Überraschender Handel: Sinsheimer Museum kauft den Sowjet-Shuttle

Von Markus Becker

Die russische Raumfähre, die nach langer Irrfahrt am Persischen Golf auftauchte, wird in den kommenden Monaten nach Deutschland verschifft. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, hat das Auto- und Technikmuseum Sinsheim den Shuttle gekauft, der noch aus der Sowjet-Ära stammt.

"Buran 002" in Bahrein: Sowjet-Shuttle soll in den nächsten Monaten nach Deutschland kommen
Chris G. Maier

"Buran 002" in Bahrein: Sowjet-Shuttle soll in den nächsten Monaten nach Deutschland kommen

"Wir haben Ende 2003 einen Kaufvertrag abgeschlossen", erklärte Michael Walter, 41, Geschäftsführer des Sinsheimer Museums, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Sobald der Shuttle auf das Schiff verladen ist, gehört er uns." Den genauen Kaufpreis wollte Walter nicht verraten, ließ aber durchblicken, dass er im hohen sechsstelligen Euro-Bereich liegt.

Derzeit lagert die Raumfähre, bei der es sich laut Walter tatsächlich um die "Buran 002" handelt, an einem geheim gehaltenen Ort im Wüstenstaat Bahrein am Persischen Golf. Der Transport nach Deutschland soll noch in diesem Jahr, spätestens aber im Frühjahr 2005 stattfinden.

Das Museum sorgte bereits mehrfach mit spektakulären Projekten für Aufsehen. Im Sommer 2003 etwa wurde ein "Concorde"-Überschallflugzeug nach Sinsheim transportiert. Das Museum besitzt auch eine Tupolew TU-144, der russische Widerpart der "Concorde".

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"Buran": Die geplünderte Raumfähre

Bei der Raumfähre "Buran 002" handelt es sich um den Prototypen eines sowjetischen Shuttles. Die Testversion, die mit eigenen Triebwerken ausgerüstet ist, bestand insgesamt 25 Flüge in der Erdatmosphäre, um das Landungssystem zu erproben. Die einzige "Buran", die zum Weltraumflug fähig war und am 15. November 1988 ihren ersten und einzigen Orbitalflug absolvierte, wurde im Mai 2002 beim Einsturz einer Hangardecke im Weltraumbahnhof Baikonur zerstört.

Museum kaufte zwei Prototypen

Das russische Rüstungs- und Raumfahrtunternehmen NPO Molniya, das die "Buran" entwickelt hat, besitzt neben der Version "002" noch einen weiteren Shuttle aus dem 1993 eingestellten "Buran"-Programm. Auch dieses Raumschiff, das sich laut Walter im "Rohbau-Zustand" befindet, hat das Museum gekauft. "Wir haben noch das Technikmuseum in Speyer", so Walter. "Die 'Buran' ist sicher für beide Museen interessant."

"Buran 002": Unter dem Rumpf liegende Schleppstange und Staurohr in der Nase weisen auf Verwendung für Testflüge hin
Chris G. Maier

"Buran 002": Unter dem Rumpf liegende Schleppstange und Staurohr in der Nase weisen auf Verwendung für Testflüge hin

Der Weg der "Buran 002" nach Bahrein gleicht einer Odyssee. Vor vier Jahren holte der australische Geschäftsmann David Hammer das Raumfahrt-Relikt nach Sydney, wo es anlässlich der Olympischen Spiele im Mittelpunkt einer Ausstellung stand. Hammer besaß bereits Erfahrung in der Vermarktung russischer Hochtechnologie: Er hatte 1995 das russische Jagd-U-Boot "Skorpion", das heute im kalifornischen Long Beach liegt, drei Jahre lang im Hafen von Sydney ausgestellt.

Mit der "Buran 002" aber erlitt Hammer Schiffbruch. "Das Projekt war, was die Besucherzahlen anging, ein Fehlschlag", sagt Michael Bobka, 40, der in Sydney als Projektmanager für den Aufbau der "Buran" und der Gestaltung der Ausstellung verantwortlich war, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Die Ausstellung war zu technisch, und Sydney war als Standort denkbar ungeeignet."

Eine Veranstaltungsagentur aus Singapur soll schließlich die "Buran" von NPO Molniya geleast und nach Bahrein verschifft haben, wo die Raumfähre im Rahmen der Sommerfestspiele im Juni 2002 ausgestellt werden sollte. Doch laut Bobka misslang das Projekt aus organisatorischen Gründen - und Molniya wartet angeblich bis heute auf die Leasingraten. Wegen des derzeit laufenden Rechtsstreits sei die "Buran" in Bahrein "gestrandet". Ein Mitarbeiter der Firma mit Sitz in Moskau bestätigte, dass es einen Vertrag mit einem Käufer aus Deutschland gebe, wollte darüber hinaus aber keinen Kommentar abgeben.

Erstaunen unter Raumfahrt-Experten

Düsseldorfer TV-Produzent Chris Maier im Cockpit der "Buran 002": Das Museum hatte beim Kauf die Nase vorn
Chris G. Maier

Düsseldorfer TV-Produzent Chris Maier im Cockpit der "Buran 002": Das Museum hatte beim Kauf die Nase vorn

Dass aus der Riege der "Buran"-Testversionen ausgerechnet das Modell 002 aufgetaucht ist, sorgt unter Experten für Aufsehen. "Ich bin einigermaßen baff", sagte Andreas Schütz, Sprecher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln. "Das ist eine kleine Sensation." Schon vor zwei Jahren sei in Deutschland das Gerücht umgegangen, ein Geschäftsmann wolle die "Buran 002" für eine Million US-Dollar verkaufen, finde aber keinen Interessenten.

Die Fotos des Düsseldorfer TV-Teams, das das Raumschiff in Bahrain abgelichtet hat, beweisen laut Schütz, dass es sich tatsächlich um die "Buran 002" handelt. Neben dem Shuttle liege eine "typisch russische" Flugzeugschleppstange. Im Cockpit sei zudem ein Schleudersitz zu erkennen. "Das ist ein echter Katapultsitz", meint Schütz. Das Rohr, das aus der Nase der Raumfähre ragt, sei ein Staurohr zur Bestimmung von Geschwindigkeit und Fluglage. "Dieser Shuttle entsprach Ende der achtziger Jahre absolut dem Stand der Technik", so Schütz.

Der deutsche Geschäftsmann Kai Niedermeier, der Kaufinteresse am Shuttle in Bahrein angemeldet und bereits eine Tournee angedacht hatte, dürfte wohl leer ausgehen. Michael Bobka dagegen freut sich über das Ende der "Buran"-Irrfahrt. "Ein wenig hängt mein Herz daran", sagt der aus Ostberlin nach Australien ausgewanderte Deutsche. "Die 'Buran' ist wahrscheinlich der einzige Shuttle, der je in Deutschland zu sehen sein wird. So etwas gehört in ein Museum."

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