US-Weltraumbehörde Nasa: Orientierungslos ins All

Von Christoph Seidler

Shuttle "Endeavour" auf Trägerflugzeug (im Dezember 2008): Unklarer Kurs der Nasa Zur Großansicht
REUTERS

Shuttle "Endeavour" auf Trägerflugzeug (im Dezember 2008): Unklarer Kurs der Nasa

Die Nasa steht vor großen Veränderungen. Behördenchef Michael Griffin wird wohl seinen Hut nehmen, um seine Nachfolge bewerben sich zahlreiche Kandidaten. Doch neben der Top-Personalie sind auch technische Fragen offen - etwa was aus der neuen Mondrakete "Ares I" wird.

Das Geschenk der Nasa an Barack Obama steht bereits fest. Wenn der 44. Präsident der Vereinigten Staaten am 20. Januar mit einer großen Parade willkommen geheißen wird, dann ist die Weltraumbehörde mit einem ganz besonderen Vehikel im Tross vertreten: Der zwölfrädrige Prototyp eines Mondmobils wird zu Obamas Ehren mit rund zehn Kilometern pro Stunde durch Washingtons Straßen tuckern, gesteuert von Astronaut Michael Gernhardt. Auch die Crew des jüngsten Fluges der Raumfähre "Endavour" zur ISS wird bei der Parade dabei sein.

Weit weniger klar ist derzeit dagegen, was der zukünftige Präsident Obama der Weltraumbehörde bescheren wird. Der Nasa droht Orientierungslosigkeit. Da wäre zunächst einmal das Problem an der Führungsspitze: Nasa-Chef Michael Griffin hat sein Rücktrittsschreiben bereits im Dezember eingereicht, mit ihm zusammen das gesamte politische Führungspersonal der Organisation. Das war zwar eigentlich nur eine Formalie nach der Wahl, denn mit Zustimmung des neuen Präsidenten könnte die bisherige Nasa-Spitze selbstverständlich im Amt bleiben.

Doch darauf deutet derzeit nichts hin. Griffins Ehefrau Rebecca, eine Marketingspezialistin, hat zwar eine Aktion gestartet, um ihren Mann im Amt zu halten ("Campaign for Mike"). Zu den Unterstützern gehört mit Scott Horowitz auch ein früherer Astronaut und Nasa-Manager. Doch aus der Obama-Mannschaft gibt es nicht einmal den kleinsten Hinweis darauf, dass der Noch-Nasa-Chef bleiben darf - und auch sonst keinen Kommentar. Stattdessen werden von US-Medien munter Kandidatennamen debattiert - siehe Kasten.

Griffin, der eloquente Raketentechniker mit sieben Universitätsabschlüssen, hat sicherheitshalber schon einmal eine Art Abschiedsrede gehalten: Am Donnerstag trat er dazu noch einmal vor großem Publikum auf, um sein raumfahrtpolitisches Vermächtnis zu retten. In einem langen Vortrag beim Jahrestreffen der Space Transportation Association in Washington verteidigte Griffin den von der Nasa unter seiner Führung eingeschlagenen Kurs: schnelles Ende der Space-Shuttle-Flüge, Entwicklung eines neuen Transportsystems im "Constellation"-Programm, bemannte Flüge zum Mond und zum Mars.

Diese Strategie hatte Vorgaben von US-Präsident Bush umgesetzt - und war, so argumentierte Griffin, die einzig mögliche Lehre aus der "Columbia"-Katastrophe. Doch im Obama-Team gibt es offenbar Zweifel daran, wie zukunftsfähig die bisherigen Pläne sind.

Unter anderem geht es um die Frage nach der Zukunft der Space Shuttles. Barack Obama hat im Wahlkampf Geld für einen zusätzlichen Flug versprochen - und sich weitere Optionen offen gelassen. Das Government Accountability Office, vergleichbar mit dem Bundesrechnungshof, hat die Entscheidung über die Zukunft der Shuttles zusammen mit einem Dutzend anderer Punkte auf eine Liste all jener Dinge geschrieben, um die sich der neue Präsident als erstes kümmern muss.

Im Kern geht es um die Frage, ob sich die Amerikaner darauf einlassen wollen, beim Astronautentransport zur Internationalen Raumstation jahrelang, von 2010 bis 2015, von Russland abhängig zu sein. Deswegen wird immer wieder über eine Verlängerung der Shuttle-Betriebsdauer diskutiert. Griffin lehnt das im Prinzip ab - und verweist auf Sicherheitsbedenken und auf Kosten von drei Milliarden Dollar pro zusätzlichem Betriebsjahr für die Raumfähren.

Und dann sind da noch die vermeintlichen Probleme bei der Konstruktion der neuen Generation von US-Raumfluggeräten. Obamas Berater wollen sich einen Überblick über den aktuellen Stand der Projekte verschaffen. Griffin hält das für Zeitverschwendung - und muss sich dafür von einigen Journalisten Ignoranz und Dickköpfigkeit vorwerfen lassen.

Streit gibt es vor allem um die Entwicklung der "Ares I"-Rakete. Das Gerät, das zu einem Teil auf Shuttle-Technik basiert, soll als leichter Transporter Astronauten in die erdnahe Umlaufbahn bringen - und zwar im ebenfalls noch zu entwickelnden "Orion"-Raumschiff. Daneben tüfteln die Nasa-Techniker auch noch an der "Ares V"-Rakete die als unbemannter Schwerlasttransporter zum Mond und zum Mars fliegen soll. In Obamas Übergangsmannschaft wird nun aber offenbar ernsthaft die Idee diskutiert, anstelle von "Ares I" eine komplette Neuentwicklung hinzulegen. Es könnte besser sein, existierende Raketen - wie die vom Militär genutzten "Atlas V" oder "Delta IV" - für den Transport von Menschen umzubauen.

Das Vorhaben mit dem Namen Evolved Expendable Launch Vehicle (EELV) soll Kosten sparen - und im Idealfall schneller fertig gestellt sein als die "Ares I". Doch Griffin lehnt solche Pläne vehement ab. Er verweist auf mögliche Sicherheitsrisiken - und darauf, dass die Entwicklung von "Ares I" auch wichtig für die anderen Komponenten des "Constellation"-Programms ist.

Um die Lücke beim Zugang zur ISS zu verkleinern, wirbt er stattdessen für zusätzliches Geld, um die Arbeiten schneller als bisher geplant abzuschließen. Für drei Milliarden Dollar, die für ein Jahr zusätzliche Shuttle-Verfügbarkeit ausgegeben werden müssten, könnte auch der Start der ersten "Ares I" um ein Jahr vorgezogen werden, sagte Griffin. Mit EELV werde es dagegen keine Reisen zum Mond geben - weil die USA mit dieser Technik auf niedrige Erdorbits beschränkt blieben.

Für welche Variante Obama sich entscheiden wird, ist noch unklar. Möglich wäre auch eine Verlängerung der Shuttle-Einsätze um ein Jahr und die gleichzeitige Beschleunigung des "Constellation"-Programms um ein Jahr. Kostenpunkt: sechs Milliarden Dollar. Dadurch ließe sich der Zeitraum der Abhängigkeit von den Russen auf drei Jahre verkürzen.

Allerdings müsste Barack Obama diese Entscheidung, in Zeiten der Krise wäre sie sicher auch als Arbeitsplatzsicherung zu verkaufen, schnell treffen. Auch damit die Nasa wieder weiß, wohin sie steuert.

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