Supernovae Tatort-Fotos von Sternenleichen

So schnell hat noch kein Weltraumteleskop Sternenexplosionen fotografiert: Unmittelbar nach mehreren Supernovae sind "Swift" fantastische Bilder von Sternenleichen gelungen. Nasa-Forscher haben die atemberaubenden Aufnahmen jetzt zu einer Art Steckbrief zusammengestellt.


Stefan Immler hat die Schnappschüsse arrangiert wie Porträtfotos auf einem Fahndungsplakat. Quadratische Bilder, eng gedrängt. Von Mug Shots spricht auch die Nasa - der englische Ausdruck für Verbrecherfotos. Doch im Gegensatz zu den klassischen Schwarz-weiß-Fahndungsplakaten aus den siebziger und achtziger Jahren strotzt Immlers Poster geradezu von Farben und Formen. Explosionen und Sternenwirbel in Rot, Gelb und Orange, in Grün, Blau, Lila und Weiß.

Es handelt sich um die Aufnahmen von zwei Dutzend Sternenexplosionen aus der jüngsten Vergangenheit. Der Forscher präsentierte sein Poster beim Treffen der American Astronomical Society in San Francisco. Jede Supernova ist in drei Ansichten zu bestaunen - allerdings nicht von vorne, links und rechts wie bei Verbrecherporträts. Die kosmischen Explosionen werden in drei unterschiedlichen Wellenlängen abgebildet: im sichtbaren und ultravioletten Licht sowie in dem Röntgenspektrum, das sie abstrahlen.

Das wissenschaftlich Außergewöhnliche daran ist, wie schnell nach dem Tod der jeweiligen Sterne ihre Trümmer aufgenommen wurden. "Bei vielen Supernovae gelangten wir binnen Stunden zum Tatort", sagt Immler, "im Gegensatz zu einem Zeitraum von Tagen oder Wochen, der üblicherweise verstreicht."

Schnelle Schnappschüsse der Sternen-Leichen

Die Wissenschaftler des Goddard Space Flight Center in Greenbelt im US-Bundesstaat Maryland hatten mit dem Nasa-Satelliten "Swift" Sternenexplosionen in der Nachbarschaft der Milchstraße regelrecht gejagt. An diesem Institut forscht auch John Mather, der für seine Arbeit zur kosmischen Hintergrundstrahlung den diesjährigen Physik-Nobelpreis erhalten wird . Eigentlich dient das "Swift"-Weltraumteleskop dazu, sogenannte Gamma Ray Bursts zu verfolgen - die energiereichsten Explosionen im Universum. Diese Blitze dauern meist nur wenige Sekunden. Wer sie beobachten und analysieren will, muss also sehr schnell sein: eine Spezialität der Instrumente von "Swift".

Von diesen Fähigkeiten profitierte nun die Supernovae-Suche des Goddard-Teams um Immler. Zwei neue Erkenntnisse stechen nach Angaben der Wissenschaftler hervor: Eine Explosion mit dem Namen SN 2005ke ist die erste Supernova des Typs Ia überhaupt, die auch im Röntgenspektrum aufgenommen wurde, teilte die Nasa mit. Durch die Analyse dieser Strahlung konnten Immler und sein Team erstmals eine von zwei Theorien zu Typ-Ia-Supernovae durch direkte Beobachtungen untermauern. Demnach entstehen sie, wenn ein weißer Zwerg um einen roten Riesen rotiert - und nicht, wie ebenfalls vermutet worden war, um einen zweiten weißen Zwerg.

SN 2006bp, eine Supernova des Typs II, konnten die Forscher innerhalb des ersten Tages nach der Explosion beobachten - nach Angaben der Nasa ein Rekord für Weltraumteleskope. Zur Überraschung des Teams sandte die Sternenleiche schon sofort nach der Explosion Röntgenstrahlen aus. Sie verschwanden aber auch binnen Tagen wieder. Die Forscher folgern, dass viele Beobachter älterer Supernovae den Röntgenanteil der jeweiligen Explosion schlichtweg verpasst haben.

Dabei ist gerade dieser für Astrophysiker besonders interessant. "Die Röntgenstrahlen legen direkt Zeugnis von der chemischen Zusammensetzung des explodierten Sterns und seiner unmittelbaren Umgebung ab", teilte die Nasa mit. Das hilft den Forschern erheblich dabei, die genaueren Umstände des Sternentodes aufzuklären.

Außerdem lässt Immlers Poster an einer Erkenntnis keinen Zweifel: dass die eben erst explodierten Sterne zu wunderschönen Leichen im All werden.

stx



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