Tscheljabinsk-Meteorit: Kleiner Durchschnittstyp, große Explosion

17 Meter groß, höchstens 10.000 Tonnen Masse - nach kosmischen Maßstäben war der Brocken, der über Tscheljabinsk explodierte, eher bescheiden. Und um einen Exoten handelte es sich laut russischen Forschern auch nicht. Trotzdem entfachte er eine Explosion mit der Sprengkraft Dutzender Atombomben.

Analyse des Gesteins im Labor: Wahrscheinlich kein Exot Zur Großansicht
AFP/ Ural Federal University/ Alexander Khlopotov

Analyse des Gesteins im Labor: Wahrscheinlich kein Exot

Hamburg - Nach dem Meteoriten-Hagel über dem russischen Tscheljabinsk wird in der Metropole nicht nur aufgeräumt. Verschiedenen Berichten zufolge beginnt auch der Handel mit angeblichen Meteoriten-Brocken zu florieren.

In der "New York Times" schildert eine Anwohnerin, wie ihr bis zu 1300 Dollar für einen faustgroßen Stein geboten wurden.

Laut der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti warnt die Polizei vor dem Kauf solcher Stücke. Nur zwei Labore seien überhaupt autorisiert, Zertifikate über die Echtheit eines Meteoriten-Fragments auszustellen.

Dass in den kommenden Tagen und Wochen immer mehr Überreste des am Freitag über Tscheljabinsk explodierten Gesteinsbrockens entdeckt werden, ist durchaus wahrscheinlich. Viktor Grochowski von der russischen Akademie der Wissenschaften sagte RIA Novosti, dass Meteoriten-Fragmente in einem Bereich von bis zu hundert Quadratkilometern auf die Erde gefallen sein könnten.

Der Forscher und seine Kollegen haben schon über den Fund einiger winziger Meteoriten-Fragmente berichtet, die sie am Ufer der Tscherbakul-See entdeckten. Erste Analysen sind abgeschlossen. Demnach war der Gesteinsbrocken, dessen Explosion in Tscheljabinsk Tausende Fenster zerplatzen ließ und in Folge mehr als 1200 Menschen verletzte, kein Exot. Es handelte sich um einen Chondriten - das ist die mit Abstand am häufigsten gefundene Meteoritenklasse.

Auch der Meteor, der im April 2012 über Kalifornien explodierte, ist ein Chondrit, wie die Analyse von Bruchstücken ergab. Für Wissenschaftler sind solche Meteoriten interessant, weil es sich um Überbleibsel aus der Entstehungsphase des Sonnensystems handelt, die Aufschlüsse über diese Zeit geben können. So helfen sie beispielsweise, das Alter unseres Sonnensystems präzise zu bestimmen. Außer Eisen enthalten Chondrite verschiedene Minerale, etwa Olivin.

Sprengkraft von 30 Hiroshima-Bomben

Die Europäische Weltraumagentur Esa geht davon aus, dass der Asteroid etwa 17 Meter Durchmesser und eine Masse von 7000 bis 10.000 Tonnen hatte, bevor er in die Erdatmosphäre eintrat und schließlich explodierte. Dies erklärt, warum niemand vor dem Anflug des kosmischen Brockens warnen konnte: Er war schlicht zu klein. Wenn Asteroiden dieser Größe frühzeitig gesichtet werden, ist das reines Glück. Andere kosmische Vagabunden, die die Erdumlaufbahn kreuzen, sind deutlich größer - beispielsweise hat YU55, der im Jahr 2008 in rund 324.600 Kilometern Entfernung an uns vorbei flog, einen Durchmesser von rund 400 Metern.

Sein Eintrittswinkel war sehr flach, berichtet die Esa, die seine Eintrittsgeschwindigkeit in die Atmosphäre auf 64.000 Kilometer pro Stunde schätzt. Die Explosion ereignete sich wohl in 15 bis 20 Kilometern Höhe; ihre Sprengkraft lag bei nahezu 500 Kilotonnen TNT-Äquivalent - mehr als dem 30fachen der Atombombe von Hiroshima.

Wie die Raumfahrtbehörde mitteilt, sind Ereignisse dieser Tragweite alle paar Jahrzehnte bis hin zu einmal in 100 Jahren zu erwarten.

wbr

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1. unglaublich...
dhbean 19.02.2013
...welche Kräfte hier wirken, nur 17 Meter groß und dennoch eine solche Sprengkraft. Wie schutzlos und ausgeliefert die Erde doch erscheint, wenn man bedenkt was das für ein kosmischer Krümel war und welche um ein vielfaches größere Brocken durch das Universum rasen. Ich frage mich ob die heutige Technologie wirklich in der Lage wäre im Falle eines Falles die Erde vor einem Einschlag durch einen großen Brocken zu schützen.
2. Also
EL2666 19.02.2013
Zitat von dhbean...welche Kräfte hier wirken, nur 17 Meter groß und dennoch eine solche Sprengkraft. Wie schutzlos und ausgeliefert die Erde doch erscheint, wenn man bedenkt was das für ein kosmischer Krümel war und welche um ein vielfaches größere Brocken durch das Universum rasen. Ich frage mich ob die heutige Technologie wirklich in der Lage wäre im Falle eines Falles die Erde vor einem Einschlag durch einen großen Brocken zu schützen.
wenn ich mit meinen bescheidenen Rechenkünsten die Geschwindigkeit und die Masse berechne, komme ich auf eine Sprengkraft von etwa 0,01 KT. Ansonsten wäre die Stadt ja wohl dem Erdboden gleich gemacht worden. Seriöser Journalismus würde genaue Daten mitteilen, oder?
3.
EchoRomeo 19.02.2013
ist das aber nur wenn man meinen muß weil es mit Physik zu hapern scheint. Die Energie eines solchen Brockens (bzw Bröckchens) ergibt sich nun mal aus der einfachen Berechnung E=0,5 x Masse x Geschwindigkeit_zum_Quadrat. Die Ablenkung ist auch kein Problem. Ein winziger Schubbs in weiter Entfernung genügt. Wie beim Luftgewehrschießen. Je weiter weg, desto heftiger wirken sich kleinste Wackler aus. PS: Was ist wirklich passiert? Fensterscheiben gingen durch den Überschallknall zu Bruch, eine schlechtgemauerte Wand fiel um und ein Dach wehte davon. Nicht gerade viel für die "Explosion einer 500 Kilotonnen (Atom)Bombe". Die löscht ja bekanntlich und lt Meinung auch das Leben im Umkreis von zig Kilometern aus. Sind die etwa gar nicht so stark wie immer behauptet?
4. Die Erde ist weniger stark gefährdet...
greentiger 19.02.2013
Zitat von dhbeanWie schutzlos und ausgeliefert die Erde doch erscheint, wenn man bedenkt was das für ein kosmischer Krümel war und welche um ein vielfaches größere Brocken durch das Universum rasen.
...., die Gefahr besteht für die Lebewesen, speziell für uns grössere, die an der Oberfläche leben. Allerdings muss man natürlich auch berücksichtigen, dass ein Meteorit dieser oder ähnlicher Grössenordnung zwar lokal schwerste Verwüstungen verursachen kann, aber eher nicht zum Aussterben der Menschheit führt. Das schaffen dann nur die grösseren... ..., die man ja schon seit Jahren sucht und manchmal sogar findet. Im Prinzip würden heutige Techniken wahrscheinlich zur Abwehr nützlich sein, sofern man das Objekt lange vorher findet und die Ablenkungstechniken rechtzeitig einsetzt. Gegen Kometen, die aus den äusseren Bereichen des Sonnensystems kommen, dürfte es allerdings problematisch werden, weil die gegebenenfalls zu spät entdeckt werden.
5. Atombomben...
hk1963 19.02.2013
...explodieren normalerweise dicht über dem Boden. Der Meteor explodierte in etwa 30 km Höhe, also auch Abstand von Ortschaften auf dem Boden. Ausserdem ist da oben die Luft schon sehr dünn, so dass die Schockwelle auch nicht so stark ist. Und was die Energie angeht: Die kinetische Energie einer Masse von 10000t bei 20km/s sind rund 2 Petajoule, also 2*10^15 Joule. 1kg TNT hat ungefähr eine Energie von etwa 4 Megajoule (4*10^6 Joule) pro kg. Also entspricht die kinetische Energie des Meteors einer Menge von 500.000.000kg, also 500.000t also 500 Kilotonnen TNT. Würde mich mal interessieren, wie EL2666 gerechnet hat...
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