Wüstenstation Abenteurer proben die Marsbesiedlung

In der Wüste von Utah üben Ungeduldige die Besiedlung des Roten Planeten. Auch echte Wissenschaftler machen mit. Sie alle treibt nur eine Frage um: Wann endlich geht's hinauf?


Auf dem Mond ist nichts als Staub. Merkur ist heiß wie die Hölle. Die Luft auf Venus ein Inferno voller Schwefelsäure. Jupiter und Saturn sind reine Gasplaneten. Auf Neptun herrschen Winde von 1000 Stundenkilometern. Und zum Pluto ist's richtig weit: Ein Space Shuttle dorthin wäre zehn Jahre unterwegs.

Marspionier Osburg: Zwei Klos gefordert
Mars Society

Marspionier Osburg: Zwei Klos gefordert

Für Reisende hat dieses Sonnensystem offenbar nicht viel zu bieten ­ mit einer Ausnahme: Mars. Er ist nah (sechs Monate Flug), er besitzt eine, wenn auch dünne, Atmosphäre (mit 0,13 Prozent Sauerstoff). Alle irdischen Lasten wiegen dort weniger als die Hälfte, denn die Marsanziehung ist so viel geringer als die Erdanziehung.

Das Wetter ist natürlich schrecklich. Sandstürme dauern ein halbes Jahr, manchmal länger; meist ist es bitterkalt, an einem schönen Sommertag werden es immerhin auch mal 20 Grad plus. Früher strömten hier vermutlich reißende Flüsse zu Tal, jetzt ist es staubtrocken.

Aber nicht ganz: Es ist noch Wasser da. Die Polkappen sind überzogen von Eis. Und auch die marsianische Luft besteht zu 0,03 Prozent aus dem magischen Saft allen Seins. Womöglich gibt es dort sogar Leben: Wenigstens Bakterien könnten tief in der Marserde existieren, vielleicht finden sich auch nur deren Fossilien ­ genau weiß das keiner, denn es war ja noch keiner da. Genau dies quält ein paar Erdlinge sehr.

Lage der Marsstation
DER SPIEGEL

Lage der Marsstation

Es war nicht gerade ein großer Schritt für die Menschheit, aber ein Riesenspaß für Jan Osburg, 30, aus Stuttgart: Er war da. So gut es ging, hat er soeben zwei Wochen auf dem Mars verbracht. Und obwohl daheim Frau und ein zweijähriges Kind auf ihn warteten, wäre er brennend gern länger dort geblieben ­ Jahre, wenn er dürfte.

Pionier Osburg ist Mitglied der Mars Society, eines Clubs von mehr als 5000 Enthusiasten in 39 Ländern, die es leid sind, auf die Zauderer von der Nasa zu warten. Sie wollen lieber heute als morgen aufbrechen zum rostroten Planeten, und sie glauben, dass das Ticket zum Mars viel billiger zu haben sei, als die Nasa denkt: 500 Milliarden US-Dollar hat die Weltraumbehörde als Budget für eine bemannte Marsexpedition veranschlagt ­ höchstens 30 Milliarden Dollar wird der Trip kosten, glaubt Robert Zubrin, Präsident der Marsgesellschaft.

Viele ihrer Mitglieder sind in ihren Hauptberufen echte Wissenschaftler. Manche arbeiten für die Nasa, andere lehren einschlägige Fächer an namhaften Universitäten. Auch Osburg ist als Luft- und Raumfahrtingenieur vom Fach; gerade hat er seine Promotion beendet (Thema: Langzeitmissionen im Weltall). Unter 400 Bewerbern wurden er und fünf Mitfahrer auserwählt, den Mars zu erkunden ­ nicht in ferner Zukunft, sondern hier und jetzt.

Die Anreise vor drei Wochen war nicht beschwerlich. Von der Olympiastadt Salt Lake City fuhren die Abenteurer in zwei Minibussen, voll geladen mit Fressalien, viereinhalb Stunden gen Süden. Im gottverlassenen Wüstendorf Hanksville rasteten sie. Von dort waren es nur noch zehn Minuten: Runter von der Straße, rauf auf die Sandpiste, und nach exakt 2,5 Meilen öffnet sich in der Tat eine andere Welt.

Als "Titanic"-Regisseur James Cameron einen Marsspielfilm plante, haben seine "Location Scouts" dieses exotische Fleckchen Erde aufgespürt. Hier sieht es genauso aus wie auf den Fotos, die unbemannte Marssonden seit den siebziger Jahren heimfunkten. Hier wächst nichts, nicht ein einziger Halm, kein Moos, nicht einmal der genügsamste Wüstenstrauch. Wohin das Auge schweift: Geröll, roter Staub, rotes Gestein, nackter Fels. Es stürmt viel. Es regnet (fast) nie.

Hier ist die Mars Society gelandet. Am Fuß eines schroffen Hügels erhebt sich die MDRS: die Mars Desert Research Station der Marsfreunde. Über 300.000 Dollar hat der Außenposten gekostet, bezahlt von Sponsoren und Mitgliedern. Das Raumschiff ist hoch wie ein Einfamilienhaus und sieht aus wie ein Getreidesilo mit Satellitenschüssel auf dem Dach. Seit Februar ist es besiedelt mit Besatzungen, die alle zwei Wochen wechseln. In 10, 20 Jahren, hofft Zubrin, wird so ein Silo tatsächlich auf dem Mars stehen und Heimat sein für die ersten echten Marsmenschen.

Möchtegernraumfahrer: Anzüge aus dem Baumarkt
Mars Society

Möchtegernraumfahrer: Anzüge aus dem Baumarkt

Im oberen Stock hat die Crew unter dem Befehl von Commander William J. Clancey, 49, gewohnt, gegessen, an ihren Computern gearbeitet und in winzigen Kojen geschlafen. Unten haben sie geforscht: an Steinen im Geologielabor und im Biologielabor an Leben. Und unten sind sie auch aufs Klo gegangen ­ was man schon daran merkt, dass es stinkt.

Die "Vorstation zum Mars" (Osburg) verfügt über eine Kompost-Biotoilette, die rasch "an ihre Kapazitätsgrenze" gelangte. Osburg weiß das so genau, weil er vom Commander zum "DGO" ernannt worden war: zum "Director of Galley Operations", in dessen Verantwortlichkeit die Müllentsorgung und das Entfernen des Komposts gehört, und das war "deutlich unangenehmer als im Handbuch beschrieben". In seinem Abschlussbericht forderte Osburg, den Expeditionen zwei Klos zu gewähren ­ und vielleicht ist dies jene geniale Erkenntnis, für die spätere Reisende dem Marspionier aus Schwaben ewigen Respekt zollen werden.

Auf dem echten Mars jedoch soll die Hinterlassenschaft der Crew dereinst die Crew nähren: Sobald genug Leute da sind, soll ein Gewächshaus gebaut werden, in dem der Kompost als Dünger wiederverwandt wird. Energie soll ein kleiner Atomreaktor liefern, unterstützt von Sonnenkollektoren. Den Treibstoff für die Heimreise würde die Crew selbst zusammenbrauen: Kohlendioxid aus der Planetenluft soll mit Wasserstoff reagieren, den die Astronauten von der Erde mitbringen. Das Ergebnis wäre Methan und Sauerstoff ­ bester Raketentreibstoff und Luft zum Atmen.

Marsstation MDRS: "Vorstation zum Mars"
Mars Society

Marsstation MDRS: "Vorstation zum Mars"

Wann immer die Eroberer zu Erkundungen ins Freie traten, hatten sie sich einen Raumanzug überzuziehen ­ eine Prozedur, die peinlich genau in 32 Einzelschritten vollzogen wurde und 20 Minuten dauerte. Da vergaßen die Marsbesiedler leicht, dass ihre Raumanzüge aus dem Baumarkt stammen. Der Helm, ein umgebauter Mülleimerdeckel, wird belüftet von Computerventilatoren im Ranzen auf dem Rücken.

Das Kostüm ist nicht ohne: Es wiegt an die 15 Kilogramm. Als Andrea Fori, 32, im echten Leben Systemingenieurin beim Rüstungskonzern Lockheed-Martin, im Anzug in der Wüste umfiel, kam sie aus eigener Kraft nicht mehr hoch.

Um die Umgebung zu erkunden, schwangen sich Osburg und Kollegen in voller Montur auf vierrädrige Kawasakis ­ geländegängige Höllengefährte mit ordentlich PS. Im Umkreis von 20 Kilometern sind sie umhergesaust, immer strikt im Auftrag der Wissenschaft: Sie erprobten systematische Erkundung und Navigation und hatten offensichtlich ­ zum Schrecken von Wüstenwanderern ­ großen Spaß.

Das Terrain lässt im weiteren Umkreis an Marshaftigkeit nach. Einer der Abenteurer ist im Matsch stecken geblieben. Und immerzu pflügten die Marsfahrer mit ihren Vehikeln hehre Zeugnisse toter Erdbewohner unter: Versteinerte Dinosaurierknochen liegen herum wie Muscheln am Strand.

MDRS-Station, Insasse: Immer reichlich gegessen
Mars Society

MDRS-Station, Insasse: Immer reichlich gegessen

Die Abende gehörten dem gemeinschaftlichen Fernsehen. Commander Clancey hatte Science-Fiction-Filme dabei: "Red Planet", "2001" und "2010". Mit der Zeit muffelten alle etwas; denn sie waren gehalten, Unterwäsche viele Tage zu tragen und so selten wie möglich zu duschen. Gegessen haben sie immer reichlich und sehr gut ­ und auch dies ist eine jener Lehren, die in der Wüste gewonnen wurden für echte Marsfahrer: Leckere Speisen sind gerade in schwieriger Situation wichtig für die Gemütslage.

Die wahre Mission der Marsfreunde ist jedoch eine andere. Vor allem möchten sie erscheinen in Artikeln wie diesem. Mit ganzer Seele streben sie zum Roten Planeten; und sie wollen ihren bedenkenträgerischen Mitmenschen Appetit machen auf ungeheuer kostspielige, bemannte Marsexpeditionen. Ihnen zufolge steht nichts Geringeres auf dem Spiel als die psychische und kulturelle Erneuerung der Menschheit ­ deren langfristiges Überleben sowieso.

Feierlich beschwört Osburg: "Es würde die gesamte Zivilisation voranbringen, wenn wieder eine neue Grenze aufgemacht würde." Er glaubt, dass vom besiedelten Mars Impulse ausgehen könnten wie vom amerikanischen Westen vor 150 Jahren. Mars wäre Neuland, Freiraum für eine offene Pioniergesellschaft, Zuflucht für die Unzufriedenen, Entrechteten und Ungestümen.

Schön wär's. Aber natürlich kann der Mars in Wahrheit niemals so etwas werden wie der Wilde Westen: Damals brauchte ein Mann nichts weiter als einen Colt und ein Pferd, um sein Glück zu machen. Marsmenschen brauchen mehr. Unkomplizierte Freiheit kann es im All nicht geben. Menschen überleben in der fremden Welt nur dank der Gnade ihrer eigenen, milliardenteuren Technik und in vollkommener Abhängigkeit von irdischer Unterstützung.

All dies schreckt die Visionäre von der Mars Society nicht. Sie haben bereits ein weiteres "Habitat" auf "Devon Island" im arktischen Kanada aufgestellt ­ dort ist es allerdings so kalt, dass die Station nur zwei Monate im Jahr in Betrieb sein kann. Gerade haben die Bauarbeiten begonnen für eine dritte Station: "Euro-Mars" soll im Frühling 2003 auf Island errichtet werden.

Auch dort sieht es ziemlich marsmäßig aus. Auf Island sollen Möchtegernmarsforscher üben, sogar tief verborgenes außerirdisches Leben aufzuspüren ­ zum Beispiel Bakterien im Wasser kochend heißer Geysire.

MARCO EVERS



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