Trockener Trabant Radar findet kein Eis in Mondkratern

Seit Jahren hoffen Forscher, tief in den dunklen Kratern am Mond-Südpol auf Eis zu stoßen. Doch sie könnten enttäuscht werden: Radar-Untersuchungen fanden in den kalten Löchern keine Spuren von Wassereis. Sollte das stimmen, wären die Nasa-Pläne für eine Mondstation Makulatur.


Die Vorstellung von der Tankstelle im kosmischen Vorgarten der Erde klingt allzu verlockend: Wenn Menschen auf dem Mond eine Art Raststätte für weitere Expeditionen Richtung Mars errichten, sollen sie dort auch gleich Sauerstoff zum Atmen und Wasserstoff als Raumschiff-Treibstoff gewinnen - aus Wassereis, das die Astronauten in schattigen Kratern am Südpol finden.

Doch womöglich gibt es in den tiefen Löchern am Südpol des Mondes gar kein Eis - oder zumindest weniger, als bisher angenommen. Das lassen Radarmessungen australischer und US-amerikanischer Forscher nun vermuten. "Reichlich Steine, aber keine Eisschichten", meldete die Cornell University. Vom Radioteleskop im puertoricanischen Arecibo aus hätten Astronomen um Donald Campbell Radarwellen zum Mond-Südpol geschickt und mit dem Green-Bank-Teleskop im US-Bundesstaat West Virginia wieder aufgefangen.

Die so entstandenen Radarbilder "zeigen keine Hinweise für konzentrierte Ablagerungen von Wassereis im Shackleton-Krater oder anderswo am Südpol", schreiben die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature". Damit widersprechen sie der bisherigen Lehrmeinung über Wasser auf dem Erdtrabanten.

Seit dem Jahr 1994 herrschte unter Planetenforschern Optimismus: Radaraufnahmen der Raumsonde "Clementine" vom Südpol des Monde hatten ein bestimmtes Polarisationsmuster gezeigt. Die Art, wie der Mond die Radarwellen zurückgeworfen hatte, deuteten Wissenschaftler als Folge der Reflexion durch Wassereis. Eine schöne Überraschung für hochfliegende Pläne - zumal "Clementine" ein ehemaliger Militärsatellit war, den die US-Amerikaner im Rahmen des Star-Wars-Programms von US-Präsident Ronald Reagan gestartet hatten.

Irdisches Wasser auf ewig tiefgekühlt?

Auch Geologen fanden es plausibel, dass am Südpol des Mondes Eis vorkommt. Dort erreicht die Sonne den Boden vieler Krater niemals. Diese Löcher im ewigen Schatten sind eiskalt, nie steigt die Temperatur dort über Minus 173 Grad Celsius. Allerdings gibt es keine Erklärung dafür, wie auf dem Mond selbst Wasser entstanden sein könnte. "Es muss nachträglich eingefangen worden sein", sagte Dietrich Möhlmann vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin.

Schließlich umkreise der Mond die Erde, aus deren Atmosphäre kleine Mengen an Wasser entschwänden - die dann im Kühlschrank des Mondsüdens gefrieren könnten, etwa im zwei Kilometer tiefen, 19 Kilometer durchmessenden Shackleton-Krater. Schließlich hatten im Jahr 1992 Radarmessungen von der Erde aus ähnliche Eisvorkommen in Kratern auf dem Merkur nachgewiesen.

"Campbells Ergebnisse stehen in gewissem Widerspruch zu anderen Messungen, die wir haben", sagte Planetenforscher Möhlmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sollten die Autoren des "Nature"-Beitrags Recht behalten, wäre das ein Rückschlag oder "wenigstens eine Überraschung".

Klärung wird erst ein Einschlag bringen

Doch Möhlmann bezweifelt die Aussagekraft dieser Messungen: Mit der verwendeten Wellenlänge komme man nur 10 bis 20 Zentimeter in den Mondboden hinein. "Insofern scheinen mir diese Ergebnisse noch nicht als endgültig und auch nicht als verallgemeinerbar auf alle Krater in Polnähe oder gar in höheren Breiten."

Endgültigen Aufschluss könnte erst eine gewaltsamere Untersuchung der lunaren Kältekammern geben: Im Jahr 2009 soll die Nasa-Sonde "Lunar Reconnaissance Orbiter" ein Projektil in den Shackleton-Krater schleudern. Anschließend soll eine Beobachtungssonde durch die aufgewirbelte Staub- und Gesteinswolke fliegen und mit Hilfe einer Infrarotkamera und eines Spektrometers die chemische Zusammensetzung der Wolke analysieren. So könnte eventuell vorhandenes Wasser direkt festgestellt werden - die Forscher wären nicht mehr auf die Interpretation möglicherweise irreführender Reflexionen angewiesen.

Denn was bislang als typisches Muster von Wassereis in der Polarisation der Röntgenstrahlen gegolten habe, könne von Mondgeröll ebenso hervorgerufen werden - das behaupten jedenfalls Campbell und seine Kollegen.

Erwartungen für Rückkehr zum Mond zurückschrauben

Seit der Landung von "Apollo 17" im Dezember 1972 hat kein Mensch mehr den Mond betreten. Nach dem Aufbau eines Außenpostens auf dem Mond sollen später Nasa-Raumfähren mit einer Crew an Bord zu einer anderthalb Jahre langen Reise zum Mars starten. Die Nasa prüft zurzeit, ob der Südpol eine mögliche Landestelle für die im Jahr 2020 geplante Rückkehr zum Mond sein könnte.

Werden die Astronauten dann Wassereis vorfinden oder nicht? Experte Möhlmann verweist auf eine Einschränkung im scheinbar völlig konträren Befund des australisch-amerikanischen Teams: "Es wird ja nicht ausgeschlossen, dass da im Mittel noch Wasser im Boden ist - ein bis zwei Prozent -, nur eben nicht lokal in diesen Kratern."

Wenn es dort überhaupt Eis gebe, sei dies nur in kleinen, verteilten Körnern vorstellbar, die nur einen Bruchteil des dort vorkommenden Mondstaubs ausmachten, schreiben die Autoren. Sie warnen künftige Mondsiedler: "Jegliche Planung für die Nutzung von Wasserstoff am Südpol des Mondes sollte von diesen geringen durchschnittlichen Vorkommen abhängig gemacht werden anstatt von der Erwartung ortsgebundener Ablagerungen mit höheren Konzentrationen."

stx/AFP/dpa

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