Unerwünschte Bilder Iran sabotiert Europas TV-Satelliten

Um kritische Töne aus dem Ausland auszusperren, attackiert die Führung in Teheran mit Störsignalen auch europäische Kommunikationssatelliten. Die Uno hat die Aktionen verurteilt - doch kaum Mittel, die Angreifer zur Raison zu bringen.

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Er ist der größte und leistungsstärkste europäische Fernsehsatellit - und doch hat "Hot Bird 8" keine Chance, wenn die Mullahs einschreiten. Dann verschwinden augenblicklich die persischen Dienste von BBC und Voice of America von den Fernsehschirmen - und zwar im gesamten Sendegebiet des Satelliten. Auch das arabische Programm der Deutschen Welle (DW) hat keine Chance. "Wir hatten im Dezember und Februar Störungen. Zusammen sind über 30 Stunden Programm ausgefallen", sagt DW-Sprecher Johannes Hoffmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Attacken, so Hoffmann, seien ein "gezielter Akt, um Berichterstattung zu unterbinden". Probleme habe es zum Beispiel während der iranischen Revolutionsfeiern gegeben. "Das passiert nicht zufällig", meint auch Vanessa O'Connor vom Satellitenbetreiber Eutelsat. Die BBC und Voice of America registrierten die vorerst letzten Störversuche am 20. März.

Die Führung in Teheran tut alles in ihrer Macht stehende, um Informationen aus dem Ausland zu unterdrücken. Und das geht oft erstaunlich einfach. Denn obwohl "Hot Bird 8" in seinem geostationären Orbit rund 36.000 Kilometer von der Erde entfernt ist, lässt er sich leicht sabotieren. Das gleiche gilt für viele andere Satelliten. Dazu müssen die iranischen Störer nur ein kräftiges Signal in Richtung der fliegenden Nachrichtenzentrale schicken. Dafür verwenden sie dieselbe Frequenz, auf der sonst das Programm von einer regulären Bodenstation ankommen würde.

Dieser sogenannte Uplink startet im Fall der Deutschen Welle im Hochtaunuskreis, an der Erdfunkstelle Usingen. Rund 90 Parabolantennen stehen dort. "Der Satellit kann aber nicht bestimmen, ob das Signal aus Usingen oder aus Teheran kommt", sagt DW-Chefingenieur Horst Scholz. Im Zweifelsfall entscheidet sich das Fluggerät deswegen für den stärkeren Datenstrom - und kann so hinters Licht geführt werden.

Genau das ist offenbar "Hot Bird 8" passiert. Eutelsat-Mitarbeiter konnten die Störsignale auf ihren Kontrollmonitoren problemlos sehen - und nichts dagegen tun: konstante Amplitude, konstante Frequenz, starke Sendeleistung. Mit einer speziellen Software namens Sat-ID ließ sich auch die Quelle der Behinderung feststellen. Sie lag in Teheran.

"Diese Dinge brauchen Zeit"

Aufgeschreckt informierte der Satellitenbetreiber die zuständige französische Telekom-Regulierungsbehörde Agence Nationale des Fréquences. Die wandte sich wiederum in einem vierseitigen Fax, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, an die Iraner. Eine Kopie der Beschwerde ging außerdem an das zuständige Uno-Gremium. Dieses sogenannte Radio Regulations Board der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) trifft sich regelmäßig in Genf.

Normalerweise geht es bei den Sitzungen höchst technisch zu. Ein Dutzend Fachleute besprechen dabei Probleme durch Frequenzstörungen. Solche Fälle kommen immer wieder einmal vor, in der modernen Kommunikationsgesellschaft sind freie Frequenzen Mangelware. Gezielte Störungen sind eher selten, auch wenn es bereits im Sommer 2009 Beschwerden über Iran gegeben hatte.

Dieses Mal fanden die Uno-Experten für ihre Verhältnisse deutliche Worte. Iran werde "dazu gedrängt", die Störung der Eutelsat-Satelliten zu beenden. Die Iraner hatten zuvor noch ihre Unschuld beteuert: Man wisse nichts von einer Behinderung, werde sich aber in aller Eile auf die Suche danach machen.

Iraner senden über den gleichen Satelliten, den sie sabotieren

Das Thema dürfte auch bei den nächsten ITU-Treffen eine Rolle spielen. Doch in der Praxis kann die Uno, wie so oft, kaum etwas gegen die Störenfriede unternehmen. "In solchen Fällen appelliert das Radio Regulations Board an den guten Willen und die Hilfsbereitschaft seiner Mitgliedstaaten, um eine Lösung zu finden und das neuerliche Auftreten störender Funksignale zu verhindern", sagt ITU-Sprecher Sanjay Acharya im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Iraner müssten es "zur höchsten Priorität" machen, die Quelle der Störungen zu finden.

Doch dass Teheran daran Interesse hat, ist mehr als zweifelhaft. Die Europäische Union kann sich indes nicht dazu durchringen, im Gegenzug iranische TV-Sendungen zu blockieren. Und so wird sich die Angelegenheit noch eine Weile hinziehen. "Diese Dinge brauchen Zeit. Wir haben die Geduld, das hinzunehmen", sagt Eutelsat-Sprecherin O'Connor. Der Satellitenbetreiber hat einstweilen die Verbreitung einiger Programme geändert. Sie werden inzwischen über andere Satelliten abgestrahlt - und zwar solche, die von Uplinks aus Iran nicht erreicht werden können, aber trotzdem ihr Programm über der Golfregion abstrahlen.

Freilich sind nicht alle Sender auf "Hot Bird 8" von der elektronischen Sabotage betroffen. Der staatliche Sender Islamic Republic of Iran Broadcasting etwa strahlt sein Auslandsprogramm "Press TV" ebenfalls über "Hot Bird 8" aus - und zwar bisher störungsfrei.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Wolfssohn 31.03.2010
1. Nazi-Diktatur
Alles in allem tritt die politische Führung im Iran immer mehr in die Fussstapfen des Nazi-Regimes. Unterdrückung der Meinungsfreiheit, Folter, Manipulationen bei Wahlen - das Schlimme ist nur, die Iraner haben das Wissen über die Atomwaffe - und das kann ganz schnell in's Auge gehen! Ich frage mich, warum die Welt zuschaut. Massivste Saktionen treffen die Bevölkerung, das ist wahr, aber ich sehe keine Alternative. Krieg? Der kommt über kurz oder lang ohnehin, wenn die Welt den Iran weiter gewähren lässt.
mahi43 31.03.2010
2. Iran Sabotiert Bilder
Tja....Dank Fa. Nokia/Siemens haben wir den Salat oder nicht? Zuerst die Ausrüstung dazu verkaufen, dann sich beschweren ! Wann hört Westen mit ihrem Doppelmoral auf?
black wolf, 31.03.2010
3. kein Titel für Ahmadinejad
Die Iranische Bevölkerung ist längst nicht so dumm, wie ihre Führung es sich ausdenkt. Wenn ausländische Fernsehsender geblockt werden, weiss man erstens was man davon zu halten hat, und zweitens gibt's ja auch noch das Internet. Auch andere Länder wie die Türkei haben schon versucht, freien Informationszugang für ihre Bürger zu blockieren. Die haben immer Umwege gefunden; oft genügen ein paar Codezeilen in der Internetkonfiguration. Der DDR hat Eingangszensur auch nichts genützt. Irans Führung hat sich eindeutig für die Seite entschieden, die in nicht ferner Zukunft vom Volk hinweggefegt werden wird.
genesys, 31.03.2010
4. Glaubwürdig?
Zitat aus dem Artikel: "Die Iraner hatten zuvor noch ihre Unschuld beteuert: Man wisse nichts von einer Behinderung, werde sich aber in aller Eile auf die Suche danach machen." Ähnlich wird sich der Iran äussern, nachdem dort der erste Atombombentest stattgefunden haben wird: "Wir wissen nichts von auf einem A-Test auf unserem Territorium, werden uns aber in aller Eile auf die Suche danach machen." Irgendwie erinnert mich das an die alten Witze über Radio Eriwan.
bannakaffalatta 31.03.2010
5. Pornos aus Israel
Das Programm der Deutschen Welle wird auf der Frequenz 11604 MHz gesendet. Es ist interessant zu sehen, welche Programme sich noch auf dieser Frequenz tummeln: Pornostandbildsender aus Israel mit Namen wie "Sexy Sexy TV" und "Hot Arab TV"! Da liegt die Vermutung nahe, dass die Störungen gegen die moralische Unterwanderung durch den Erzfeind gerichtet sind. Die Störung der Deutschen Welle wäre dann nur der Kollateralschaden.
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