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Waffen im Orbit: USA schießen Killer-Satelliten ins All

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Die US-Regierung will den Weltraum künftig auch mit Waffengewalt dominieren: Im Juni soll der erste einer neuen Art von Satelliten ins All geschossen werden, die mit einem "Kill Vehicle" andere Satelliten und feindliche Raketen vom Himmel holen können.

"Kill Vehicle" der Firma Boeing: US-Regierung plant Waffen für den Weltraum
AFRL

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Die Militarisierung des Weltraums ist schon seit Jahrzehnten Realität: Zahlreiche Spionage-, Navigations- und Kommunikationssatelliten umkreisen die Erde, die neben zivilen auch militärischen Zwecken dienen. Waffen gibt es derzeit nicht in der Erdumlaufbahn - was sich allerdings bald ändern wird. Zwei Jahrzehnte nach dem wahnwitzigen, als "Star Wars" verspotteten SDI-Programm von Präsident Ronald Reagan will die US-Regierung Ernst machen: Im Juni dieses Jahres soll ein Satellit namens "Near Field Infrared Experiment", kurz NFIRE, ins All geschossen werden.

Der künstliche Trabant gehört zur umstrittenen Nationalen Raketenabwehr der US-Regierung, die den lückenlosen Schutz der USA vor feindlichen Angriffen garantieren soll. NFIRE soll nach Angaben des Pentagons Daten zur besseren Unterscheidung von Abgasstrahl und Rumpf startender Raketen sammeln.

Satellit mit "Kill Vehicle"

Allerdings sind nicht nur Sensoren an Bord: "Ein Kill Vehicle der zweiten Generation wird zur Ausrüstung des Near Field Experiments gehören", heißt es in einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums. Ein so genanntes "Kill Vehicle" kann Raketen während der Startphase vom Himmel holen - oder aber, wie in diesem Fall, auch fremde Satelliten aus der Umlaufbahn schießen. Das Projektil macht prinzipiell nichts anderes, als sich anfliegenden Gefährten in den Weg zu stellen und sie durch die Energie des Zusammenpralls auszulöschen. Die Abfanggeschosse werden deshalb auch als "Kinetic Energy Interceptors" bezeichnet.

"Tactical High Energy Laser" der US-Armee: Energiestrahlen gegen feindliche Raketen
AFP

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Zwar behauptete das Pentagon gegenüber MSNBC, das Kill Vehicle des NFIRE sei lediglich zu Testzwecken an Bord und könne gar nichts abschießen, da man die Steuerdüsen weggelassen habe. Ein anonymer Pentagon-Mitarbeiter aber gab gegenüber dem US-Sender ABC eine andere Meinung zu Protokoll: "Wir überschreiten die Grenze zur Waffenstationierung im Weltraum."

Denn am grundsätzlichen Potenzial von NFIRE würde auch das Fehlen der Steuerdüsen am Kill Vehicle nichts ändern: Wie es in dem Pentagon-Bericht weiter heißt, handelt es sich bei dem Projektil keinesfalls um eine experimentelle, sondern um eine voll einsatzfähige Waffe: "Kill Vehicles der zweiten Generation sind ausgereifte Varianten der bisher entwickelten Komponenten, mit einer Leistungsfähigkeit, die ein zuverlässiges Abfangen [feindlicher Raketen] während der Startphase ermöglicht."

Arsenal futuristischer Waffen

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Internationales Recht steht dem Waffeneinsatz im Orbit nicht entgegen. Zwar ratifizierte der US-Kongress 1967 den "Outer Space Treaty" der Vereinten Nationen, der die internationale Nutzung von Erdorbit und Himmelskörpern regelt. Doch der Vertrag war ein Produkt einer Zeit, in der die Angst vor einem Atomkrieg das politische Denken beherrschte. In Artikel IV verpflichten sich die Nationen lediglich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen in der Erdumlaufbahn. Von anderen Systemen, die ebenfalls verheerende Wirkung haben könnten, ist nicht die Rede.

Ideen zu solchen Waffen aber gibt es im Pentagon in großer Zahl. Im November 2003 veröffentlichte die US-Luftwaffe ein Zukunftspapier namens "Transformation Flight Plan", das ein ganzes Arsenal exotischer Waffen enthält. Bis 2010 etwa sollen feindliche Satelliten und Überwachungssysteme elektronisch neutralisiert werden können. Bei der Entwicklung anderer Technologien liegen die Techniker sogar vor dem Zeitplan: Eine fliegende Laserkanone, die bis 2010 einsatzfähig sein sollte, wurde bereits vergangene Woche erfolgreich ausprobiert.

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