteroiden vor seinem Zusammentreffen mit der Erde entdeckt hatten. Eine Bedrohung für die Menschheit war der Flugkörper nicht, dafür war er zu klein. Aufgespürt hatte ihn das automatische "Catalina Sky Survey"-Teleskop auf dem Mount Lennon im US-Bundesstaat Arizona.

Die Aufgabe des Fernrohrs ist es, potentiell gefährliche Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde möglichst früh zu entdecken. So soll Zeit bleiben, um sich auf Einschläge vorzubereiten oder sie gar abzuwenden. Die Vorwarnzeit für die Annäherung des lastwagengroßen Brockens war allerdings reichlich kurz: Gerade einmal 19 Stunden vergingen zwischen dem Moment, als 2008 TC3 auf den Computerschirmen auftauchte, und seinem furiosen Finale hoch über Wadi Halfa.

In der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Nature" ( Bd. 458, S. 485) beschreiben Forscher um Peter Jenniskens vom Seti-Institut im kalifornischen Mountain View die Fahndung nach den Überbleibseln. Denn das feurige Ende von Almanhatta Sitta hat den Steinbrocken nicht vollkommen aufgezehrt. Um die Reste zu finden, hatten die Wissenschaftler eine Suchexpedition auf die Beine gestellt. Insgesamt zehn Tage durchkämmten sie im vergangenen Dezember zusammen mit einer Busladung voll Studenten der Universität Khartoum die Nubische Wüste.

Bei der ersten Etappe der Fahndungsaktion kamen 15 Fragmente mit einer Gesamtmasse von 563 Gramm zusammen, der zweite Sucheinsatz erhöhte die Ausbeute auf insgesamt 47 Bruchstücke mit einem Gesamtgewicht von fast vier Kilogramm. Die Trümmer waren über eine Strecke von 29 Kilometern verteilt. "Die Explosion verwandelte beinahe den gesamten Asteroiden zu Staub", sagte Jenniskens im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Vor dem Zerbrechen, so glaubt er, lag die Gesamtmasse des Himmelskörpers bei rund 80 Tonnen. Das bedeutet, dass nur rund 0,005 Prozent des Ausgangsmaterials übrig geblieben sind. "Noch niemals wurden Meteoriten von etwas so Fragilem gefunden, das in so großer Höhe auseinandergebrochen ist", sagte Jenniskens.

Der deutsche Meteoritensucher Thomas Grau hatte vor wenigen Wochen bereits in Dänemark einen sensationellen Fund gemacht: Er hatte auf der Insel Lolland insgesamt 30 Gramm eines Meteoriten aufgespürt, der Mitte Januar hoch über Nordeuropa auseinandergebrochen war.

Besonders interessant im Fall das sudanesischen Fundes ist allerdings, dass die Wissenschaftler ihre Beobachtungen des anfliegenden Asteroiden im All mit den späteren Analysen der Meteoritentrümmer kombinieren konnten. Ein kleines, 1,5 Gramm schweres Bruchstück wurde dazu im Labor zertrümmert und untersucht. Bei dem Flugkörper, so wissen die Forscher nun, handelte es sich um einen sogenannten Ureiliten.

Damit gehört er zu den Anchondriten, einer Sorte von Gesteinsmeteoriten. Über den Ursprung dieser Körper wissen die Forscher nur wenig. Klar ist jedoch, dass sie sich - wahrscheinlich im Asteoiden-Hauptgürtel - aus dem ursprünglichsten Material des Sonnensystems geformt haben. Im Laufe der vergangenen 4,5 Milliarden Jahre haben sich die Asteroiden kaum verändert.

2008 TC3 bestand aus ungewöhnlich feinkörnigem, porösem und zerbrechlichem Material: In den Meteoritensammlungen der Forscher weltweit gibt es bislang keine ähnlichen Objekte. Der Kohlenstoffanteil in den Meteoritentrümmern ist graphitartig - und weist damit auf massive Erhitzung des Materials in der Vergangenheit hin. Außerdem finden sich sogenannte Nano-Diamanten, deren weitere Analyse verraten soll, ob die zu ihrer Entstehung notwendige Hitze bei Asteroidenkollisionen entstand oder andere Prozesse dafür verantwortlich sind.

Spektroskopischen Messungen und der Gesteinsanalyse zufolge gehörte 2008 TC3 zu einer wenig erforschten Klasse von Asteroiden. "Klasse-F-Asteroiden waren lange ein Rätsel", erläutert Seti-Planetenforscherin Janice Bishop. "Astronomen haben zwar mit Teleskopen deren einzigartige Spektraleigenschaften gemessen, aber vor 2008 TC3 gab es keine vergleichbare Meteoriten-Klasse, keine Steine, die wir im Labor untersuchen konnten."

Das neu gesammelte Wissen könnte eines Tages durchaus wichtig werden. Sollte einst ein Geschoss auf Kollisionskurs mit der Erde sein, das weit größer als 2008 TC3 ist, dann weiß die Menschheit, welche Art von Angreifer sie erwartet: "Wenn sich ein Klasse-F-Asteroid auf uns zu bewegt, dann wissen wir, dass wir es mit nur sehr lose zusammengefügtem Material zu tun haben", sagt Jenniskens.

Allerdings steckt die Entwicklung von Technologien, mit denen die Erde vor einem katastrophalen Einschlag bewahrt werden könnte, noch in den Kinderschuhen. Wenn heute ein gefährlicher Flugkörper entdeckt werden würde, blieben de facto keine Gegenmittel - selbst wenn die Vorwarnzeit weit über den 19 Stunden von 2008 TC3 läge.

chs/dpa

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