Wettlauf ins All Wie die "Sputnik"-Notlösung die Welt veränderte

Von Simone Schlindwein, Moskau

2. Teil: Wie die USA den Wettlauf ins All hätten gewinnen können - und warum am Ende die Russen die Ersten waren


Dieselbe Entscheidung hätte auch in den Vereinigten Staaten fallen können – immerhin waren die US-Ingenieure im Sommer 1957 bei ihren Raketentests den Russen weit voraus. Sie hätten nur eine zusätzliche Oberstufe auf ihre Atomrakete aufsetzen und einen Satelliten damit in All schießen müssen, so wie es Koroljow vorgeschlagen hatte.

Doch im Unterschied zu den Sowjets leisteten sich die Amerikaner zwei getrennte Raketenprojekte: ein streng geheimes Militärprojekt unter der Leitung des deutschen Wernher von Braun und das "Vanguard"-Projekt für die Wissenschaft. Anders als bei der militärischen "Atlas"-Rakete hatten die US-Ingenieure Probleme mit der Trägerrakete "Vanguard", die den ersten Satelliten ins All hieven sollte. Sämtliche Startversuche bis März 1958 misslangen.

Auf dem geheimen Testgelände in Kasachstan, das noch nicht ganz fertiggestellt war, erlebten die sowjetischen Raketeningenieure im Sommer 1957 ähnliche Fehlschläge. Auch ihre ursprünglich für militärische Zwecke konzipierte Rakete R-7 wollte zunächst nicht abheben. Sieben der acht erfolgten Flugversuche vor dem "Sputnik"-Start waren schiefgegangen. Nur ein einziges Mal, im August, war die R-7 über die sibirische Taiga hinweg bis zu ihrem Zielpunkt über der Pazifikhalbinsel Kamtschatka geflogen.

Hund fliegt in Kugel ins All

Dass die Rakete beim nächsten Mal wieder abheben würde, konnten die Ingenieure nicht garantieren. So blieb "Sputnik" ein Geheimprojekt, bis der Satellit auf einer elliptischen Flugbahn die Erde umkreiste. Dass der Orbiter in den USA einen regelrechten Schock auslösen würde, ahnten weder Chruschtschow noch Koroljow. Die "New York Times" druckte die "Sputnik"-Meldung auf ihre Titelseite.

Als Chruschtschow eine vollständige Übersicht über die US-Reaktion auf den Tisch bekam, habe er Koroljow zu sich kommen lassen, erzählt Tschertok. "Eigentlich brauchen wir gar keine Wasserstoffbombe mehr. Durch den Start eines harmlosen Satelliten gewinnen wir mehr, als ein solcher Test hätte bringen können", habe der Generalsekretär zu Koroljow gesagt.

Daher sollte kurz vor dem Jahrestag der Oktoberrevolution ein zweiter Satellit in den Weltraum geschossen werden. "Es hatte aber keinen Sinn, noch einmal eine leere Kugel starten zu lassen", sagt Tschertok. So entstand die Idee, einen Hund an Bord des Satelliten ins All zu schießen. "Wir haben nicht einmal eine technische Zeichnung angefertigt", sagt der Ingenieur mit einem Lachen. Unmittelbar in den Werkhallen habe Koroljow die Ingenieure angewiesen, was wo zu montieren war.

Werk eines eigensinnigen Enthusiasten

Am 3. November 1957 startete die Hündin Laika in den Weltraum - und wieder feierten die Sowjets einen PR-Coup. Dass Laika nicht, wie von den Sowjets behauptet, eine Woche lang im Orbit überlebte, wurde erst später bekannt. Schon kurz nach dem Start war die Hündin an einem Hitzschlag verendet.

Bis heute sind sich Raketeningenieure und Raumfahrthistoriker in Russland einig, dass es dem eigensinnigen Enthusiasten Koroljow zu verdanken ist, dass sie vor den USA den Weltraum erobert haben. "Der Tod von Koroljow 1966 war ein harter Schlag für uns", sagt Tschertok. Sein Stellvertreter Wassilij Mischin, der an seine Stelle trat, sei ein sehr begabter Ingenieur gewesen. "Aber ihm fehlte das Managertalent von Koroljow. Und er hatte nicht annähernd einen solchen Einfluss bei den politischen Entscheidungsträgern."

Kalter Krieg im Orbit: Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, wie mit dem "Sputnik"-Start der Aufbruch ins All begann.



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