Tiefseegarnelen Wie Aliens vom Jupitermond

Wenn es außerirdisches Leben gibt, könnte es aussehen wie Tiefseegarnelen aus der Karibik. Zu diesem Schluss kommen Nasa-Forscher nach Tauchgängen an Thermalquellen.

Courtesy Chris German/ WHOI/ NSF/ NASA/ ROV Jason/ 2012 WHOI

Sie leben in ewiger Finsternis. Ganz unten im Meer, nahe den höllisch heißen Strömen hydrothermaler Quellen kriechen Tiefseegarnelen übereinander. Die bleichgesichtigen Bewohner des karibischen Meers leben dicht an dicht gedrängt auf den ozeanischen Schloten. Bakterien in ihrem Mund und den speziell entwickelten Kiemen produzieren in der Wärme des Wassers die Nahrung, die sie am Leben hält.

Forscher des Jet Propulsion Laboratory (JPL) der US-Raumfahrtbehörde Nasa haben das geheimnisvolle Ökosystem der Tiefseetiere in der Karibik näher untersucht. Sie glauben, dass es auf anderen Planeten und Monden im Universum - etwa auf Europa, dem eisigen Jupiterbegleiter - ähnliche Lebensformen wie die Tiefseegarnelen geben könnte.

Europa, dessen Durchmesser mit dem des Erdmonds vergleichbar ist, fasziniert Forscher schon lange. Im Dezember 2013 rückte die Entdeckung einer Wasserdampf-Fontäne den Mond weiter in den Mittelpunkt der extraterrestrischen Forschung. Lebensbausteine könnten einst durch einen Asteroiden oder Kometen auf dem Jupitermond deponiert worden sein, erklärten Nasa-Forscher des JPL.

"Mikroben waren lange Zeit das einzige, was auf der Erde existieren konnte", sagt Max Coleman, leitender Wissenschaftler des JPL. Auch auf dem Jupitermond Europa hätten am ehesten Mikroben eine Chance zu überleben. Deshalb interessiert die Forscher vor allem das Zusammenleben der Garnelen mit den Bakterien, die sie ernähren. "Wir wollen herausfinden, wie viel Leben oder Biomasse aus der chemischen Energie solch heißer Tiefseequellen entstehen kann", so Coleman.

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Tiefseekrabben: Ökosystem in ewiger Dunkelheit
Schwefelwasserstoff als Nahrung

Die Tiefseegarnelen seien in der Lage, in extremen Umgebungen zu überleben, berichten die Nasa-Wissenschaftler. Das Wasser direkt an den Hydrothermalquellen sei rund 450 Grad heiß, ein paar Zentimeter entfernt herrschten dann Temperaturen, in denen sich die Garnelen wohlfühlten. Sie seien zwar blind, doch Wärmefühler an ihrem Hinterkopf ermöglichten ihnen ausreichend Orientierung.

In zu hoher Konzentration sei Schwefelwasserstoff, das aus den heißen Quellen kommt, giftig. Aber die Bakterien benötigten es, um zu überleben. Also positionieren sich die Garnelen genau dort, wo an den Schloten normales, sauerstoffreiches auf schwefelreiches Wasser aufeinandertrifft. So können Garnelen und Bakterien in perfekter Harmonie nebeneinander existieren.

Das System Tiefseegarnele sei eine "bemerkenswerte Symbiose", berichtet Coleman. Ob es Tiere wie die Tiefseegarnelen tatsächlich an Orten wie dem Jupitermond Europa gibt, hänge letztlich stark davon ab, wie viel Energie durch dort vorkommende hydrothermale Quellen freigesetzt werde, schlussfolgern die JPL-Forscher.

Flexibler Speiseplan

Coleman beschäftigt sich schon länger mit den wundersamen Tiefseegarnelen. Gemeinsam mit Chris German und Kollegen des Woods Hole Oceanographic Institution im US-Bundesstaat Massachusetts erforschte er bereits 2009 das seltsame Leben nahe der Tiefseethermalquellen. Damals entdeckten die Forscher das spezielle Atmungssystem der Garnelen. 2012 kehrte Coleman zu den Tiefseeschloten zurück, mit einem Tiefseerover nahm sein Team Bodenproben der Hydrothermalquellen.

Eine interessante Erkenntnis machte Coleman beinah zufällig: Einige der Garnelen (Rimicaris hybisae) scheinen nicht nur von der Bakteriensymbiose zu leben. Dort, wo die Tiere nicht in dichten Gruppen um einen Tiefseeschlot vagabundieren können, essen sie auch andere Tiere: Schnecken, andere Kleinkrebse und sogar Garnelen der eigenen Art stehen dann auf ihrem Speiseplan. Auf dem Jupitermond Europa würde sie dieser Speiseplan aber wohl kaum weiterbringen.

nik



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