Weltraummüll: Forscher erwarten fatale Kollisionen alle paar Jahre

Weltraumschrott kann Satelliten zerstören - und die Gefahr solcher fataler Zusammenstöße im All wird immer größer. Forscher fürchten, dass es bis zum Jahr 2200 mindestens 20 katastrophale Kollisionen geben wird. Kann ein Weltall-Friedhof das Risiko mindern?

Weltraumschrott: Gefahr für Satelliten und Raumschiffe Fotos
ESA

Darmstadt - Wer ins Auto steigt, schaltet meist sein Navi an. Das Handy ist sowieso immer dabei. Das Leben auf der Erde ist ohne Satelliten nicht mehr vorstellbar. Doch plötzlich könnte nichts mehr gehen für Piloten, Schiffskapitäne und Lokführer - Grund für das Szenario: Eine Kollision mit Weltraummüll hat den Satelliten zerstört, das Netz ist zusammengebrochen.

Wie sich solche Kollisionen am besten vermeiden lassen, erörtern derzeit 300 Experten bei einer internationalen Konferenz im Kontrollzentrum der europäischen Weltraumorganisation Esa in Darmstadt. "Ganz wichtig ist, dass erst einmal kein zusätzlicher Weltraummüll entsteht", sagte Manuel Metz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Der Müll im All ist gefährlich: "Die Teile haben eine enorme Energie, denn ihre Geschwindigkeit ist extrem hoch", erklärte am Rande Professor Heiner Klinkrad. Er ist bei der Esa Chef des Büros für Weltraumtrümmer und leitet das Treffen.

Laut einer Studie des Inter-Agency Space Debris Coordination Committee wird es in den kommenden Jahren zu 20 bis 40 sogenannten katastrophalen Kollisionen im Orbit kommen. Als solcher Crash gilt, wenn der Quotient aus Energie des einschlagenden Weltraummülls und der Masse des Satelliten mindestens 40 Joule pro Gramm beträgt. Dies entspricht einem knapp zwei Kilogramm schweren Brocken, der mit sieben Kilometern pro Sekunde (25.000 km/h) auf einen eine Tonne schweren Satelliten kracht. Ein solcher Crash würde den Satelliten zerstören.

Notfalls die Kamikaze-Lösung

Die meisten der 20 bis 40 prognostizierten Kollisionen werden in Höhen zwischen 700 und 1000 Kilometern stattfinden - also ein ganzes Stück oberhalb der von der bemannten Raumfahrt genutzten Zone. Die Raumstation ISS beispielsweise umkreist die Erde in rund 400 Kilometern Höhe. Für bemannte Raumschiffe wäre ein Crash mit durchs All vagabundierendem Schrott fatal - die Astronauten könnten dabei ums Leben kommen. In den vergangenen Jahren musste die ISS schon mehrfach Ausweichmanöver fliegen, um Zusammenstöße zu verhindern.

Wissenschaftler schätzen, dass inzwischen etwa 29.000 Objekte von einer Größe von mehr als zehn Zentimetern die Erde mit einem Tempo von durchschnittlich 25.000 Kilometern pro Stunde umrasen. Die Zahl der Trümmer steigt, zu den Gründen zählen Kollisionen und Explosionen von ausgedientem Material. "Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, wird immer größer", meinte Ralph Heinrich, Sprecher des Raumfahrtunternehmens Astrium.

In Darmstadt diskutieren Experten verschiedene Vorschläge zum Wegbringen von Weltraumschrott. "Aber einfach hochgehen und saubermachen, das geht natürlich nicht wie mit dem Staubsauger", erklärte Klinkrad. Attraktiv sei allerdings der Vorschlag, Schrott abzuschleppen. Per Satellit würde Müll mit einem Netz einfangen und aus dem Verkehr ziehen. Ziel: "Die Friedhofsbahn" im All - dort, wo der Müll kein Risiko mehr ist.

Kann der Weltall-Friedhof das Risiko mindern? Der Vorschlag sei besser als eine ebenfalls diskutierte Notlösung, meint der Forscher: Eine Satellit könnte sich am Müll festmachen und ihn dann zum Absturz bringen. "Das wäre aber eine Kamikaze-Lösung", sagte Klinkrad.

hda/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Alle in dieselbe Richtung
panzertom 23.04.2013
Ich verstehe die ganze Aufregung um "Weltraum-Schrott" nicht. Alle Raumschiffe und fast alle Satelliten werden strikt nach Osten gestartet, um die Erddrehung "mitzunehmen". Bei dreißigfacher Schallgeschwindigkeit im Orbit ist es bekanntermaßen äußerst schwierig, die Richtung eines Flugkörpers zu ändern. Folglich werden auch die Bruchstücke eines kaputten Satelliten weiter in Richtung Osten um die Erde kreisen. Wenn aber alle in dieselbe Richtung sausen, kann es doch keine dramatischen Kollisionen geben. Oder habe ich was übersehen?
2.
christian_pichel 23.04.2013
Zitat von panzertomIch verstehe die ganze Aufregung um "Weltraum-Schrott" nicht. Alle Raumschiffe und fast alle Satelliten werden strikt nach Osten gestartet, um die Erddrehung "mitzunehmen". Bei dreißigfacher Schallgeschwindigkeit im Orbit ist es bekanntermaßen äußerst schwierig, die Richtung eines Flugkörpers zu ändern. Folglich werden auch die Bruchstücke eines kaputten Satelliten weiter in Richtung Osten um die Erde kreisen. Wenn aber alle in dieselbe Richtung sausen, kann es doch keine dramatischen Kollisionen geben. Oder habe ich was übersehen?
Ja, z.B. Satelliten mit geostationärer Umlaufbahn.
3.
multi_io 23.04.2013
Zitat von panzertomIch verstehe die ganze Aufregung um "Weltraum-Schrott" nicht. Alle Raumschiffe und fast alle Satelliten werden strikt nach Osten gestartet, um die Erddrehung "mitzunehmen". Bei dreißigfacher Schallgeschwindigkeit im Orbit ist es bekanntermaßen äußerst schwierig, die Richtung eines Flugkörpers zu ändern. Folglich werden auch die Bruchstücke eines kaputten Satelliten weiter in Richtung Osten um die Erde kreisen. Wenn aber alle in dieselbe Richtung sausen, kann es doch keine dramatischen Kollisionen geben. Oder habe ich was übersehen?
Ja. Die wenigsten Satelliten "sausen" über dem Äquator genau nach Osten. Sondern die Orbits sind verschieden gegen die Äquatorebene gekippt (Inklination) und gedreht (Argument). D.h. bei eine Kollision treffen die beiden Kollisionspartner zwar nicht frontal aufeinander, aber mehr oder weniger "schräg".
4.
multi_io 23.04.2013
Zitat von christian_pichelJa, z.B. Satelliten mit geostationärer Umlaufbahn.
Naja, gerade für die gilt ziemlich genau das, was "panzertom" schreibt. Nur für die meisten anderen nicht.
5.
der.tommy 23.04.2013
oder satteliten mit gleichem erdabstand aba unterschiedlicher bahnneigung
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Weltall
RSS
alles zum Thema Weltraummüll
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 28 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Weltraumschrott: Rasende Geschosse im Orbit

Interaktive Grafik