Waffen im All China rüstet für den himmlischen Krieg

Der spektakuläre Satelliten-Abschuss der Chinesen könnte eine neue Ära des globalen Wettrüstens einläuten. Politiker und Experten rätseln: Was bezweckt China? Wie groß ist die Gefahr für das Kommunikationsnetz des Westens?

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Niemand hat die Explosion gehört oder gesehen, die sich vergangene Woche mehr als 800 Kilometer über der Erde ereignet hat. Dennoch schickt sie zumindest politische Schockwellen um den Globus: China hat vom Boden aus mit einer Rakete einen seiner alten Wettersatelliten abgeschossen. Es ist das erste Mal, dass so etwas gelungen ist - und es führt die offiziellen Beteuerungen, es gebe kein Wettrüsten im All, endgültig ad absurdum.

Experten wissen derzeit noch nicht in allen Details, was genau geschehen ist. Nur so viel scheint bisher klar zu sein: Eine ballistische Rakete, gestartet vom chinesischen Weltraumbahnhof Xichang, hat in der Nacht vom 11. zum 12. Januar den veralteten Wettersatelliten "Fengyun-1C" getroffen und in viele Tausend Trümmerteile zerlegt. Es ist das erste Mal seit 1985, dass ein Satellit abgeschossen wurde: Damals hat ein amerikanischer F-15-Kampfjet den Forschungssatelliten "Solwind P78-1" mit einer speziellen Rakete vernichtet.

Die Reste des chinesischen Satelliten stellen eine immense Gefahr für andere Satelliten dar. Rüstungsexperte David Wright vom US-Forscherverband Union of Concerned Scientists sprach von 800 Fragmenten ab einer Größe von zehn Zentimetern. Hinzu kämen fast 40.000 Trümmer zwischen einem und zehn Zentimetern und rund zwei Millionen Teile von bis zu einem Millimeter.

Selbst derart kleine Objekte können im Orbit eine ungeheure Zerstörungskraft entfalten. Erfahrungen mit Satelliten und Space Shuttles sowie Experimente am Boden haben das eindrucksvoll gezeigt. Welche Gefahr den Satelliten nun droht, die sich derzeit in der Umlaufbahn befinden, ist noch nicht genau klar. Sie ist nach Ansicht von Experten aber beachtlich. "Die Umlaufbahn zwischen 800 und 850 Kilometern Höhe ist sehr wichtig für die Erdbeobachtung", sagte Michael Khan von der europäischen Raumfahrtagentur Esa im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In diesem Bereich befinden sich etwa die Esa-Satelliten "Envisat", "Metop" und der neue Planetenfinder "Corot". Dass genau in dieser Höhe nun eine große Trümmerwolke umherrast, hält Khan für "verheerend".

Zudem könnten die Trümmerteile abhängig von ihrer Größe Jahrzehnte, mitunter gar Jahrhunderte um die Erde kreisen, ehe sie in der Atmosphäre verglühen. In dieser Hinsicht war der US-Waffentest von 1985 harmloser, da sich der "Solwind"-Satellit in nur 600 Kilometern Höhe befand. "In 800 Kilometern Höhe bleiben Trümmerteile etwa zehnmal länger im Orbit", erklärt Khan. Die Trümmer von "Solwind" - ihre Zahl wurde auf 250 bis 300 geschätzt - schwirrten volle 15 Jahre um die Erde, ehe das letzte von ihnen verglüht war.

Schlag gegen Bushs All-Macht-Doktrin

Noch schwerer dürften allerdings die politischen Folgen des Tests wiegen. Die US-Regierung äußerte sich höchst beunruhigt - und hat dazu allen Grund. Denn der chinesische Test ist unter anderem ein empfindlicher Schlag gegen die erst im Oktober 2006 veröffentlichte Weltraum-Doktrin der US-Regierung. Danach wollen die USA ihre "Rechte, Fähigkeiten und Handlungsfreiheit im All" bewahren und andere daran hindern, diese Freiheit zu beeinträchtigen. Nun könnte Washington gezwungen sein, diese Pläne einzuschränken.

Einen Satelliten mit einer bodengestützten Rakete zu treffen, ist äußerst knifflig. Immerhin gilt es ein Objekt zu treffen, das nur wenige Meter groß und im Verhältnis zum Boden mit mehreren Tausend Kilometern pro Stunde unterwegs ist. Genau aus diesem Grund haben die Russen und Amerikaner nicht versucht, solche Anti-Satelliten-Raketen zu bauen. Sie konzentrierten sich stattdessen auf Systeme, die ebenfalls im Orbit schweben und von dort aus feindliche Satelliten zerstören sollen. Die bodengestützten Systeme der Amerikaner können feindliche Orbiter bisher nur vorübergehend lahmlegen.

Nur ein Trick-Schuss?

Dass nun den Chinesen der Abschuss mit einer bodengestützten Rakete gelungen ist, überrascht zunächst. Allerdings haben die Chinesen wohl auch ein wenig gemogelt, wie Raumfahrt-Experte James Oberg für den US-Nachrichtendienst MSNBC schrieb. Die bisher bekannt gewordenen Daten des North American Aerospace Defense Command (Norad) zeigten, dass die Umlaufbahn des "Fengyun"-Satellit kurz vor dem Aufprall angepasst wurde - seine Höhe stieg um 30 Kilometer.

"Solche Manöver werden normalerweise durchgeführt, um einen Satelliten auf ein Treffen mit einem Besucher vom Boden vorzubereiten", so Oberg. Die Internationale Raumstation etwa bringe sich so für Andockmanöver russischer Sojus-Kapseln in Stellung. In einem kriegerischen Konflikt aber würde sich kein echtes Ziel derart hilfreich verhalten.

Deshalb bleibt die Frage, was die Chinesen wirklich können. Sollten sie in der Lage sein, jeden beliebigen Satelliten abzuschießen, wäre das unter anderem eine ernstzunehmende Gefahr für die US-Pläne einer Nationalen Raketenabwehr im All, die unter anderem auf Satelliten basiert.

Alarmstimmung in Taiwan

Besonders alarmiert reagierte das von China bedrohte Taiwan: Der Inselstaat ist auf Satelliten angewiesen, um chinesische Marschflugkörper zu überwachen, die auf Taiwan gerichtet sind. Auch die kommerziellen und militärischen Satelliten der USA, Europas, Israels und Japans wären im Konfliktkfall bedroht. Ohne die präzisen Himmelsaugen wären etwa die westlichen Streitkräfte praktisch blind.

Die chinesische Machtdemonstration könnte zudem Kritiker bestätigen, die der US-Regierung vorwerfen, in der Außenpolitik zu einseitig auf den Kampf gegen den islamischen Terrorismus zu setzen. Derweil vernachlässige man die Eindämmung der nuklearen Aufrüstung in Pakistan, Indien, Nordkorea und Iran sowie das erstarkende Großmacht-Gebaren Russlands und Chinas. "Jeder dieser Staaten besitzt bei weitem mehr Zerstörungskraft als die Handvoll Irrer, die über Arabien verstreut sind und die wir al-Qaida nennen", kommentierte etwa Loren B. Thompson vom Lexington Institute in den USA.

Jede neue Rakete ab sofort eine Anti-Satelliten-Waffe

Russland und China haben bisher dementiert, Waffen im Weltraum stationieren zu wollen und stattdessen ein internationales Abkommen gegen die Militarisierung des Alls gefordert. Wie ernst diese Forderung gemeint ist, dürfte allerdings fraglich sein, da ein solches Abkommen bisher an den USA gescheitert wäre: In ihrer Weltraum-Strategie lehnt die US-Regierung alle Verträge kategorisch ab, die eine militärische Benutzung des Alls durch die USA einschränken würden.

Die USA haben auch argumentiert, dass ein solcher Vertrag bis dato nicht notwendig sei - weil es einen Rüstungswettlauf im Orbit überhaupt nicht gebe. Der chinesische Test hat nun eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen.

Der Fluch des chinesischen Tests ist, dass Sicherheitspolitiker und Militärs ab sofort jede neu entwickelte Rakete von passender Größe als potentielle Anti-Satelliten-Waffe betrachten müssen. Hinzu kommt das Dual-Use-Problem: Derzeit wird viel Technologie entwickelt, die das Zusammentreffen von Satelliten mit anderen Geräten, etwa Reparatur-Robotern, ermöglichen soll. "Aber schon ein Ruck am Steuerknüppel während des Anflugs würde ausreichen, um die Rettungsmission in einen Angriff zu verwandeln", meint Oberg.

Schutzlose Kommunikations-Satelliten

Was könnten die USA tun, um eine Attacke auf einen ihrer Satelliten zu verhindern? Wahrscheinlich nichts. Zwar listet die US-Luftwaffe in ihrer Weltraum-Kriegs-Doktrin eine Reihe von Maßnahmen zum Schutz der eigenen Gerätschaften im Orbit auf, etwa Satelliten auf vielen unterschiedlichen Umlaufbahnen zu positionieren und die Funkfrequenzen regelmäßig zu wechseln, um Störversuche zu unterbinden. Doch diese Maßnahmen können nur das US-Kommunikationsnetz als Ganzes schützen.

Einen einzelnen Satelliten vor einer Attacke zu bewahren ist indes nahezu unmöglich. Selbst wenn Satelliten für ein Ausweichmanöver genügend Vorwarnzeit hätten, tragen sie in der Regel nicht genügend Treibstoff mit sich.

Auch eine Panzerung ist nicht praktikabel, da sie die Orbiter viel zu schwer machen würde. Sie in eine Umlaufbahn zu schießen, würde - falls überhaupt noch möglich - astronomische Kosten verursachen. Andere, exotische Schutzmaßnahmen sind noch Jahre von einem möglichen Einsatz entfernt. Darunter ist etwa der " Airborne Laser", ein Jumbo-Jet, der mit einem starken Laser feindliche Raketen unmittelbar nach dem Start abschießen soll. Ähnliches soll der sogenannte "Kinetic Energy Interceptor" können, eine Langstreckenrakete ohne Sprengkopf, die aber frühestens 2014 einsatzfähig sein soll.

Der chinesische Test könnte deshalb im politischen Sinn durchaus erfolgreich sein: Die USA sind nun möglicherweise gezwungen, ihre Aktivitäten im All von sich aus zu beschränken. Das würde den Chinesen einen kostspieligen Rüstungswettlauf ersparen, denn einen solchen haben bereits die Sowjets gegen die Amerikaner verloren - mit dem bekannten Ergebnis.

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