Nasa-Weltraumbahnhof Wallops Glamour war gestern

Große Ziele, kleines Geld: Die Nasa will zum Mars, doch die Mittel sind bescheiden. Privatfirmen sollen deshalb Billig-Transporte in den Erdorbit übernehmen. Wie funktioniert das? Ein Besuch auf Amerikas ungewöhnlichstem Raketenbahnhof.

AP/NASA, Bill Ingalls

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Rappelnd müht sich der Fahrstuhl nach oben. Zerkratzt und abgenutzt. Zweiter Stock, die Tür quietscht zur Seite. Raketenposter an den Wänden, Linoleum auf dem Boden. Der Duft der Sechzigerjahre. Reichlich abgerockt.

Das Kontrollzentrum der Basis, sagt Keith Koehler. Gleich dort hinter der Stahltür. Das klingt schon besser.

Koehler ist der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit, trägt eine übergroße Windjacke, und auf Brusthöhe überm Herzen prangt das Logo der National Aeronautics and Space Administration, kurz Nasa. Diese blaue Himmelskugel mit dem roten Vektor.

Wie geht es eigentlich weiter mit dem US-Weltraumprogramm? Jetzt, da nach dem Ende der Space-Shuttle-Ära Amerikaner auf Mitfluggelegenheiten in russischen Sojus-Kapseln angewiesen sind? Jetzt, da die Nasa mit knappen Budgets auskommen muss? Auf Wallops Island im Bundesstaat Virginia suchen sie nach Antworten. Im Kern geht es darum, dass private Firmen die Routineaufgaben im All übernehmen - und sich die Nasa auf die wirklichen Großprojekte konzentriert.

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Wallops Island: Träumen vom Weltraum
Zwar wurden alle bemannten Missionen der Nasa von Florida aus gestartet, aber die Abschussrampe an der Ostküste in Virginia ist die älteste. Hier experimentierten sie schon ab 1945 mit Flugkörpern. Wallops Island: Eine vorgelagerte Halbinsel, auf der wilde Pferde leben, wo die Raketen direkt vom Strand starten - und wo man nun wegen privaten Raumtaxis im Staatsauftrag wieder auf bessere Zeiten hofft.

Privatunternehmen sollen ISS-Transporte übernehmen

Der Blick nach vorn ist bei der Nasa vor allem ein Beschwören der Vergangenheit. Es möge wieder so schön werden, wie es einst war - wenn auch mit anderen Mitteln. Zurück in die Zukunft. Auf dem Wallops-Gelände verkündet ein Wegweiser: "Zum Mond."

Keith Koehler öffnet die Stahltür zur Moderne. Das Kontrollzentrum: dunkler Teppichboden, drei Dutzend Computerterminals, großes Nasa-Logo, große US-Fahne. Bildschirme an der Wand zeigen die Abschussrampen draußen, die Wetterkarten, den Flug- und Schiffsverkehr. Es riecht nach Elektronik.

Zehn bis zwölf Raketen werden pro Jahr in Wallops gestartet. Sie stammen vom US-Militär, auch die Raumsonde "Ladee" flog von hier aus in die Mondatmosphäre. Deshalb der Mond-Wegweiser auf dem Areal. Im Zentrum der Aktivitäten aber stehen seit vergangenem Jahr die Antares-Raketen der Orbital Sciences Corporation - ein Privatunternehmen, bei dem die Nasa Frachttransporte zur Internationalen Raumstation (ISS) eingekauft hat.

Großes für die Nasa, Kleines für Privatfirmen

Während sich die Weltraumbehörde um die Erkundung des ferneren Alls kümmern will, sollen Privatunternehmen wie Orbital oder SpaceX künftig alle Transporte in den Erdorbit übernehmen. Die Raketen von Orbital starten dabei aus Wallops, SpaceX nutzt für die Flüge zur ISS einen Startplatz am Cape Canaveral in Florida.

Astronauten befördert man auf diese Weise einstweilen noch nicht, Nahrungsmittel und Wasser aber sehr wohl. Bereits zwei Mal ist eine Cygnus-Versorgungskapsel von Wallops zur ISS geflogen, an diesem Sonntag ist der nächste Start geplant, um 12.52 Uhr US-Ostküstenzeit (18:52 Uhr MESZ). Seit Monaten schon lagert die 40 Meter lange Antares-Rakete horizontal in einer Halle auf dem Gelände.

Das Besondere: Wesentliche Komponenten sind nicht made in USA. Die Frachtmodule, die aussehen wie riesige Waschmaschinentrommeln, fertigt Thales Alenia Space im italienischen Turin. Im Reinraum dort stehen schon ein knappes halbes Dutzend Exemplare, die auf ihren Export in die USA warten. Teile des Raketenkörpers wiederum kommen aus der Ukraine, und die Motoren sind aufgearbeitete russische Maschinen, die die Sowjets in den Sechzigerjahren für Mondmissionen entwickelt hatten.

Das einstige Space Race zwischen den Supermächten spart den Nachfolgern der Kalte-Krieger-Generation heute die Entwicklungskosten. Selbst die Treibstofftanks, die auf dem Gelände in Wallops stehen, sind nicht neu, sondern nur überarbeitet. Auf dem Startplatz in Virginia lässt sich beobachten, wie wichtig Pragmatismus in der US-Raumfahrt geworden ist: Lösungen müssen nicht glamourös sein, sie müssen funktionieren.

Obama: "Ich beabsichtige, das zu erleben"

Ist bei einer solchen auf Effizienz getrimmten Herangehensweise noch Platz zum Träumen? US-Präsident Barack Obama schwärmt einerseits von Unternehmen, die künftig "amerikanische Astronauten auf amerikanischen Raumschiffen ins All bringen". Und er hat auch gesagt, bis Mitte der 2030er Jahre sollten Menschen in die Umlaufbahn des Mars vordringen, später gar auf dem Roten Planeten landen: "Ich beabsichtige, das zu erleben."

Nur tut der Präsident andererseits nicht gar so viel für diese Träume. Das US-Repräsentantenhaus hat der Nasa im Haushaltsplan für dieses Jahr knapp 18 Milliarden Dollar zugestanden, in einem beinahe einstimmigen Votum über die Parteigrenzen hinweg. Obama selbst hatte eine halbe Milliarde Dollar weniger gefordert. Ambitioniert wirkt sein Vorschlag nicht.

Die traditionell knausrigen Parlamentarier sahen vor allem beim neuen Astronautentransporter Orion und der Schwerlastrakete SLS Nachbesserungsbedarf. Mit ihnen sollen die US-Astronauten ab Anfang des kommenden Jahrzehnts ins All aufbrechen, ohne Hilfe vom neuerdings wieder beargwöhnten Russland. Ein Komitee des US-Forschungsrates jedoch kam Anfang Juni zu dem Schluss, dass die aktuellen Nasa-Budgets langfristig nicht ausreichen, um tatsächlich irgendwann Menschen zum Mars zu schicken. Nötig seien Ausgabensteigerungen oberhalb der Inflationsrate - und zwar für eine "ausgedehnte Zeit", heißt es in dem knapp 300 Seiten starken Gutachten.

Wo John F. Kennedy Anfang der Sechzigerjahre einen Plan hatte - bis zum Ende der Dekade sollten Amerikaner auf dem Mond landen -, hat Obama vor allem schöne Worte. Im Wettlauf mit der Sowjetunion ging es einst um Amerikas Prestige. Nun dominiert kühle Kosten-Nutzen-Rechnung.

Anmerkung der Redaktion: Der geplante Starttermin der Mission hat sich nach Veröffentlichung des Artikels noch einmal verschoben. Wir haben die Angabe im Text angepasst.

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Seite 1
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 11.07.2014
1. Dan Browns...
"Meteor" lässt grüßen. (im übrigen viel besser als der ganze illuminaten/davinci-quatsch)
RedKore 11.07.2014
2. Na toll
Wir legen hier gerade die Grundsteine, für unsere Zivilisation im Weltraum und wenn die Menschheit sich entscheidet, dass Private Unternehmen die Raumfahrt regeln sollen, na dann Prost Mahlzeit!
romanpg 11.07.2014
3. Mondatmosphäre?!
Echt jetzt? Das ist ein Scherz, oder? Der Mond hat keine Atmosphäre..
mail-sms 11.07.2014
4. 17 Milliarden im Jahr ist nicht wirklich knapp
Wallops Islands ist für kleine Raketen ausgelegt, Flüge zum Mond werden von dort wohl nicht erfolgen. Es geht bei der NASA aber gut voran, eine übergrosse Rakete wird gebaut, ein Raumschiff mit dem man über den Erdorbit hinaus fliegen kann, dazu Morpheus-Lander und ein LDSD-Lander, mit dem New-Frontiers-Programm können die Forschungssonden jetzt auch 700 Millionen kosten, statt der bisherigen 300 Millionen des Discovery-Programms. Zwei wurden bereits zum Pluto und zum Jupiter gestartet eine weitere zu einem erdnahen Meteorit kommt bald. Weiss nicht woher diese ganzen Negativen Schlagzeilen kommen. Einer muss es wohl losgetreten haben und der Rest wiederholt es einfach nur. Die ISS ausgenommen, es ist ein internationaler Projekt, dass die Amerikaner mit russischen Raumschiffen hinfliegen sollte nicht als Schwäche interpretiert werden.
rigel420 11.07.2014
5. Doch
Zitat von romanpgEcht jetzt? Das ist ein Scherz, oder? Der Mond hat keine Atmosphäre..
der Mond hat sowas wie eine Atmosphäre: http://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Atmosph.C3.A4re Auch wenn sie in dem Fall Exosphäre genannt wird. Aber just daszu untersuchen war Ziel der Mission.
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