Verwundbare Satelliten: Angst vor dem Kollaps im Orbit
Satelliten sind die Taktgeber des modernen Lebens: Ohne sie würde die westliche Zivilisation kaum noch funktionieren. Doch die Infrastruktur im All ist äußerst verwundbar. Deutsche Militärs fordern eine nationale Schutzstrategie - allerdings bezweifeln Experten, dass die Bundeswehr dazu in der Lage ist.
Geknallt hat es nicht, die Explosion fand im luftleeren Raum statt. Dennoch war der Westen anschließend so verstört wie jemand, der mit einem lauten Knall aus dem Tiefschlaf gerissen wird. Als China im Januar 2007 einen veralteten Wettersatelliten mit einer Rakete abschoss, herrschte erst Fassungslosigkeit, dann Empörung. Seit 1985 war kein Satellit mehr abgeschossen worden - damals hatte ein amerikanischer F-15-Kampfjet den Forschungssatelliten "Solwind P78-1" mit einer speziellen Rakete vernichtet.
Der Überraschungscoup Pekings hatte nicht nur politische Verwerfungen und einen weiteren Satelliten-Abschuss durch die Amerikaner zur Folge - er machte auch auf brutale Weise deutlich, wie verwundbar das Satellitennetz ist, von dem inzwischen nicht weniger als das Funktionieren der Zivilisation in den Industriestaaten abhängt.
Ohne die Spitzentechnologie aus der Weltraumforschung wäre vieles nicht möglich. "Wir reden längst nicht mehr nur über die früher häufig genannte Teflon-Pfanne", sagt Harald Borst, Leiter des Weltraumlagezentrums der Bundeswehr in Uedem. Ironischerweise stammt Teflon, das lange als einzig wirklich nützliches Produkt der Raumfahrt genannt wurde, gar nicht aus der Raumfahrt. Inzwischen aber sind nicht nur die Navigationsgeräte in Millionen Autos auf Satelliten angewiesen. Auch die globale Kommunikation, Wetterberichte, Krisenhilfe und -überwachung, wissenschaftliche Forschung, das Militär und die Taktung der Börsen würden ohne die Orbiter kaum mehr funktionieren.
Neben Wissenschaftlern und Friedensforschern fordern inzwischen auch Militärs Schutzmaßnahmen - und das nicht nur für militärische Satelliten. "Satellitensysteme sind das Herz der modernen Gesellschaft", sagte Brigadegeneral Richard Schelleis kürzlich auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin. "Deutschlands nationale Sicherheit wird nur durch die Nutzung des Weltraums garantiert." Deshalb brauche man einen "gesamtstaatlichen Ansatz".
Fünf Hauptgefahren bedrohen die Technik im All:
- Die schnellwachsende Zahl von Satelliten und Trümmerteilen insbesondere im erdnahen Orbit,
- Weltraumwetter, wie etwa die zuweilen heftigen Teilchenwinde der Sonne,
- Anti-Satelliten-Waffen, die sowohl auf der Erde als auch im Orbit selbst stationiert werden können,
- die Manipulation und Fremdsteuerung von Satelliten,
- Angriffe auf die Infrastruktur am Boden.
Wie gefährlich inzwischen die Überfüllung des Orbits ist, wurde erst im Februar auf spektakuläre Art deutlich, als der ausrangierte russische "Kosmos-2251" mit einem Iridium-Kommunikationssatelliten kollidierte. Anschließend war der Orbit - in dem ohnehin schon weit mehr als 6000 Tonnen Müll treiben - um 600 Trümmerteile reicher.
Das Alptraumszenario ist eine galoppierende Vermehrung des Schrotts: Je mehr Trümmerteile es gibt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es bald den nächsten Satelliten erwischt - was die Menge des Schrotts erneut steigern würde. Am Ende dieser Spirale wäre der Orbit schlicht nicht mehr benutzbar. Schon heute müssen Satelliten immer wieder größeren Schrottteilen ausweichen und werden von kleineren getroffen. Selbst die Internationale Raumstation musste schon aus Angst vor einem Treffer evakuiert werden. Angesichts der enormen Geschwindigkeiten im Orbit setzen selbst winzige Teile beim Aufprall ungeheure Energien frei.
Zudem müssen Satelliten nicht mit Raketen abgeschossen werden, so wie es die Chinesen und die Amerikaner inzwischen demonstriert haben. Sie können auch auf weniger martialische Art relativ leicht ausgeschaltet werden. Das Navigationssystem GPS etwa kann schon durch den Einsatz einfacher Störsender, sogenannter Jammer, lokal blockiert werden. "Das ist selbst für Laien machbar", sagt Borst. Das schwache GPS-Signal könne von stärkeren Sendern auf der gleichen Frequenz überlagert werden, was auch den Einsatz satellitengesteuerter Präzisionswaffen erschweren oder gar unmöglich machen könnte.
Auch andere Satelliten-Sendungen können auf diese Weise unterbunden werden. Das Iranische Mullah-Regime hat das bereits mehrfach vorgeführt, indem es unliebsame Übertragungen westlicher TV-Satelliten unterbunden hat. Anschließend waren nicht nur in Iran, sondern im gesamten Sendegebiet der betroffenen Orbiter die entsprechenden Sendungen nicht mehr empfangbar.
"Wir müssen im eigenen Interesse ein Weltraum-Lagebewusstsein entwickeln", sagte Bundeswehrgeneral Schelleis im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es gibt in der gesamten westlichen Welt ein vitales Interesse an einer funktionierenden Satelliten-Infrastruktur." Deutschland müsse sich, was die Satellitentechnologie betreffe, keineswegs vor anderen Staaten verstecken - nicht einmal vor den USA. "Wir sollten uns unserer Fähigkeiten bewusst werden", sagte Schelleis.
- 1. Teil: Angst vor dem Kollaps im Orbit
- 2. Teil: "Büroklammern statt Kanonenkugeln" - unabhängige Experten bezweifeln organisatorische Fähigkeiten des Militärs
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Wissenschaft
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Weltall
- RSS
- alles zum Thema Satelliten
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Dienstag, 22.06.2010 – 10:20 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 9 Kommentare
Nachdem "Smart Olev" an seinem millionenteuren Ziel angedockt hat, kümmert er sich um die Kontrolle der Lageregelung, für zehn bis fünfzehn Jahre. Mit Hilfe des Serviceroboters könnte die Lebenszeit teurer Telekommunikationssatelliten verlängert werden. Der Satellitenbetreiber Eutelsat soll bereits grundsätzliches Interesse gezeigt haben. Was fehlt, ist das Geld zum Bau des Satelliten. Die Industrie will die Aufgabe nicht alleine Schultern.
- Deutsche Projekte: Wie Satelliten zu Waffen werden (20.06.2010)
- Millionenschweres Projekt: Europäer wollen Weltraumschrott überwachen (16.02.2009)
- Waffen im All: China rüstet für den himmlischen Krieg (19.01.2007)
- Unerwünschte Bilder: Iran sabotiert Europas TV-Satelliten (31.03.2010)
- Mexiko: Russischer Weltraumschrott löst Meteoriten-Alarm aus (12.02.2010)
- Milliardenprojekt: Bundeswehr bekommt eigene Kommunikationssatelliten (23.09.2009)
- Flucht in Sojus-Kapsel: Raumstation ISS wegen Weltraumschrotts evakuiert (12.03.2009)
- Kollision im All: Russischer Weltraumschrott zerstört US-Satellit (12.02.2009)
- Weltraum: US-Marine schießt giftigen Spionagesatelliten ab (21.02.2008)
- Chinas Waffentest: Satelliten-Abschuss steigert Crash-Gefahr im All (29.01.2007)
- Weltraumschrott: Rasende Geschosse im All (06.06.2006)
MEHR AUS DEM RESSORT WISSENSCHAFT
-
Klimawandel
Erderwärmung: CO2, Treibhauseffekt und die Folgen - alle Nachrichten und Hintergründe -
Satellitenbilder
Blick von oben: Entdecken Sie die Schönheit der Welt - im Satellitenbild der Woche -
Artensterben
Kampf um die Vielfalt Wie der Mensch die Natur ausbeutet - und einen Massentod unter Tieren und Pflanzen verursacht -
Numerator
Rechenkunst: Zahlen und Logik - die Kolumne über die Wunderwelt der Mathematik -
Graf Seismo
Geheimnisvoller Planet: Erde, Wasser, Luft - die Kolumne über die größten Rätsel der Geoforschung


