Zwangsarbeit für sowjetische Raumfahrt Deutsche Raketensklaven im Luxus-Gulag

Als die Sowjets 1945 Ostdeutschland besetzten, erbeuteten sie nur Reste der "Wunderwaffe" V2. Um die Rakete nachzubauen, verschleppten sie deutsche Ingenieure in die Sowjetunion. Doch die Experten wurden kaum gebraucht: Bis 1953 langweilten sie sich in einer Art Luxus-Gulag.

Von Simone Schlindwein, Moskau


Den geheimen Tipp, wo sich die deutschen Raketenanlagen befanden, erhielt Stalin von Winston Churchill im Juli 1944. Die anrückende Rote Armee solle die Startanlagen nicht zerstören, schrieb der britische Premierminister. Die deutsche Technologie, vor der die Briten sich so sehr fürchteten, müsse man studieren. Seitdem war Stalin wie besessen von der Idee, eine eigene Superwaffe zu bauen.

Der Beutezug der Sowjets durch die deutschen Raketenwerke nach Kriegsende 1945 war zunächst erfolglos. Sowjetische Luftfahrtingenieure wie Boris Tschertok fanden in der Nazi-Raketenschmiede bei Peenemünde nur eine Trümmerwüste vor. Das deutsche Heer hatte die Facharbeiter abgezogen, Unterlagen abtransportiert und die Testanlagen gesprengt. Nur das Kraftwerk sei noch ganz gewesen. "Von den deutschen Raketenbauern wie Wernher von Braun war keiner mehr dort. Kein einziger", erinnert sich der heute 96-Jährige.

In einem unterirdischen Stollen im Harz bei Nordhausen fand der Luftfahrtspezialist Tschertok endlich Zeichnungen und Bauteile der sogenannten Vergeltungswaffe V2. Dorthin hatte die SS im Jahr 1943 die Produktion verlegt und dafür die KZ-Fabrik Mittelbau-Dora als Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald mit 42.000 Häftlingen aufgebaut. "Es war furchterregend", erinnert sich Tschertok. Doch er war nicht als Befreier gekommen, sondern suchte nach den Raketen-Resten, welche die Amerikaner noch nicht ergattert hatten.

Die Sowjets standen vor der Wahl, so erinnert sich der Ingenieur, entweder sofort alles abzutransportieren oder sich vor Ort die Zeichnungen und Gerätschaften von deutschen Technikern erklären zu lassen. Obwohl das Potsdamer Abkommen die Produktion von Waffen auf deutschem Boden verbot, entstand in Bleicherode unweit von Nordhausen ein Forschungsinstitut.

Mit dem Versprechen, Deutschland nicht verlassen zu müssen, heuerte die sowjetische Militäradministration Techniker, Ingenieure und Physiker aus ganz Deutschland an. Darunter war auch Helmut Gröttrup, der die Lenk- und Steuersysteme der V2 entwickelt hatte. Anders als viele seiner Kollegen hatte er sich gegen das Angebot der Amerikaner entschieden, weil er bei seiner Familie in Deutschland bleiben wollte.

Die Sowjets stellten Gröttrup, den früheren Stellvertreter Werner von Brauns, als Institutsleiter ein. Mit ihm schlossen die anderen deutschen Spezialisten wie der Göttinger Physikprofessor Kurt Magnus neue Arbeitsverträge. Ihr erster Auftrag lautete, detaillierte Zeichnungen und Berechnungen zu erstellen, wie die V2-Rakete funktionierte. Die Skizzen übergaben sie den sowjetischen Ingenieuren, die auf Stalins Befehl hin die Superwaffe mit sowjetischen Materialien heimlich nachbauten.

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