Tschernobyl-Folgen: Radioaktivität fördert Würmer-Sex

Der Reaktorunfall von Tschernobyl hat offenbar das Liebesleben mancher Wurmarten verändert: Die Tiere, die sich zuvor hautsächlich asexuell vermehrten, suchen jetzt häufiger die Nähe eines Partners.

Zerstörter Reaktor von Tschernobyl: Besserer Strahlenschutz durch Sex?
EPA/DPA

Zerstörter Reaktor von Tschernobyl: Besserer Strahlenschutz durch Sex?

Unscheinbare, im Schlamm lebende Kreaturen zeigen ukrainischen Wissenschaftlern zufolge, welchen Einfluss der Atomunfall von Tschernobyl auf die Tierwelt der Region hatte. Der bei der Katastrophe vor 17 Jahren freigesetzte radioaktive Fallout scheint die Würmer eines nahe gelegenen Sees von sexuellen Einzelkämpfern in Beziehungstiere verwandelt zu haben.

Zwei Wurmarten, Nais pardalis und Nais pseudobtusa, paaren sich dort nach der Beobachtung der Forscher häufiger miteinander als in einem zweiten, weiter entfernten See, der durch den Reaktorunfall 20-mal weniger Radioaktivität abbekommen hat. Normalerweise vermehren sich die Würmer hauptsächlich asexuell, sie sind aber auch zur sexuellen Fortpflanzung fähig.

Die Studie von Gennady Polikarpov und Victoria Tsytsugina vom Institut für Biologie der Südlichen Meere in Sewastopol könnte eine der ersten direkten Hinweise auf die Folgen von Radioaktivität für wild lebende Tiere sein, berichtet das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" in seiner aktuellen Ausgabe. Wie sich die Strahlenbelastung auf die Tierwelt auswirkt, ist bislang noch weitgehend unerforscht.

Polikarpov zufolge haben die Würmer ihr Paarungsverhalten verändert, um sich besser vor Strahlenschäden zu schützen. Im Gegensatz zur asexuellen Vermehrung wird bei der sexuellen Fortpflanzung das Erbgut gemischt, durch natürliche Auslese können sich in der Population solche Gene durchsetzen, die besseren Strahlenschutz gewähren. Polikarpov: "Die Widerstandsfähigkeit der Art als Ganzes wird dadurch erhöht."

Allerdings haben andere Spezies offenbar andere Konsequenzen gezogen. Bei der Art Dero obtusa beobachteten die Forscher, deren Originalarbeit im Fachblatt "Journal of Environmental Radioactivity" erschienen ist, eine entgegengesetzte Veränderung: Diese Würmer zeigten in dem stärker bestrahlten See einen doppelt so hohen Anteil asexueller Fortpflanzung wie in dem 20 Kilometer entfernten Vergleichssee.

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