Zum Tod von Neil Armstrong: Der stille Überirdische
Als erster Mensch auf dem Mond hat Neil Armstrong die Welt in kollektives Staunen versetzt. Doch der Nasa-Astronaut wollte partout kein Held sein. Nach seiner historischen Mondfahrt meldete er sich nur noch selten groß zu Wort. Doch eines lag ihm am Herzen: die weitere Erkundung des Kosmos.
Als sich der Mann im sperrigen Anzug die Leiter hinuntertastet, halten die Menschen auf dem Planet Erde kollektiv den Atem an. Etwa eine halbe Milliarde Zuschauer verfolgt am 21. Juli 1969, wie der Amerikaner Neil Alden Armstrong als erster Mensch in den Staub des Mondes tritt. Um genau 2 Uhr 39 koordinierter Weltzeit ist es soweit.
Die Heerschar der Augenzeugen muss sich allerdings etwas anstrengen. Der Nasa-Astronaut ist auf den verwaschenen Live-Bildern aus rund 400.000 Kilometern Entfernung nur schwer zu erkennen. Doch Armstrongs Stimme ist über dem Hintergrundflirren des Funksignals klar und deutlich hörbar. Der 38-Jährige spricht Worte, die zur Legende werden: "That's one small step for (a) man, one giant leap for mankind." Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit.
Ob Armstrong den entscheidenden Artikel "a" im Eifer des Gefechts verschluckt, oder ob er den Tücken der Übertragungstechnik zum Opfer fällt, wird sich nie abschließend klären lassen. Um die Bedeutung der Mondlandung zu würdigen, spielt diese Frage auch keine Rolle.
Mit beinah kaltblütiger Gelassenheit hat der Kommandant die Mondlandefähre von "Apollo 11" per Hand im Meer der Ruhe zum Aufsetzen gebracht. Zuvor hatte sich herausgestellt, dass der Autopilot die "Eagle" zwischen gefährliche Felsen dirigieren wollte. Auch sind Armstrong und sein Kollege Buzz Aldrin nur knapp an einem Absturz aus Treibstoffmangel vorbeigeschrammt.
Eine Rede, die Präsident Richard Nixon im Falle eines Scheiterns der Mission halten würde, liegt ohnehin in Washington bereit. Doch mit der geglückten Landung ist das Manuskript überholt. Und Armstrongs Auftritt als veritabler Außerirdischer elektrisiert den Planeten: Es ist das erste Mal, dass ein Mensch einen anderen Himmelskörper betritt.
Für den Moment ist eine im Kalten Krieg geteilte Welt, ist ein in Rassen- und Klassenunruhen zerstrittenes Amerika im Staunen vereint. Eine technikgläubige Gesellschaft beklatscht sich selbst. Und das, obwohl eben nicht Computer, sondern Armstrongs fliegerisches Können die Mission gerettet haben.
Gut 43 Jahre sind seit der historischen Landung vergangen. Nach Angaben seiner Familie waren Komplikationen nach einer Bypass-Operation Anfang des Monats Schuld. "Neil war einer der größten amerikanischen Helden - nicht nur in seiner Zeit, sondern aller Zeiten", , nachdem er die Todesnachricht erhalten hatte.
Doch in Wahrheit wollte Armstrong gar kein Held sein. Oder bestenfalls ein "unwilliger", wie es seine Familie in der Todesnachricht formulierte. Freilich, nach der Rückkehr zur Erde waren Armstrong, Aldrin und Michael Collins, der im Mondorbit verblieben war, frenetisch bejubelt worden. In mehr als 20 Staaten machten die Mondfahrer Höflichkeitsbesuche, sogar in der Sowjetunion.
Doch wie deren Vorzeige-Flieger Jurij Gagarin war auch Armstrong nach seiner Landung kein Mann der großen Worte. Er wurde es trotz einiger Werbeauftritte, Reden und Interviews auch später nicht. Armstrong war dabei keineswegs menschenscheu. Wer Aufzeichnungen seiner raren Interviews sieht, kann sich auch nach seinem Tod davon überzeugen. Andererseits wollte er aber auch nicht als Sensation herumgezeigt werden.
Er habe kein Problem mit Aufmerksamkeit, er verdiene sie nur nicht, sagte er dem Fernsehsender CBS. Nur durch äußere Umstände sei er der erste Mensch auf dem Mond gewesen. Das habe niemand so geplant.
Armstrong trat in solchen Gesprächen immer freundlich auf - und alles andere als unzugänglich. Doch konnte er es nicht leiden, wenn mit seinem Namen Geld gemacht wurde. Also schrieb er irgendwann keine Autogramme mehr und verklagte seinen Friseur, als der einige Astronautenhaare für gutes Geld verscherbelte.
In erster Linie sah sich Armstrong als Pilot. Ein Blick auf seine Biografie hilft, das zu verstehen: Dem ersten Flug mit sechs Jahren folgt der Flugschein mit 16. Später kommen dann insgesamt 78 Kampfmissionen als Marineflieger im Korea-Krieg sowie Tests der Raketenjets X-1B und X-15, bei denen er an der Grenze zum Weltall entlangschrammt. Das Hochgefühl bei der Mondmission habe sich wegen des komplizierten Landeanflugs eingestellt, nicht wegen des Herumlaufens auf der Oberfläche, sagte der Astronaut vor einigen Jahren in einem E-Mail-Interview.
Neben der besonnenen Reaktion auf seinem ersten Raumflug mit "Gemini 8", der wegen einer Technikpanne beinahe fehlschlug, war es Armstrongs Bescheidenheit, die ihm die Ehre einbrachte, den historischen Schritt auf den Mond tun zu dürfen. Die Nasa-Offiziellen hatten keine Lust, Co-Pilot Aldrin mit seinem bekannt dicken Ego den Ruhm zu gönnen.
Öffentlich hat Armstrong nie ein schlechtes Wort über seinen Kollegen verloren. Auch wenn es immer wieder Gerüchte gab, dieser habe ihn aus Neid nicht auf dem Mond fotografieren wollen. Tatsächlich gibt es kaum Fotos des Kommandanten auf der Oberfläche des Erdtrabanten. Die wenigen Aufnahmen zeigen Armstrong nur als Spiegelung in Aldrins Helmvisier und von hinten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Doch Armstrong hatte keine Lust auf Kleinkrieg. Ihm lag Größeres am Herzen: die Erkundung des Kosmos' durch die Menschheit. Er machte sich für eine bemannte Mars-Mission stark und half, die Beinahe-Katastrophe von "Apollo 13" ebenso aufzuklären wie die Explosion der Raumfähre "Challenger".
Vor knapp zweieinhalb Jahren sah sich Armstrong noch einmal genötigt, sich öffentlich zu äußern. Zusammen mit seinen "Apollo"-Kollegen Jim Lovell und Eugene Cernan schrieb er einen offenen Brief an Präsident Obama. Auslöser war dessen Radikalkur bei den Nasa-Finanzen. Der Sparkurs, so zürnten die Astronauten-Veteranen, werde die USA im All auf "zweit- oder sogar drittklassige Statur" degradieren. Es drohe eine "lange Abwärtsfahrt zur Mittelmäßigkeit".
Geändert hat sich an der Lage trotz des Brandbriefs nur wenig. Gefragt nach einer Rückkehr zum Mond, hat der aktuelle Nasa-Chef Charles Bolden vor einiger Zeit erklärt, sein Land müsse "nicht immer der Anführer sein". Auch wenn er vielleicht aus einer anderen Zeit stammte: Neil Armstrong war in mehrfacher Hinsicht ein Symbol für das genaue Gegenteil dieses Satzes. Nun wird er Bolden allerdings nicht mehr widersprechen können. Der Nasa-Chef preist den Mond-Veteranen: "Wenn wir uns in die nächste Ära in der Eroberung des Weltraums begeben, dann stehen wir auf den Schultern von Neil Armstrong."
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