Walentina Tereschkowa, erste Frau im All Raumkrank in der Kapsel

Walentina Tereschkowa flog 1963 als erste Frau ins All. Der Flug war voller Pannen, ihr Chef sah seine Vorurteile bestätigt - und verhinderte weitere Frauen an Bord. Heute feiert sie ihren 80. Geburtstag. 

AFP/ TASS

Als Pionierin hat sich Walentina Tereschkowa für ewig einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. 48 Mal umkreiste sie im Juni 1963 die Erde. Doch allzu viele neue Erkenntnisse konnte die Russin nicht liefern, weil sie während des dreitägigen Flugs Anweisungen von Chefkonstrukteur Sergej Koroljow ignorierte. Am 6. März wird Tereschkowa 80 Jahre alt.

Propagandistisch gesehen war der Flug der "Tschaika" ("Möwe"), wie Tereschkowas Funk-Code lautete, ein voller Erfolg. Nach dem ersten "Sputnik" (1957) und Jurij Gagarin (1961) gelang der damaligen Sowjetunion mit ihr ein weiterer Coup im Wettstreit mit den USA um die Vorherrschaft im Weltraum. Wissenschaftlich gesehen war ihr Trip jedoch eine Enttäuschung - mit verheerenden Folgen für die anderen Kosmonauten-Kandidatinnen.

Raumkrankheit und Programmfehler

"Mir kommen keine Weiber mehr ins All", soll Koroljow in kleinem Kreise gewettert haben. Wobei das Wort Weib wohl von Journalisten stammt, um den eigentlich viel derberen Ausspruch überhaupt abdrucken zu können. Das Hauptziel des Fluges Tereschkowas bestand darin, die physiologischen Reaktionen des weiblichen Organismus auf die Weltraumbedingungen zu erforschen, das Steuerungssystem des Wostok-Raumschiffes zu vervollkommen sowie die Erde und den Mond zu fotografieren. Parallel zu Tereschkowa umkreiste Walerij Bykowski mit "Wostok 5" die Erde.

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Walentina Tereschkowa: Kosmonautin, Generalmajor, Politikerin

Doch die Kosmonautin hatte von Anfang an mit der Raumkrankheit zu kämpfen, was sie allerdings gegenüber der Bodenkontrolle verschwieg. Tereschkowa ignorierte Weisungen für die handgesteuerte Orientierung ihrer Kapsel, reagierte stundenlang nicht auf Funkrufe, aß und trank nicht wie vorgesehen und klagte über die drückende Enge in der Kapsel. Aufzeichnungen konnte sie nicht anfertigen, weil sie in der Hektik ihre Bleistifte abgebrochen hatte.

Verbote ignoriert

Zudem stellte sie schnell fest, dass ihre Wostok-6-Kapsel falsch programmiert war. Erst am zweiten Tag erhielt sie die korrekten Daten. Wäre das nicht passiert, hätte ihr Flug durchaus in einer Katastrophe enden können, wie Tereschkowa erst vor zehn Jahren verriet. Koroljow habe sie angefleht, diese Panne für sich zu behalten.

Hinzu kam, dass der Kosmonaut Bykowski mit seiner Wostok die Erde auf einer zu niedrigen Umlaufbahn umkreiste, sodass kein Sichtkontakt zwischen beiden Raumschiffen bestand und auch der Funkverkehr eingeschränkt war.

Zum Entsetzen der Ärztin, die am Landeort rund 620 Kilometer nordöstlich von Karaganda (Kasachstan) per Fallschirm abgesetzt worden war, verteilte Tereschkowa nach dem Flug ihre Weltraumnahrung an die örtliche Bevölkerung, aß Kartoffeln mit Zwiebeln und trank vergorene Stutenmilch, was alles streng verboten war.

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Sergej Koroljow: Segelflieger, Gulag-Insasse, Raumfahrpionier

Den bei der Fallschirmlandung entstandenen großen blauen Fleck an ihrer Nase musste sich Tereschkowa überschminken lassen. Am nächsten Tag wurde die Landung für Film- und Fotoaufnahmen nachgestellt, die dann um die Welt gingen.

Die Probleme und Pannen beim Flug Tereschkowas waren für Koroljow die willkommene Bestätigung seines bis heute in Russland gepflegten Vorurteils, dass Frauen in der Raumfahrt eigentlich nichts zu suchen haben. Deshalb bestand ja die erste Gruppe sowjetischer Raumfahrtkandidaten, die 20-köpfige sogenannte Gagarinsche Garde, ausschließlich aus Männern. Nur vier Kosmonautinnen schafften es tatsächlich bis ins All. Im aktiven Raumfahrerkorps gibt es lediglich eine Alibi-Frau neben 33 Männern.

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Sowjetische Raumfahrttechnik: Von Koroljows Gnaden

Chefkonstrukteur Koroljow löste nach dem Tereschkowa-Flug das weibliche Kosmonautenkorps auf und cancelte alle bereits geplanten weiteren Starts. Erst 1982 und damit 16 Jahre nach seinem Tod flog mit Swetlana Sawizkaja die zweite Russin ins All - als Antwort auf die Ankündigung der USA, mit Sally Ride jetzt auch eine Frau in den Weltraum zu schicken.

Tereschkowa geht in die Politik

Nach ihrem Flug mied Tereschkowa die Presse, um nicht lügen zu müssen. Dafür nahm sie in Kauf, als "zickig" zu gelten. In der Politik fand sie schließlich ihre wahre Berufung. Hochdekoriert wurde sie vor allem im Ostblock gefeiert, absolvierte wie Gagarin ein Studium an der Shukowski-Ingenieurs-Akademie und machte schnell Karriere. Sie wurde Abgeordnete des Obersten Sowjets der UdSSR und ZK-Mitglied, Chefin des nationalen Frauenkomitees und Mitglied zahlreicher internationaler Gremien.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion leitete sie das Russische Zentrum für wissenschaftlich-kulturelle Zusammenarbeit. 1995 wurde Tereschkowa als erste Frau Russlands zum Generalmajor der Luftwaffe ernannt.

Walentina, die "Kümmerin"

Nach zwei vergeblichen Anläufen, für Bürgerbewegungen ein Mandat in der Staatsduma zu bekommen, zog Tereschkowa 2008 für Putins Partei Einiges Russland in ihrer Heimatstadt Jaroslawl ins Bezirksparlament ein und avancierte schnell zu dessen Vizevorsitzender. Drei Jahre später gelang ihr der Sprung in die Staatsduma nach Moskau.

Resolut kämpft sie für Belange ihrer Wähler - sei es die Gasversorgung des Gebietes Jaroslawl oder die Uferbefestigung der Wolga bei Rybinsk. Früher wandte man sich an das ZK, heute geht Tereschkowa direkt zu Putin. Der Präsident weiß natürlich, was er an Tereschkowa hat. Vom Glanz der in Russland immer noch sehr populären Raumfahrt-Ikone fällt auch etwas auf ihn ab.

450 rote Rosen für den Präsidenten

Von Tereschkowa selbst gibt es kaum öffentliche Äußerungen über Putin und seine Partei. Dafür überreichte sie ihm zum 64. Geburtstag im Namen aller Duma-Abgeordneten 450 rote Rosen. Sie dankte ihm für seine "unermüdliche Arbeit" und versprach ganz wie in alten Sowjetzeiten, "mit ihm zum Wohl des Volkes zu arbeiten".

Versöhnliche Worte hat Boris Tschertok kurz vor seinem Tod 2011 für Tereschkowa gefunden. Der langjährige engste Mitarbeiter von Koroljow sagte zu ihr in Anspielung auf ihren verpatzten Flug, in ihrer "gesellschaftlichen und staatlichen Tätigkeit" habe sie "wahrlich kosmische Höhen" erklommen.

Korrektur: Angela Davis ist eine US-Bürgerrechtlerin und keine Sängerin, wie es fälschlicherweise zunächst in der Fotostrecke hieß. Wir haben das korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
paulalbert61 06.03.2017
1. Bildunterschrift
Sängerin Angela Davis?
aupeking 06.03.2017
2. Falsche Bildunterschrift in der Fotostrecke Bild 7
Angela Davis ist keine Sängerin, sondern eine politische Aktivistin und Schriftstellerin.
NAL 06.03.2017
3. Wie viele Astronauten hat Deutschland mit eigenen Raketen…
in den Weltraum befördert?! Hier hat Russland Pionierarbeit geleistet während die Presse immer nur die grosse Klappe hat. Es ist beschämend wie sich die deutsche Presse gegenüber Russland und dessen Erfolgen verhält. Oder ist es gar nur der Neid?! Man denke an den Pannenflieger A-400 oder die A-380. Grosse Klappe und danach nur sinnlos Geld vergeutet!
Haywood Ublomey 06.03.2017
4. Die „Sängerin“ Angela Davis
steht geradezu symbolisch für Stil und Niveau des Artikels. Da verbreitet der Autor sich über die Misogynie von Koroljow –*und wann war zum ersten Mal eine Frau im Astronautenprogramm der NASA? Zwanzig Jahre später! Das lag übrigens nicht nur an Vorurteilen, sondern hing auch mit dem Niveau der frühen Raumfahrt zusammen, bei der jeder bemannte Start einem russischen Roulette glich. Es ist ein Wunder, dass es in den Anfangsjahren der Raumfahrt wenig Todesfälle gab. Nicht ohne Grund dominierten in den Kosmonauten- wie auch Astronautenstaffeln lange Zeit militärische Testpiloten, bei denen hohes Risiko zum Beruf gehörte. Vom Spiegel darf man etwas weniger Klatsch und etwas mehr Information erwarten als diesen Text, der eher in die Rubrik „Panorama“ als in die Rubrik „Wissenschaft“ gehört.
homernarr 06.03.2017
5. Ich kann Koroljow verstehen.
Raumkrankheit verheimlichen und Befehle nicht ausführen. Das macht die Frau inkompetent und zur Gefahr für die Mission, die sie dann auch nicht erfüllt. Sie hat Koroljoe den Gefallen Getan und seine Vorurteile bestätigt. Und dann auch noch hinfallen und das Zwei-Markstück verbiegen. Frauen gehören wie Männer ins All, nur diese Frau gehörte zur Gruppe die nicht dafür Geschaffen ist. Sie hat den Platz in der Geschichte dadurch, das sie d r Grund ist, warum die UDSSR lange keine Frauen ins All gesendet hat. Kleiner Hinweis für Entrüstete: Solche Raumflüge sind enorm teuer.
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