Titan-Mission Signale aus der Methanwüste

Die Raumsonde "Huygens" hat spektakuläre Daten vom Saturnmond Titan zur Erde gefunkt, darunter bizarre Bilder und brausende Töne. Sie zeigen eine fremdartige Welt, lebensfeindlich und doch mit frappierenden Parallelen zur Erde.

Aus Darmstadt berichtet


Darmstadt - "Was ich gesehen habe, hat mich vom Hocker gehauen", sagte David Southwood. Der Chefwissenschaftler der europäischen Raumfahrtagentur Esa konnte am heutigen Samstag einen Triumph für die Forschung verkünden: Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist eine Forschungssonde auf dem Saturnmond Titan gelandet - und hat den Blick in eine bisher völlig unbekannte Welt freigegeben.

Die ersten Bilder von "Huygens": Die helleren Flächen deuten auf Eis hin, die dunklen auf Methanseen und -kanäle
DPA

Die ersten Bilder von "Huygens": Die helleren Flächen deuten auf Eis hin, die dunklen auf Methanseen und -kanäle

Das europäische Landegerät "Huygens", das sieben Jahre lang an Bord der Nasa-Sonde "Cassini" zum Saturn unterwegs war, hat die dichte Wolkendecke von Titan durchdrungen und eine Datenmenge zur Erde gefunkt, an deren Auswertung die Wissenschaftler voraussichtlich Jahre arbeiten werden. "Wir stehen gerade erst am Anfang der Analyse", betonte Southwood. "Aber wir wissen schon jetzt, dass ein gewaltiges Potenzial vor uns liegt."

Die ersten Schwarzweiß-Bilder des Saturnmonds zeigen dunkle, offenbar ebene Flächen und helle Bereiche, die von Kanälen durchzogen scheinen. "Es ist fast unmöglich, der Versuchung zu widerstehen, die dunklen Flächen als ehemals überschwemmte Gebiete zu interpretieren", sagte Marty Tomasko, verantwortlich für die Sinkflug-Kamera und das Spektral-Radiometer an Bord von "Huygens".

Der deutsche Esa-Wissenschaftler Horst Uwe Keller vermutet Ähnliches: Die dunklen Bereiche seien wahrscheinlich keine Methanseen, wie manche Forscher zuvor gemutmaßt hatten. "Es sind wohl eher morastige Überschwemmungsgebiete", sagte Keller gegenüber SPIEGEL ONLINE.

"Huygens" gelang es zudem, den Klang der Titan-Atmosphäre mit einem Mikrofon aufzunehmen und zur Erde zu funken. Die Geräusche, die im Esa-Kontrollzentrum vorgespielt wurden, ähnelten einem anhaltenden Brausen, ähnlich einer Kraftwerksturbine. Die Forscher schließen daraus, dass über die unwirtliche Titanoberfläche permanent schwere Stürme hinwegbrausen könnten.

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Landung auf Titan: Huygens auf dem Saturnmond

Wegen des Stickstoffs und dem Methan in der Titan-Atmosphäre könnten ähnliche chemische Reaktionen ablaufen wie in der Gashülle der Erde vor mehr als drei Milliarden Jahren, lange vor der Entstehung des ersten Lebens. Anzeichen von Gewittern aber konnte "Huygens" nicht finden. Auch Sauerstoff und damit die Voraussetzung für lebendige Organismen wird es auf Titan wohl nie geben. "Dafür bräuchte man Pflanzen", sagt Keller. "Aber minus 180 Grad Celsius sind dafür zu kalt."

Das erste Farbbild von der Oberfläche des Mondes weckt Erinnerungen an einen sehr viel näher gelegenen Himmelskörper: den Mars. Brocken unterschiedlicher Größe liegen über einen orangefarbenenen Boden verstreut. Allerdings handelt es sich bei den Klumpen nicht wie auf dem Roten Planeten um Gestein, sondern vermutlich um Methan- und Wassereis.

Von letzterem hat "Huygens" gar ansehnliche Mengen gefunden. "Über die genaue Zusammensetzung können wir erst dann etwas sagen, wenn wir die Lichtspektren von der Oberfläche Titans mit denen von Vergleichsmaterialien aus dem Labor verglichen haben", erklärte Tomasko.

Drei Stunden und 57 Minuten lang hat "Huygens" Daten über "Cassini" in Richtung Erde geschickt, davon 70 Minuten von der Oberfläche. Der Landeplatz war ein echter Glückstreffer. Anhand der Messungen gehen die Forscher davon aus, dass die Sonde bei der Landung eine dünne Kruste durchbrochen hat und etwa 15 Zentimeter tief in weichen Boden eingesunken ist. "Wie Creme brulee" müsse sich das angefühlt haben, meint John Zarnecki, der das Experiment zur Erforschung der Titan-Oberfläche leitet.

Der Wissenschaftler der britischen Open University konnte einen vollen Erfolg für sein Team verbuchen: Alle neun Sensoren des "Surface Science Package" haben ihre Daten vollständig abgeliefert. "Es ist kein einziges Datenpaket verloren gegangen", sagte Zarnecki.

Erstes Farbild vom Titan
ESA

Erstes Farbild vom Titan

Allerdings musste die Esa auch eine schmerzhafte Panne melden. Einer der beiden Kanäle, über die "Huygens" seine Daten zum Mutterschiff "Cassini" funkte, fiel aus bisher unbekannten Gründen aus. Um sicher zu gehen, dass die Daten der sechs Experimente sicher zur Erde gelangen, wanderte ein Grossteil der Messergebnisse über beide Kanäle zugleich. Manche Instrumente aber haben wegen der großen Menge an Informationen unterschiedliche Daten über die beiden Kanäle versendet.

Die Hälfte der Bilder von der Titan-Oberfläche ist deshalb unwiederbringlich verloren. Southwood kündigte eine Untersuchung an, um die Gründe der Panne zu klären. "Bisher können wir noch keine Aussage zum Grund des Ausfalls machen", sagte der Esa-Chefwissenschaftler.

Auch das Doppler-Windexperiment, das die Geschwindigkeit von "Huygens" in der Titan-Atmosphäre messen sollte, schien durch das Versagen von Kanal A zunächst ein Totalverlust zu sein. Durch eine globale Blitzaktion aber konnte das Experiment gerettet werden: Insgesamt 18 Radioteleskope lauschten dem Trägersignal von "Huygens" und lieferten derart präzise Daten, dass die Geschwindigkeit der Sonde zuverlässig bestimmt werden konnte. "Mir fällt es immer noch schwer, das zu glauben", sagte Southwood.

Die Esa bewertet die Mission insgesamt als glänzenden Erfolg. "Titan war eine absolute Terra Incognita", betonte Horst Uwe Keller. "Er gehörte zu den wenigen Orten in unserem Sonnensystem, über dessen Aussehen wir praktisch nichts wussten."

Für manche Wissenschaftler war die "Huygens"-Mission nicht weniger als ein Lebenswerk - wie etwa für Claudio Solazzo, der im Esa-Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt für die Steuerung der Sonde verantwortlich war. "Ich habe 14 Jahre in dieses Projekt investiert, es war mein Baby", sagte Solazzo SPIEGEL ONLINE.

Es sei ein unbeschreibliches Gefühl gewesen, das erste Signal von "Huygens" zu sehen. "Ich konnte es nicht glauben, aber ich musste cool bleiben", sagte der Wissenschaftler, während er gegen die Tränen ankämpfte. "Schließlich war ich immer noch für die Überwachung der Sonde verantwortlich."

Nach 20 Jahren in Darmstadt muss Solazzo nun andere Projekte in Angriff nehmen. "Ich muss viele gute Freunde zurücklassen", sagte der sonst stets lächelnde Italiener sichtlich ergriffen. "Das wird der härteste Teil der Mission."



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