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Verblüffender Ausbruch: Komet strahlt 500.000-mal heller

Von Thorsten Dambeck

Der seltsame Komet 17P/Holmes ist wieder aktiv. Nach einem Helligkeitsausbruch ist der Schweifstern plötzlich mit bloßem Auge am Himmel zu erkennen. Während Amateur-Astronomen ihn ins Visier nehmen, fragen sich Kometenforscher, was hinter dem spektakulären Ausbruch steckt.

Kometen sind unstete Gesellen: Manche kollidieren mit Planeten, so endete etwa Shoemaker-Levy 9 als er 1994 in den Jupiter krachte. Andere zerlegen sich auf ihrer Reise um die Sonne in eine Trümmerwolke. Und wieder andere glänzen mit sonderbaren Helligkeitsausbrüchen: In dieser Disziplin dürfte 17P/Holmes zum Rekordhalter avancieren. Der himmlische Sonderling fasziniert derzeit Sterngucker weltweit, denn er hat binnen kürzester Zeit seine Helligkeit extrem gesteigert. Er strahlt nun 500.000-mal so hell wie noch vor wenigen Tagen.

Zwar werden im sonnennahen Teil ihrer Umlaufbahn Kometen üblicherweise heller. Die Wärme der Sonne bewirkt, dass ansonsten gefrorenen Bestandteile des Kometenkerns verdampfen. Diese Brocken aus Dreck und Eis hüllen sich dann in eine große Gas- und Staubwolke - die sogenannte Koma. Oft setzen Sonnenstrahlung und Sonnenwind der Koma mächtig zu und blasen einen Kometenschweif aus der Wolke ins All. Im Sonnenlicht glänzen die Staubteilchen in Schweif und Koma – der Komet legt an Helligkeit zu.

Bei 17P läuft das alles jedoch normalerweise weniger dramatisch ab. Die sonnennächste Stelle seiner Umlaufbahn liegt noch hinter dem Mars. Wegen der dort nur spärlich vorhandenen Sonnenwärme sind eigentlich keine großen Helligkeitssprünge drin. Außerdem ist es bereits Monate her, als 17P diese Region passierte, das war im vergangenen Mai. Zunächst entwickelte sich seine Helligkeit auch unauffällig, erwartungsgemäß sank diese, als sich der Komet wieder von der Sonne entfernte. Nur mit Hilfe größerer Fernrohre war er überhaupt als schwacher Lichtfleck auszumachen.

Extremer Ausbruch

Dann ging plötzlich alles ganz schnell: Am frühen Mittwochmorgen sichtete ein Beobachter aus Teneriffa den Kometen viel heller als erwartet. Kurz danach schätzten US-Sterngucker seine Helligkeit auf die siebte astronomische Größenklasse, dass ist zwar ebenfalls unerwartet hell, aber für das bloße Auge immer noch unsichtbar.

Einige Stunden später kamen aus Japan neue Helligkeitswerte: 2,8 Größenklassen – selbst unter mäßigen Sichtbedingungen kein Problem fürs unbewaffnete menschliche Auge. In der Nacht zum Donnerstag dann ein weiterer leichter Anstieg. "Der Ausbruch von Holmes ist extrem", sagt Brian G. Marsden, emeritierter Direktor des US-amerikanischen Minor Planet Center, das die Bewegung von Kometen und Kleinplaneten verfolgt. "Als die Deep-Impact-Sonde der Nasa auf ihrem Zielkometen einschlug, gab es fast keine Helligkeitsänderung."

Auch die Hobbyastronomen sind von Anfang an am Ball. "Das ist der seltsamste Komet den ich je gesehen habe", sagt beispielsweise der irische Astrofotograf Keith Geary. "Man erkennt sofort seine gelbe Farbe, ähnlich wie die des Planeten Saturn". Von einem Kometenschweif, so Geary, fehle bislang jede Spur. Momentan ähnelt 17P in seinem Aussehen einem Stern mittlerer Helligkeit, man findet ihn am nordöstlichen Abendhimmel im Sternbild Perseus. Bei höheren Vergrößerungen unterscheidet er sich jedoch klar von einem Stern, dann offenbart sich seine Koma als kleines verwaschenes Scheibchen.

Astronomischer Wiederholungstäter

17P/Holmes hat eine Umlaufzeit von rund sieben Jahren und wurde 1892 vom britischen Sternforscher Edwin Holmes entdeckt. Auch damals war der Komet mit bloßem Auge sichtbar. "Das war offenbar ebenfalls ein Helligkeitsausbruch", so Hermann Böhnhardt vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, denn bereits kurz darauf gab der Komet im Fernrohr nur noch ein lichtschwaches Objekt ab.

Ein zweiter, schwächerer Ausbruch folgte einige Monate später. In den Jahren 1899 und 1906 kam Holmes wieder in Sonnennähe, diesmal enttäuschte er jedoch die gespannten Himmelsgucker: Keine besonderen Vorkommnisse. Danach galt der launische Schweifstern sogar als verschollen. Erst sechs Jahrzehnte später wurde er nach einer Neuberechnung seiner Bahn wieder dingfest gemacht.

Holmes, das ist nun klar, ist ein Wiederholungstäter. Doch was geht auf dem wohl nur wenige Kilometer großen Brocken vor, wenn er plötzlich grell aufleuchtet? Kometenexperte Böhnhardt: "Es könnten sich Fragmente vom Kometenkern abgelöst haben, so etwas kann mit einer drastischen Erhöhung der Staubproduktion einher gehen." Schon in wenigen Tagen könnten Indizien für dieses Szenario beobachtet werden.

Um im Teleskop einen direkten Blick auf die möglichen Fragmente zu erhaschen, muss man dagegen so lange warten, bis sie genügend weit auseinander gedriftet sind. "Das kann Wochen dauern", so Böhnhardt. Vorausgesetzt die Bruchstücke sind überhaupt groß genug, diese Zeit zu überdauern. Andernfalls bleibt die Ursache für Holmes jüngste Eskapade ebenso schleierhaft wie diejenige in seinem Entdeckungsjahr.

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17P/Holmes: Komet im Lichtrausch

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