Weltraumschrott: Forscher fordern Putztruppe für den Orbit

Von Markus Becker

Ausgediente Satelliten, verlorenes Werkzeug, Tausende Trümmerteile: Im Orbit schweben gewaltige Mengen Schrott, die Gefahr für die Raumfahrt wird immer größer. Jetzt fordert der US-Forschungsrat, im All aufzuräumen - mit Netzen, Magneten oder riesigen Schirmen.

ESA

Hamburg - Vor einem halben Jahrhundert war der Weltraum noch in Ordnung. Außer dem Mond umkreiste kaum etwas die Erde. Bis die Menschen auf die Idee kamen, ihrem Planeten künstliche Trabanten zu geben. Seit 1957 der sowjetische "Sputnik" startete, stieg die Zahl der Satelliten sprunghaft - und damit auch die Menge an Schrott im Orbit.

Ausgebrannte Raketenstufen, Reste von Satelliten, Handschuhe von Astronauten - inzwischen umkreisen rund 22.000 Objekte die Erde, die groß genug sind, um vom Radar erfasst und verfolgt zu werden. Immer wieder fliegen Satelliten Ausweichmanöver, um Kollisionen zu verhindern, sogar die Internationale Raumstation wurde aus diesem Grund schon evakuiert. Noch gefährlicher als die großen Brocken sind die zahllosen kleineren Teilchen, die zu winzig für das Radar sind. Sie flitzen mit mehreren Kilometern pro Sekunde um die Erde. Bei solchen Geschwindigkeiten können selbst Staubkrümel ungeheure Aufprallenergien freisetzen.

Seit Jahren warnen Experten vor der wachsenden Gefahr für Astronauten und das Satellitennetz der Erde, von dem nicht weniger als das Funktionieren großer Teile der westlichen Zivilisation abhängt. Jetzt schlägt der nationale Forschungsrat der USA Alarm: In einer Studie fordern die Wissenschaftler, den Müll zu beseitigen - sonst drohten katastrophale Folgen.

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Weltraumschrott: Rasende Geschosse im Orbit
Man habe im Erdorbit "die Kontrolle verloren", sagt Donald Kessler, leitender Autor des am Donnerstag veröffentlichten Berichts des National Research Council (NRC). Darin heißt es, die Menge an Weltraumschrott habe Computermodellen zufolge einen "Kipppunkt" erreicht: Es gebe so viele Teilchen, dass sie sich durch ständige Kollisionen untereinander immer weiter vermehren könnten.

Angst vor Explosion der Trümmerteil-Menge

Eine solche galoppierende Schrottvermehrung wäre ein Alptraumszenario: Je mehr Trümmerteile es gibt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es bald den nächsten Satelliten erwischt - was die Menge des Schrotts erneut steigern würde. Am Ende könnte der Orbit schlicht nicht mehr benutzbar sein. Zwar gibt es seit einigen Jahren internationale Abkommen zur Begrenzung des Weltraumschrotts. Doch die Bemühungen um mehr Sauberkeit wurden durch zwei Ereignisse um Jahrzehnte zurückgeworfen:

"Diese beiden Ereignisse allein haben die Zahl der Fragmente im Erdorbit verdoppelt", sagt Kessler, der früher das Orbital Debris Program Office der Nasa geleitet hat. "Was wir in den 25 Jahren zuvor getan hatten, wurde komplett zunichtegemacht." Man müsse nun darüber nachdenken, "den Weltraum aufzuräumen".

Die Gesamtmenge des Schrotts wird inzwischen auf rund 6000 Tonnen geschätzt. Doch wie selbst kleine Teile davon weggeschafft werden sollen, ist völlig unklar. Auch die 182 Seiten starke NRC-Studie geht nur oberflächlich auf mögliche Lösungen ein. Mit gutem Grund: Die technischen, juristischen und diplomatischen Hürden sind groß.

Der NRC, der die US-Regierung in wissenschaftlichen Fragen berät, gibt der Nasa zwei Dutzend Empfehlungen zur Bekämpfung des Müllproblems, darunter eine Zusammenarbeit mit dem Außenministerium zur Entwicklung eines gesetzlichen Rahmens für die Aufräumaktion. Denn bisher ist es verboten, die Weltraum-Hinterlassenschaften anderer Staaten einzusammeln.

Harpunen, Netze, Seile, Fangschirme

Bei den technischen Ansätzen verweist der Report auf eine Studie der Pentagon-Forschungsabteilung Darpa, die - wie es bei der Darpa nicht selten vorkommt - gewagte Technologien ins Spiel bringt. In dem vor einigen Monaten veröffentlichten Papier mit dem Titel "Catcher's Mitt" ("Fanghandschuh") ist die Rede von Harpunen, Netzen, Seilen, Magneten, Laserkanonen und sogar von einer Art gigantischem Regenschirm, der kleine Trümmerstücke einfangen soll.

Zwar könnte der Zeitpunkt, an dem das Schrottproblem "untragbar" wird, nach Berechnungen der Darpa im Idealfall noch einige Jahrzehnte in der Zukunft liegen. Doch gebe es gute Gründe, unverzüglich mit dem Aufräumen anzufangen. Ansonsten drohten "bedeutende Folgen für künftige Weltraummissionen wegen der potentiell erhöhten Zahl von Kollisionen mit nicht verfolgbaren, aber tödlichen Trümmerteilen", wie die Nachrichtenseite Space.com aus "Catcher's Mitt" zitiert.

Der jetzt veröffentlichte NRC-Report enthält zwar keine Empfehlung zum Einsatz einer bestimmten Müllbeseitigungstechnik. Doch Kessler glaubt, dass ein derartiger Schritt notwendig ist. Den Darpa-Vorschlag eines mit Fangnetzen ausgerüsteten Satelliten etwa hält er für einen guten Ansatz.

Kesslers Team vergleicht den Weltraumschrott mit anderen Umweltproblemen, bei denen es "bedeutende Unterschiede zwischen kurz- und langfristigem Schaden für die Gesellschaft gibt" - darunter der Klimawandel, die Endlagerung von Atommüll und die Anreicherung von Giften im Grundwasser. Jedes dieser Probleme stelle kurzfristig keine existentielle Gefahr dar, heißt es in dem Report. "Aber falls man nicht handelt, drohen in der Zukunft viel schlimmere Folgen."

Mit Material von AP und Reuters

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1. selbst ist der Mann oder die Frau
derboesewolfzdf 02.09.2011
sollen die Forscher doch selbst rauffliegen und ihren Müll wegräumen. Sie haben ihn dort doch auch haben wollen.
2. Die Zukunft ist egal.
Bundeskanzler20XX 02.09.2011
Ach ja, und wieder typisch für die Raffgier und den Kapitalismus. Damit die Kosten nicht größer wurden hat man sich nie Gedanken über den Schrott gemacht. Platz war da und beschwert hat sich auch niemand. Jetzt ist der Bummerang zurück. Das Problem ist gewachsen, der Aufwand riesig. Hätte man sich schon zu Beginn der Raumfahrt gedanken über die Zukunft gemacht hätte man es heute sicherlich leichter. Aber in der Zukunft hat man persönlich ja nichtsmehr damit zu tun. Viel Spass beim Aufräumen Jungs.
3. Den
xeniabloom 02.09.2011
Zitat von sysop...oder riesigen Schirmen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,783974,00.html
EU-Rettungsschirm! Nehmt den! Wir sind ihn dann los und der Orbit sauber!!!!!
4. Keine Macht den Titeln!
Mac_Beth 02.09.2011
Zitat von derboesewolfzdfsollen die Forscher doch selbst rauffliegen und ihren Müll wegräumen. Sie haben ihn dort doch auch haben wollen.
Guter Beitrag.... Bringen sie zukünftig ihren Müll bitte selbst zur Recyclinganlage, oder Müllhalde. Belästigen sie damit nicht die arme Müllabfuhr. Ihren Müll haben sie schließlich selbst fabriziert. Kommen sie aber bei der Fahrt nicht auf die absurde Idee ein Navi benutzen zu wollen. Das wird aus den GPS Daten gespeißt, die wiederum von Satelliten ermittelt werden und schließlich scheint unser Orbit ja ziemlich egal zu sein. Manchmal schon erschreckend was frei rumläuft...
5. Der Böse Kapitalismus aber auch!
olzo1337 02.09.2011
Sehr witzig, wie der Zeitgeist immer wieder nur einen Prügelknaben hervorbringt. Armes Menschlein, versteht er es nicht, wird der Sündenbock beschimpft. Vielleicht ist es ja doch eher die Natur des Menschen, dass er solange mit derlei Dingen wartet, bis der Aufwand eigentlich schon wieder zu groß ist, bis er aufwacht und endlich sein Verhalten ändert. Reagiert wird immer erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Hat denke ich jeder persönlich schonmal die Erfahrung mit gemacht, oder wollen Sie sich da etwa ausschließen? Der boesewolfzdf ist auch ein schlauer Fuchs. Mobiltelefon und Satelittenfernsehen hält er aber auch für unverzichtbar LOL whoops, das erzeugt ja auch Müll im Weltall... na sowas...
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