Vorherrschaft im All: Europa und Russland planen ihr Gegen-Shuttle

Von Alexander Stirn

Beim Shuttle-Nachfolger wird Europa bestenfalls Zaungast sein: Planen, bauen, bestimmen wollen die USA alleine. Die Europäer planen deshalb zusammen mit den Russen ein eigenes Gefährt - das bis zum Mond soll. Ob es eine Kapsel oder eine Raumfähre wird, ist noch völlig offen.

Wenn George W. Bush eine Vision hat, muss das für den Rest der Welt nicht unbedingt von Vorteil sein. So auch am 14. Januar 2004, als der US-Präsident seine "Vision von der Erkundung des Weltalls" verkündete. Amerika, so Bushs Botschaft, werde in den nächsten Jahren eine neue Generation von Raumschiffen bauen. Die moderne Flotte werde nicht nur die schwächelnden Spaceshuttles ablösen, sondern auch Flüge zum Mond und später gar zum Mars möglich machen. "Es ist an der Zeit", erklärte Bush, "dass Amerika den nächsten Schritt macht."

Und zwar ganz alleine, wie Jean-Jacques Dordain, Generaldirektor der europäischen Raumfahrtagentur Esa, im vergangenen Jahr schmerzlich erfahren musste: Als der Esa-Chef vorsichtig in Washington anfragte, ob sich Europa nicht an der Entwicklung des neuen US-Raumschiffs beteiligen könne, war die Antwort deutlich. "Das wird ein ausschließlich von Amerika gebautes Raumschiff", bekam Dordain zu hören. Entsprechend ernüchtert fiel sein Fazit aus: "Wenn Europa beim Bau der nächsten Generation von Raumfahrzeugen wieder außen vor bleibt, werden wir für immer ein zweitklassiger Partner sein."

Genau das soll CSTS verhindern: "Crew Space Transportation System" haben die Europäer ein neues Raumschiff getauft, das sie gemeinsam mit Russland entwickeln und bauen wollen. Es soll vorrangig die Internationale Raumstation ISS sowie eine mögliche Nachfolgerin ansteuern, aber auch Flüge zum Mond sind nicht ausgeschlossen. Noch ist CSTS nicht viel mehr als eine Idee, eine Studie bzw. das Ergebnis erster vorsichtiger Gespräche. Doch sollte der Traum wahr werden, würden beide Seiten davon profitieren: Russland bekäme endlich einen finanzierbaren Nachfolger für die technisch nicht mehr taufrischen Sojus-Kapseln. Europa hätte erstmals einen eigenen Zugang ins All. Und beide wären unabhängig von den USA.

Wie wichtig diese Souveränität sein kann, hat zuletzt die amerikanische Shuttle-Krise gezeigt. Nach dem Absturz der Raumfähre Columbia im Februar 2003 flog zweieinhalb Jahre kein Shuttle mehr ins All. Der Ausbau der Internationalen Raumstation ISS ruhte sogar für dreieinhalb Jahre. Ohne die Russen und ihre Flüge mit Sojus-Kapseln hätte der 100 Milliarden Euro teure Außenposten verlassen und möglicherweise gezielt zum Absturz gebracht werden müssen. Für Manuel Valls, Chef der Esa-Planungsabteilung, ist daher klar: "Wir können nicht Milliarden investieren und dann auf ein einziges Transportsystem angewiesen sein."

Bereits im Dezember 2005, beim Treffen des Esa-Ministerrats in Berlin, hatte es einen ersten Versuch gegeben, die Mitgliedsländer für ein gemeinsames russisch-europäisches Raumfahrzeug zu begeistern. Diskussionsgrundlage war damals Kliper, das russische Konzept eines wiederverwendbaren Raumgleiters. Kliper sollte an der Spitze einer Rakete starten, sechs Kosmonauten ins All bringen und wie ein Spaceshuttle landen. Bei den Delegierten in Berlin fiel er allerdings durch. Nur sechs Millionen Euro kamen aus den Esa-Ländern für ein europäisches Engagement zusammen, 30Millionen hätten es sein müssen. "Schlecht konzipiert" sei die Idee gewesen, so die öffentlich geäußerte Kritik. Hinter vorgehaltener Hand war dagegen etwas anderes zu hören: Die Europäer wollten nicht in ein bereits festgezurrtes Projekt einsteigen – schon gar nicht als Juniorpartner.

Ein Motiv, das auch die Entwicklung des CSTS bestimmt. Gemeinsam, so die Ende Juni 2006 geschlossene Vereinbarung, wollen Europäer und Russen im Rahmen des Projekts klären, wie sich mit bewährter Technologie ein neues Raumschiff konstruieren lässt. Sollte das CSTS gebaut werden, will Europa mindestens ein systemkritisches Element in Eigenregie entwickeln. "Damit wären wir erstmals nicht mehr nur Passagiere, sondern Partner", sagt Marco Caporicci, der bei der Esa für den Transport von Menschen verantwortlich ist. Ein weiterer Partner könnten die Japaner werden, die bereits Interesse an einer Zusammenarbeit angemeldet haben. Wie die Aufgaben verteilt werden können, wie Technik und Missionen aussehen sollen und wie teuer das Ganze wird, soll bis 2008 geklärt sein. Dann müssen auch die 17 Mitgliedsländer der Esa davon begeistert sein: Nur wenn die Minister zustimmen, kann mit der detaillierten Entwicklung begonnen werden.

Fest steht bereits jetzt: CSTS, das frühestens 2014 starten wird, soll technisch und finanziell bei Weitem nicht so anspruchsvoll werden wie das Mondprogramm der Amerikaner. Während Bushs Vision zwei neue Raketen, ein neues Raumschiff und ein neues Programm vorsieht, wollen sich Russen und Europäer darauf beschränken, aus alter Technologie ein modernes Raumschiff zusammenzubasteln. Von einer antiamerikanischen All-Allianz will Caporicci daher auch nichts wissen. "Wir wollen kein Wettrennen mit den Amerikanern", sagt der Esa-Experte, "die Systeme sollen sich vielmehr ergänzen."

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