Airbus-Chef Enders über Wirtschaft im All "Ich kann nicht erkennen, was daran unethisch sein soll"

Rohstoffabbau auf Asteroiden? Siedlungen und Fabriken auf dem Mond? Airbus-Chef Tom Enders hat für sein Unternehmen ambitionierte Pläne im All - und wünscht sich dafür mehr Unterstützung durch die Politik.

Start einer "Ariane 5"-Rakete in Kourou, Französisch-Guyana (im November 2016)
DPA/ S Martin / Arianespace Cnes/ Csg/ ARIANESPACE

Start einer "Ariane 5"-Rakete in Kourou, Französisch-Guyana (im November 2016)

Ein Interview von


Ziemlich imposant ist die Rakete, die vor der ÖVB-Arena von Bremen steht - auch wenn sie nie abheben wird. Beim weltgrößten Treffen der Raumfahrtbranche kommen im angrenzenden Messe- und Kongresszentrum in dieser Woche 6000 Wissenschaftler, Ingenieure und Manager zusammen.

Und die Besucher des International Astronautical Congress werden von einem 17 Meter hohen Nachbau der "Ariane 6" im Maßstab 1-zu-4 begrüßt. Sie soll zeigen, welche Pläne Europas Raumfahrt in den kommenden Jahren hat.

Noch ist die europäische Rakete nicht geflogen, doch die Produktion läuft gerade an. So werden wenige Kilometer vom Kongressgelände entfernt in einem großen Reinraum bereits die ersten Oberstufen-Tanks gefertigt. Andere Komponenten werden unter anderem in Frankreich, Italien und der Schweiz hergestellt. Doch die Rakete tritt gegen starke Konkurrenz aus den USA an.

Am Donnerstagabend wird Airbus-Chef Tom Enders auf dem Kongress die Weltall-Pläne seiner Firma vorstellen, die unter anderem auch am "Ariane"-Hersteller Ariane Group beteiligt ist.

Vorab hat der Manager schon mit dem SPIEGEL über seine Ideen für eine "Orbital Economy" gesprochen, ein Wirtschaftssystem jenseits der Erde. Als Thema für das Interview waren übrigens explizit die Weltraumaktivitäten von Airbus vereinbart, um andere aktuelle Themen wie die Technikprobleme beim A320neo oder die Folgen des Brexits ging es nicht.

Zur Person
  • Airbus / Marquardt
    Tom Enders, 59, ist seit Juni 2012 Vorstandsvorsitzender der Airbus SE. Das Unternehmen ist Europas größter Luft- und Raumfahrt- sowie zweitgrößter Rüstungskonzern. Enders hat Wirtschafts-, Politik- und Geschichtswissenschaft studiert und danach unter anderem im Bundestag, bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und im Verteidigungsministerium gearbeitet. Ins Geschäft mit Luft- und Raumfahrt sowie Rüstungsgütern kam er Anfang der Neunziger bei MDD/DASA. Durch Fusionen wurden daraus zunächst EADS und schließlich Airbus. Er hat angekündigt, seinen im kommenden Jahr auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Enders, der Abbau von Ressourcen auf Asteroiden im Sonnensystem ist ein viel diskutiertes Thema. Ist so etwas ethisch zu verantworten? Und wenn ja, baut Airbus bald Gerätschaften, mit denen das möglich ist?

Enders: So eine Frage stellt wohl nur ein deutscher Journalist.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Enders: Nun, während andere große Nationen solche Themen angehen und sich anschicken, daraus ein Geschäft zu machen, müssen in Deutschland immer erst Ethikkommissionen eingesetzt werden. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was daran unethisch sein soll, auf irgendwelchen Felsbrocken, die im Weltall rumtaumeln, Bodenschätze zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Sache so ist: Arbeiten Sie nun an solcher Technik?

Enders: Das ist ein eher langfristiges Thema. Wir haben hier noch keine konkreten Projekte. Dafür gibt es näher liegende Ziele, zum Beispiel den Mond.

SPIEGEL ONLINE: Rohstoffe aus dem All, womöglich auch vom Mond, sind Voraussetzung für ein Wirtschaftssystem jenseits der Erde. Sie nennen das eine "Orbital Society". Glauben Sie wie SpaceX-Chef Elon Musk, dass die Menschheit eine "multiplanetare Spezies" werden sollte?

Enders: Ich schließe das nicht aus. Viele der Technologien, die wir heute selbstverständlich nutzen, wurden vor 50 oder 100 Jahren noch für völlig undenkbar gehalten. Einer der beiden Wright-Brüder, die den ersten motorisierten Flug absolviert haben, hat mal die Prognose gewagt, dass ein Flug zwischen New York und Paris auf alle Zeit unmöglich sei. Das zeigt: Man sollte vorsichtig sein mit solchen Projektionen.

SPIEGEL ONLINE: Werden wir also Kolonien auf Mond und Mars sehen?

Enders: Dass sich die Menschheit stärker aus ihrer Erdverbundenheit loslösen könnte, kann ich mir vorstellen. Ob da allerdings Kolonien daraus entstehen, wo Menschen zu Tausenden oder Millionen außerhalb der Erde leben… - mag sein, dass das in einigen Hundert oder Tausend Jahren der Fall ist. Es ist einstweilen schon ambitioniert genug, zum Mond zurückzukehren und den Mond als Basis für andere Missionen zu nutzen. Zum Beispiel zum Mars. Der Aufbau von Fertigungsanlagen, das Gewinnen von Bodenschätzen auf dem Mond würde viele Vorteile für weitere Raumfahrtunternehmungen bringen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn die Airbus-Strategie für Geschäfte auf dem Mond?

Enders: Ich würde Ihnen und mir etwas vormachen, wenn ich sage, dass wir eine fertige Strategie besitzen. 2019 jährt sich der Besuch von Neil Armstrong auf dem Mond zum 50. Mal. Da ist es Zeit, dass die internationale Raumfahrt sich daran macht, den Mond wieder zu betreten und ihn als Basis zu nutzen. Und da wollen wir dabei sein! Das ist aber ein langfristiges Ziel und passt nicht in einen Fünfjahresplan.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn die größte Hürde auf dem Weg zu diesem Ziel?

Enders: Viel hängt davon ab, wie energisch wir Raumfahrt in Europa vorantreiben. Wenn wir uns mehr anstrengen, dann werden wir zumindest noch in meiner Lebenszeit europäische Produkte - auch mit dem Airbus-Logo - auf dem Mond sehen. Wir wollen dazu als Industrie gern beitragen, können das aber nicht alleine stemmen.

"Wir brauchen effizientere Strukturen und höhere Budgets."

SPIEGEL ONLINE: Airbus und Boeing sind Dauerrivalen auf der Erde. Und sie sind es auch im All. Boeing ist fast fertig mit dem Bau eines Raumschiffes, das Menschen befördern kann, und trainiert eigene Astronauten. Airbus ist nur Zulieferer für ein Raumschiff der Nasa. Ist Ihnen das genug?

Enders: In den USA verfügen Firmen, die Raumfahrt betreiben, über Budgets, die vier bis fünfmal so hoch sind wie in Europa. China investiert ebenfalls massiv in die Raumfahrt. An diesen Realitäten müssen sich unsere Ambitionen messen. Natürlich würden wir uns wünschen, dass Europa sich sehr viel mehr vornimmt. Ich finde, Europa muss aufwachen. Wir brauchen effizientere Strukturen und höhere Budgets.

SPIEGEL ONLINE: Wo sollen die herkommen?

Enders: Wir brauchen eine effizientere Raumfahrtstrategie in Europa. Deswegen haben wir in Paris und Berlin vor einigen Monaten eine entsprechende Initiative auf höchster Ebene eingesteuert. Mit den gegenwärtigen Strukturen kann es nicht weitergehen. Der sogenannte Georeturn-Verteilungsschlüssel ist ein großes Hindernis für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Wenn jedes Land so viel an Arbeitsaufträgen für seine Raumfahrtindustrie zurückbekommt, wie es für ein Raumfahrtprojekt bezahlt, kann man nicht wettbewerbsfähig bleiben. Das zwingt uns zum Beispiel, in zu vielen Ländern Teile für eine Rakete herzustellen, die man dann durch ganz Europa transportieren muss.

SPIEGEL ONLINE: Kein Land wird seine Privilegien aufgeben wollen. Wer soll sich für eine Änderung dieser Regelung starkmachen?

Enders: Frankreich und Deutschland müssen hier eine Führungsrolle einnehmen. Das sind die beiden größten Beitragszahler bei der Europäischen Weltraumorganisation. Wenn diese beiden Länder sich nicht zusammenraufen, passiert wenig.

SPIEGEL ONLINE: Und, wie war die Reaktion auf ihren Vorstoß?

Enders: Leider muss ich feststellen, dass sich bisher wenig getan hat. Das ist sehr bedauerlich.

SPIEGEL ONLINE: Hängt es an Paris oder Berlin?

Enders: Raumfahrt trifft in Paris traditionell auf mehr Interesse und Dynamik. Aber ich werbe dafür, dass beide Nationen erkennen, welche ökonomischen und technologischen Zukunftschancen in dem Thema stecken. Und kein Europäer kann das allein schaffen, nur zusammen steht uns das All weit offen.

SPIEGEL ONLINE: Wer müsste aus Ihrer Sicht in der Bundesregierung aktiv werden? Luft- und Raumfahrt-Koordinator Thomas Jarzombek? Wirtschaftsminister Peter Altmaier? Die Bundeskanzlerin?

Enders: Es liegt mir fern, mit dem Finger auf irgendwen zu zeigen. Ich habe ganz grundsätzlich weiterhin die Hoffnung, dass wir in Deutschland für die nötige Dynamik sorgen, die wir in der Raumfahrt unbedingt brauchen, wenn wir in Zukunft noch eine Rolle spielen wollen. Wir haben dieses Thema jedenfalls an höchster Stelle adressiert.

SPIEGEL ONLINE: Bis jetzt hat Airbus im Bereich Weltraumtechnologie vor allem Auftragsarbeiten erledigt. Es gab öffentliches Geld, für das Sie etwas gebaut oder betrieben haben. Wäre es nicht mal an der Zeit, mehr eigene Mittel in die Hand zu nehmen und selbst etwas zu wagen?

Enders: Das tun wir bereits, zum Beispiel bei der neuen "Ariane 6". Da übernehmen wir als Industrie zusammen mit unserem Partner Safran einen erheblichen Eigenanteil. Das tun wir ebenso beim Bau des OneWeb-Satellitenprojekts. Es gibt aber auch Bereiche, die ohne staatliche Finanzierung nicht auskommen. Und, das wird häufig übersehen: Firmen wie Boeing und SpaceX profitieren sehr stark von Staatsausgaben - von Nasa-Aufträgen und von militärischen Aufträgen.

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SPIEGEL ONLINE: An der "Ariane 6" wird fieberhaft gearbeitet. Allerdings lässt sich absehen, dass die Rakete wohl nie die niedrigen Preise der Konkurrenz von SpaceX bieten kann. Ist sie schlicht überflüssig?

Enders: Das glaube ich ganz und gar nicht. Von der "Ariane 5" zur "Ariane 6" haben wir einen riesigen Schritt vollzogen. Wir reden über etwa 50 Prozent Kostenreduzierung. Das kann aber nur ein Zwischenschritt sein, denn wir müssen zukünftig unbedingt an der Wiederverwendbarkeit arbeiten. Da sind wir deutlich hinter den Amerikanern zurück. Das kann auf Dauer nicht so bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ziel ist also, dass zumindest die Nachfolgerin der Ariane 6 so wieder auf der Erde landen kann, wie wir das jetzt schon von SpaceX-Raketenstufen kennen?

Enders: Wir haben, wie viele herkömmliche Raumfahrtfirmen, lange daran gezweifelt, dass das Recycling von Raketen technologisch möglich und ökonomisch sinnvoll sein kann. Aber der Trend ist sehr klar erkennbar. Und damit auch die Konsequenzen für uns: Wegwerf-Raketen sind ein Auslaufmodell.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt zu One Web. Die Firma will die gesamte Erde mithilfe von mehr als 1000 Satelliten mit Internet versorgen. Leider gibt es Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Sie sind einer der Partner des Unternehmens. Was ist das Problem?

Enders: Die eigentliche Herausforderung in vielen großen Konstellationsprojekten, so auch hier, liegt in der Finanzierung, da die Anlaufkosten erheblich sind. Allerdings sind wir zuversichtlich, dass die Investitionen in der Nutzungsphase schnell wieder eingespielt werden können. Die Wachstumsmöglichkeiten sind beträchtlich. Hinzu kommt: Inzwischen haben auch militärische Kunden Interesse an der Technologie bekundet. Diese Möglichkeit haben wir anfangs in unseren Businessplänen überhaupt nicht in Rechnung gestellt. Das Faszinierende an One Web ist: Wir haben - gerade was die Stückkosten und Produktionszyklen angehen - eine nie vorher gesehene Transformation im Bau von Satelliten herbeigeführt.

SPIEGEL ONLINE: Umsetzen muss Ihre Pläne für das All aber am Ende wohl jemand anders. Sie geben Ihren Chefposten bei Airbus ja auf. Wann genau?

Enders: Mein Mandat läuft bis zur nächsten Hauptversammlung im April 2019. Dann werde ich den Stab an einen sicherlich sehr befähigten Nachfolger übergeben.

SPIEGEL ONLINE: Als aussichtsreichster Kandidat für Ihre Nachfolge gilt der Franzose Guillaume Faury. Könnten Sie ihn sich in dem Job vorstellen?

Enders: Der Verwaltungsrat hat angekündigt, im vierten Quartal dieses Jahres eine Entscheidung zu treffen. Die müssen wir abwarten. Was Guillaume Faury angeht: Er ist sicher einer unserer Spitzenleute im Unternehmen, der über viel Erfahrung in der Luftfahrt und der Automobilindustrie verfügt.

Video: Mit dem Airbus in die Schwerelosigkeit

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