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Trubel um Asteroiden-Gefahr: Wie ein 13-Jähriger fast die Nasa blamierte

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Asteroid Apophis (Bilder des Esa-Teleskops "Herschel"): "Weltuntergang ausgerechnet" Zur Großansicht
ESA/ Herschel/ PACS/ MACH-11/ MPE/ ESAC/ B.Altieri/ Konkoly Observatory/ C. Kiss

Asteroid Apophis (Bilder des Esa-Teleskops "Herschel"): "Weltuntergang ausgerechnet"

Es hätte eine schöne Heldengeschichte sein können: Ein 13-Jähriger aus Deutschland liest der Nasa die Leviten, weil die ruhmreiche US-Weltraumbehörde die Gefahr eines Asteroiden-Einschlags falsch berechnet hat. Schade nur: Die Geschichte stimmt nicht.

Kosmisch gesehen wird die ganze Sache knapp, gar kein Zweifel. Doch wie knapp es genau wird, wenn der Asteroid Apophis - benannt nach dem ägyptischen Gott der Finsternis - in den Morgenstunden des 13. April 2029 an der Erde vorbeirauscht, ist eine brisante Frage. Die Experten der US-Weltraumbehörde Nasa, wo das 25 Millionen Tonnen schwere und rund 300 Meter große Geschoss 2004 entdeckt wurde, gehen davon aus, dass der Asteroid die Erde in etwa 30.000 Kilometern Abstand passieren wird. Sie gaben deshalb schon vor längerer Zeit Entwarnung: Eine Kollision sei extrem unwahrscheinlich - auch wenn sich Apophis der Erde im Jahr 2036 noch einmal nähere.

Doch ein 13-jähriger Schüler aus Potsdam wollte sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben. Nico Marquardt vom Humboldt-Gymnasium nahm sich die Nasa-Rechnungen noch einmal vor. Die Amerikaner, so seine Idee, hätten die vielen geostationären Satelliten im Erdorbit vergessen. Was würde passieren, wenn Apophis einen von ihnen träfe? Würde er dann vielleicht in Richtung Erde abgelenkt - und könnte sein zerstörerisches Werk vollbringen, das bei einem Einschlag auf dem Festland der Sprengkraft von 65.000 Hiroschima-Bomben entspräche?

Mit seiner Satelliten-Theorie im Rücken machte sich Nico also daran, eine neue Berechnung aufzustellen - und kam zu beängstigenden Ergebnissen: Die Wahrscheinlichkeit für einen Einschlag mit apokalyptischen Folgen läge demnach immerhin bei 1 zu 450. Als der Schüler mit seiner Arbeit dann vor einigen Wochen beim Wettbewerb "Jugend forscht" antrat (Titel: "Der Killerasteroid Apophis") und Preise abräumte, wurde die "Bild"-Zeitung auf die Sache aufmerksam - und die Sache gewann an Fahrt: "Ich hab den Weltuntergang ausgerechnet" lautete die Schlagzeile, mit der Nicos Aufstieg zum Medienstar begann.

Weitere Artikel im "Tagesspiegel", den "Potsdamer Neuesten Nachrichten", bei "Focus Online" und ein Fernsehinterview bei N24 folgten. Die Nachrichtenagentur AFP schickte die Geschichte dann um ganze die Welt. Zahllose Fernsehsender und Zeitungen berichteten darüber, von ABC bis zur "Teheran Times".

Das Problem ist nur: Nicos Rechnungen sind falsch. Das bestätigt Markus Landgraf von der Europäischen Weltraumbehörde Esa im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Frank Spahn von der Universität Potsdam sieht das ähnlich: "Nico Marquardt hat weder die Nasa korrigiert noch düpiert." Kann ja mal vorkommen. Wer sollte daraus einem 13-Jährigen einen Vorwurf machen? Zumal die Forscher Landgraf und Spahn voll des Lobes für den Schüler sind: Begabt sei Nico, interessiert, pfiffig und eloquent. Ähnliche Worte findet auch Carola Gnadt, Schulleiterin am Humboldt-Gymnasium in Potsdam. "Nico ist ein absolut begabter Schüler, der sich schon in der Grundschule mit ungewöhnlichen Fragen beschäftigt hat."

Die Geschichte vom Nachwuchs-Schlaumeier, der den etablierten Wissenschaftlern die Leviten liest, klang allzu sexy: "Ich bin schwer verärgert, wie Boulevardjournalismus damit umgeht, wenn die Wahrheit nicht mit Sensationsmeldungen zusammenpasst", sagt Spahn. Landgraf und er werden in den Berichten nämlich zu Kronzeugen für Nicos vermeintliche Entdeckung gemacht.

Doch beide fühlen sich falsch zitiert. Geholfen hätten sie bei Nicos Arbeit, sie aber nicht begutachtet: "Ich hatte nie die Chance, Nicos Arbeit zu prüfen, da ich sie bis heute nicht erhalten habe", sagt Spahn. Inzwischen sah sich der Potsdamer gar genötigt, sich beim Nasa-Asteroidenguru Don Yeomans für die Angelegenheit zu entschuldigen.

Die vermeintlichen Kronzeugen sind also gar keine. Und: Die Nasa dementiert auch, dass sie sich bei Nico gemeldet und ihm Recht gegeben habe. Das war in den Berichten der vergangenen Wochen behauptet worden. Am Mittwochabend aber schickte die US-Weltraumbehörde eine Pressemitteilung um die Welt. Darin stellte Sprecher Dwayne Brown klar, dass man sich niemals mit dem Jungforscher aus dem fernen Deutschland unterhalten habe. Und für eine Änderung der eigenen Einschätzungen zum Thema Apophis sehe man auch keinen Grund.

Was bleibt also von der ganzen Angelegenheit? Zum einen wohl Medienkritik: "Die 'Jugend forscht'-Juroren und die Journalisten hätten vielleicht mal zum Telefonhörer greifen sollen", sagt Esa-Forscher Landgraf. Zum anderen bleibt ein findiger Junge, der sich nur ein einziges Mal verrechnet hat, der den eigenen Ergebnissen vielleicht nicht immer das nötige Misstrauen entgegengebracht hat - aber trotzdem zum Vorbild taugt. "An unserer Schule entsteht in Kürze ein Forscherclub", sagt Gymnasialdirektorin Carola Gnadt. Nicos Arbeit habe einfach viele Schüler motiviert, sich selbst mit schwierigen Fragen zu beschäftigen.

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