US-Weltraumpolitik: Was nach der Space-Shuttle-Ära kommt
Schluss, aus, vorbei. Nach einem beeindruckenden Tiefflug über Washington D. C. steht die Raumfähre "Discovery" jetzt im Museum. Die US-Raumfahrt scheint am Ende. Haben die Amerikaner das Interesse am Weltall verloren?
Was für ein Bild. Die Raumfähre "Discovery" huckepack auf einer Boeing 747. Im Tiefflug zieht das Gespann über die Hauptstadt: über das Kapitol, die Mall, das Washington Monument. Mehrere Runden, eine gute halbe Stunde lang. Tausende Menschen verfolgten am Dienstag das Schauspiel.
Nach der Landung auf Washingtons internationalem Flughafen Dulles öffnete sich eine Luke überm Cockpit der 747 und die US-Flagge flatterte im Wind. Die Nation, die als erste einen Menschen auf den Mond brachte, zelebrierte - stolz, traurig, gerührt - das Ende der Space-Shuttle-Ära. Im letzten Sommer hob in Cape Canaveral ein letztes Mal die "Atlantis" ab. Schon seit damals ist offiziell Schluss.
Der Tandem-Trip der "Discovery" auf dem Rücken der 747 war jetzt noch einmal ein Flug für die Galerie, ein Ritt ins Museum. Nach 240 Millionen Kilometern und 39 Missionen steht Amerikas älteste Raumfähre, die unter anderem das "Hubble"-Teleskop ins All trug, fortan im Udvar-Hazy-Centre in der Nähe des Flughafens Dulles. Will ein Amerikaner in den Weltraum, muss er künftig bei den Russen mitfliegen. Kostenpunkt für einen Trip zur internationalen Raumstation ISS: Knapp 50 Millionen Dollar pro Person.
"Wer den Weltraum kontrolliert, wird auch die Welt kontrollieren"
Wie es mit der US-Raumfahrtbehörde Nasa weitergeht? Unklar. Man träumt von einer Mars-Mission, von Reisen zu Asteroiden. Doch dafür haben die Amerikaner nicht mal die passenden Raketen. Es mangelt an Geld, Präsident Barack Obama hat den Nasa-Etat zusammengestrichen. Das 100-Milliarden-Dollar-Programm namens "Constellation", das die Space Shuttles ersetzen sollte, hat er gestoppt. Die USA setzen jetzt erstmal auf Unternehmergeist, am 30. April soll eine private, unbemannte Raumkapsel zur internationalen Raumstation ISS geschickt werden.
Definitiv vorbei die Zeiten, in der das Streben und die Abenteuerlust einer ganzen Nation dem Weltall galten. John F. Kennedy suchte Anfang der sechziger Jahre das Mond-Wettrennen mit den Sowjets ("Es gibt nichts Wichtigeres"), sein Vizepräsident Lyndon B. Johnson verkündete: "Eine Nation, der es gelingt, den Weltraum zu kontrollieren, wird auch die Welt kontrollieren können." Vier Jahrzehnte später spielt die Eroberung des Weltraums politisch keine Rolle mehr.
Zwar ergötzt man sich am schönen Schein des Gestern, pilgert auf Washingtons Prachtmeile, um die "Discovery" fliegen zu sehen; man erinnert sich an die Triumphe und die Niederlagen, die Explosion der "Challenger" 1986, das Zerbrechen der "Columbia" 2003 bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Doch wie es in der Zukunft weitergehen soll? Weiß eigentlich keiner.
Und wer das Thema auf die politische Agenda schiebt, gilt als Phantast. Als der republikanische Präsidentschaftsbewerber Newt Gingrich im Kennedy-Duktus versprach, im Falle seines Wahlsiegs werde bis 2020 eine amerikanische Kolonie auf dem Mond errichtet, da war der Spott groß. Konkurrent Ron Paul bemerkte, man soll höchstens einige Politiker auf den Mond schicken. Mitt Romney teilte trocken mit: "Ich will keine Kolonie auf dem Mond." Und fügte hinzu: "Ich will hier in den USA Häuser wiederaufbauen."
Weltall? Arbeitsplätze, Immobilienkrise, Rezession!
Was ist da los? Wo ist Amerikas Entdeckergeist? Klar ist: Wenn Obama im Herbst wieder gewählt werden will, muss er Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit in den Griff kriegen. Nur das zählt. Die Nation und ihre Politiker, sie wollen keine neuen Grenzen austesten, sondern die Lage daheim verbessern. Das Land ist kriegsmüde, die Einsätze im Irak und in Afghanistan haben die Post-9/11-Generation ausgezehrt. Eine Mehrheit der Amerikaner sieht laut Umfragen keinen Sinn mehr im Einsatz am Hindukusch.
US-Politiker reden noch immer gern von "Nation Building" - nur meinen sie das jetzt auf ihr eigenes Land bezogen. Es gibt eine Sehnsucht nach neuem Isolationismus, nach Rückbesinnung. Vor diesem Hintergrund ist Romneys Spruch zu verstehen, dass er lieber Häuser daheim wiederaufbauen wolle als einen lunaren US-Bundesstaat zu begründen.
Hinzu kommt: Für eine fehlt derzeit der Konkurrent, der die USA anstacheln könnte. Was wäre gewesen ohne den Sputnik-Schock der Fünfziger, als die Sowjetunion den ersten Satelliten in die Umlaufbahn schoss? Was wäre gewesen ohne Juri Gagarin, den ersten Menschen im Weltall? Hätte Kennedy dann ebenfalls die Mondlandung zur obersten Priorität erkoren? Wohl kaum.
Das kann sich allerdings ändern, die Begeisterung für den Weltraum hat ihre Konjunkturen. Was, wenn China noch stärker als bisher ins All drängt? Werden dann die USA nicht reagieren müssen? Die Space Shuttles "Discovery", "Enterprise", "Endeavour" und "Atlantis" mögen nun in die Museen nach Washington, New York, Kalifornien und Florida überführt werden, doch ist Amerika mit der Raumfahrt noch längst nicht durch.
"Leute inspirieren, Astronaut zu werden"
Möglicherweise trägt die "Discovery" in ihrer neuen Rolle dazu sogar einiges bei. Während das ungewöhnliche Tandem noch über Washington kreiste, wartete am Dulles-Flughafen Jennifer Levasseur, Mitarbeiterin jenes Museums, das den Shuttle künftig beherbergen wird. Man habe nun die Chance, die Öffentlichkeit zu informieren, sagte sie: "Und hoffentlich ein paar junge Leute zu inspirieren, darüber nachzudenken, Ingenieur oder Astronaut zu werden."
Die Macher des renommierten Magazins "Foreign Affairs" brachten zuletzt gar ein Plädoyer für die US-Raumfahrt als Titelgeschichte. Darin bemerkt der Astrophysiker Neil deGrasse Tyson, dass das Interesse der Amerikaner am Weltall keineswegs nachgelassen habe, was man etwa an den Besucherzahlen des "National Air and Space Museum" in Washington ablesen könne. Es sei nach wie vor eines der meistbesuchten Museen der Welt. Ein "fortdauerndes emotionales Investment" in die Erkundung des Weltraums sei längst Teil der amerikanischen Kultur geworden, schreibt der Wissenschaftler.
Tyson führt auch den Erfolg des von der "Discovery" ins All getragenen Teleskops "Hubble" an. Es habe wie kein anderes wissenschaftliches Instrument zuvor Datenmengen für unzählige Untersuchungen geliefert, in allen möglichen Disziplinen. Es sei Teil des Alltags der Menschen geworden. Weltweit würden sie "Hubble"-Bilder als Bildschirmhintergründe verwenden. Als die Nasa 2004 eine Service-Mission fürs Teleskop absagen wollte, hätten nicht die Wissenschaftler, sondern "normale Amerikaner" mit einer "Sturzflut von Leserbriefen und Anrufen im Kongress" um "Hubbles" Überleben gekämpft. Mit Erfolg.
Heißt: Amerika steht weiter hinter Expeditionen ins All. Davon ist Tyson überzeugt. Man solle sich bitteschön mal den packenden Moment vorstellen, schreibt er, wenn die Nasa mit der Auswahl neuer Astronauten beginne.
Wofür? "Für einen Spaziergang auf dem Mars."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Mittwoch, 18.04.2012 – 08:54 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 50 Kommentare
- Huckepack: Jumbojet fliegt Raumfähre ins Museum (17.04.2012)
- Private Kapsel zur ISS: Raumfahrt-Betreiber kalkuliert Fehlschlag ein (17.04.2012)
- Space Shuttle: "Discovery" zum letzten Flug gestartet (24.02.2011)
- Space Shuttle: Der lange Abschied von der "Discovery" (24.02.2011)
- US-Finanznot: Nasa muss wegen Geldmangels am Boden bleiben (13.01.2011)
- Space-Shuttle-Erstflug: Traumschiff im All
MEHR AUS DEM RESSORT WISSENSCHAFT
-
Klimawandel
Erderwärmung: CO2, Treibhauseffekt und die Folgen - alle Nachrichten und Hintergründe -
Satellitenbilder
Blick von oben: Entdecken Sie die Schönheit der Welt - im Satellitenbild der Woche -
Artensterben
Kampf um die Vielfalt Wie der Mensch die Natur ausbeutet - und einen Massentod unter Tieren und Pflanzen verursacht -
Numerator
Rechenkunst: Zahlen und Logik - die Kolumne über die Wunderwelt der Mathematik -
Graf Seismo
Geheimnisvoller Planet: Erde, Wasser, Luft - die Kolumne über die größten Rätsel der Geoforschung

