Weltraumforschung Forscher freuen sich auf kosmischen Irrläufer

Im April 2029 wird ein Asteroid haarscharf an der Erde vorbeischrammen. Während Boulevardmedien den Weltuntergang beschwören, freuen sich Wissenschaftler auf eine einmalige Gelegenheit: Sie bekommen Daten frei Haus, die sonst nur eine Raumsonde hätte liefern können.


Asteroidengürtel (Zeichnung): Kosmischer Irrläufer verfehlt Erde nur knapp
AFP

Asteroidengürtel (Zeichnung): Kosmischer Irrläufer verfehlt Erde nur knapp

Im Herbst 2004 dürften einige Himmelsforscher mit dem Nägelkauen begonnen haben. Eine kurze, bange Zeit über war unklar, ob der Asteroid 2004 MN4 am 13. April 2029 die Erde treffen würde. Nur eines stand fest: Der 320 Meter große Brocken kommt dem Blauen Planeten äußerst nahe. Ein Treffer würde, so viel weiß die Nasa heute, eine Sprengkraft von 870 Megatonnen TNT freisetzen. Zu wenig für globale Verwüstungen, aber genug für enorme lokale und regionale Schäden und Opferzahlen.

Im Dezember ging ein tiefes Aufatmen durch die Astronomen-Gemeinde: Neuen Messungen und Analysen alter Aufnahmen ergaben, dass der Asteroid die Erde verfehlen wird - wenn auch denkbar knapp. In einer Entfernung von lediglich 30.000 Kilometern wird er vorbeiziehen, was weniger als dem dreifachen Durchmesser der Erde entspricht. Der Mond ist zehnmal weiter weg. Der Beiname Apophis - nach dem ägyptischen Gott für Zerstörung und Finsternis - hätte dem Brocken eigentlich wieder aberkannt werden können.

"Kostenlose Raumfahrtmission"

Zwar beschwört etwa die "Bild"-Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe auch acht Monate nach der Entwarnung noch den drohenden Weltuntergang. Doch Astronomen freuen sich auf eine einmalige Gelegenheit. Denn statistisch gesehen kommt ein Asteroid nur alle 1300 Jahre der Erde so nah wie Apophis im April 2029. Erstmals werden die Forscher einen Asteroiden ganz ohne eine teure Raumsonde aus nächster Nähe beobachten können.

Vorausberechnete Flugbahn von Apophis: 30.000 Kilometer an der Erde vorbei
NASA

Vorausberechnete Flugbahn von Apophis: 30.000 Kilometer an der Erde vorbei

"In gewissem Sinne ist das eine kostenlose Raumfahrtmission", sagte Daniel Scheeres von der University of Michigan. Er hat gemeinsam mit Kollegen der Nasa und aus Italien ausgerechnet, dass Apophis' Vorbeiflug erstmals die Beobachtung ermöglicht, wie die irdische Gravitation Flugbahn und Drehmoment eines Asteroiden verändert. Ein entsprechender Fachartikel soll demnächst im Fachblatt "Icarus" erscheinen.

Apophis' enger Vorbeiflug an der Erde bewirkt demnach nicht nur, dass er in Europa, Afrika und Westasien mit bloßem Auge als heller Punkt am Nachthimmel zu sehen sein wird. Die Schwerkraft der Erde wird den Brocken ordentlich durchkneten, was neue Erkenntnisse über die kosmischen Gesteinsbrocken verheißt.

Scheeres plädiert deshalb dafür, dass die Nasa mit einer Raumsonde Messinstrumente auf der Oberfläche von Apophis installiert. Erstmals wäre man so in der Lage, das Innere eines solchen Asteroiden zu studieren - ähnlich wie Geologen, die Erdbeben zur Erforschung des Erdinneren verwenden.

Erdgravitation verändert Asteroiden

Die Schwerkraft der Erde wird nach Scheeres Berechnungen dermaßen an Apophis zerren, dass es an seiner Oberfläche und im Innern zu heftigen Verwerfungen kommt. Das wiederum verspreche neue Erkenntnisse über die mechanischen Eigenschaften des Brockens. Und die könnten eines Tages durchaus wertvoll sein, glaubt Scheeres.

Das irdische Gravitationsfeld könnte Apophis möglicherweise so ablenken, dass er eines Tages doch noch die Erde trifft. "Beobachtungen mit Teleskopen und Geräte auf der Oberfläche des Asteroiden könnten uns verraten, wie wir im Falle einer drohenden Kollision mit ihm umgehen müssen", meint Scheeres.

Das aber wird aller Wahrscheinlichkeit nach nie geschehen. Denn während die Nasa Ende 2004 die Chance eines Einschlags zwischenzeitlich auf 1 zu 60 taxiert hatte, liegt sie in den Jahren 2035 bis 2037 laut Scheeres bei lediglich 1 zu 6250. Oder, anders ausgedrückt: Apophis wird die Erde mit 99,98-prozentiger Sicherheit verfehlen. Das "Near Earth Object Program" der Nasa, das die rund 600 bekannten potentiell gefährlichen Asteroiden beobachtet, kommt zu einem nahezu identischen Ergebnis.

Markus Becker



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