Mikhail Zygar

Jahrestag des Sieges über Nazideutschland Wie Putin den Sieg im Zweiten Weltkrieg privatisierte

Mikhail Zygar
Ein Kolumne von Mikhail Zygar
Ein Kolumne von Mikhail Zygar
Russlands Präsident hat den 9. Mai für seine Zwecke instrumentalisiert. Aus dem Gedenken an einen schrecklichen Krieg ist ein Fetisch geworden – und in diesem Jahr ein Gipfel der Schande und Absurdität.
Russische Soldaten bei den Proben für die Parade am 9. Mai in Moskau

Russische Soldaten bei den Proben für die Parade am 9. Mai in Moskau

Foto: Dmitri Lovetsky / dpa

Ich kann mich noch an die Jahre erinnern, in denen ich den 9. Mai ohne Ekel und Schaudern wahrgenommen habe. Es war ein Tag des Gedenkens an einen schrecklichen Krieg, mit einem Hauch von Stolz – denn wir wussten, dass unsere Vorväter einst die Welt gerettet hatten. Wie zur Bestätigung dieser Tatsache reisten Staats- und Regierungschefs aus aller Welt an diesem Tag nach Moskau. Aber dann kam Putin, machte den Krieg zu seiner Privatsache und den 9. Mai zu einem Karneval des Obskurantismus.

Der »Tag des Sieges« und seine Geschichte ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie Putin den russischen Faschismus kultiviert hat.

Das Thema bot sich dafür an. In Russland ist der Zweite Weltkrieg, der hier als Großer Vaterländischer Krieg bezeichnet wird, für jeden Einzelnen mit persönlichen Geschichten verbunden. Ich weiß zum Beispiel, dass mein Großvater, der Vater meines Vaters, seine Eltern, seinen Bruder und seine Schwester während der Belagerung von Leningrad verloren hat. Sie alle sind zwischen Januar und März 1942 verhungert. Für mich ist das ein furchtbarer Teil meiner Familiengeschichte. Ich habe den Siegestaumel nie nachvollziehen und genießen können.

Die Verwandlung des Großen Vaterländischen Krieges in einen Fetisch, in das wichtigste Symbol des Regimes, in Russlands nationale Ideologie begann in Putins zweiter Amtszeit. Aufgeschreckt von der Orangenen Revolution in der Ukraine begann der Kreml damals, einer ähnlichen Revolution in Russland vorzubeugen. 2007 schlug Putins damaliger Ideologe Wladislaw Surkow vor, dass patriotische Jugendorganisationen das Regime verteidigen sollten. Eine ihrer ersten Aktionen war die Belagerung der estnischen Botschaft in Moskau.

Damals, kurz vor dem 9. Mai, war ein sowjetisches Soldatendenkmal in der estnischen Hauptstadt Tallinn vom Stadtzentrum auf einen Friedhof am Stadtrand verlegt worden. Das russische Staatsfernsehen bezeichnete dies als Faschismus, in Tallinn brachen Unruhen unter der russischsprachigen Bevölkerung aus, und in Moskau stürmten Putin-freundliche Jugendliche beinahe die estnische Botschaft. Das war sozusagen die allererste Theaterprobe. Zum ersten Mal klangen die Nachrichten im russischen Fernsehen so, als wäre der Krieg nicht 1945 zu Ende gegangen, als ginge er bis heute weiter.

Die nächste Etappe waren die Paraden. Während der Sowjetzeit fanden die Militärparaden auf dem Roten Platz in der Regel am 7. November statt, dem Jahrestag der bolschewistischen Revolution von 1917. An diesem Tag rollten alle Errungenschaften der sowjetischen Rüstungsindustrie zum Schrecken der Welt über das Kopfsteinpflaster. Zufriedene Mitglieder des Politbüros schauten von der Tribüne des Mausoleums zu. Mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums ging auch dieser Feiertag unter. Aber 2008 wurde beschlossen, die Tradition wieder aufzunehmen, allerdings nicht im Herbst, sondern im Frühjahr – am 9. Mai. Und die jungen Zuschauer dachten, das sei schon immer so gewesen – das Fernsehen erklärte, dies sei eine »heilige Tradition«.

In diesen Jahren arbeitete ich als Kriegsberichterstatter für den »Kommersant«, die damals angesehenste russische Zeitung. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 2009 auf einer Recherchereise im Libanon war. Meine Gesprächspartner dort waren Aktivisten der Hisbollah. Sie sahen sich die Parade im Fernsehen an, waren fasziniert und zollten mir ihren Respekt. Mir hingegen gefiel nicht, was da geschah.

Die Militärparade findet am Palastplatz statt, gefeiert wird der 77. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg

Die Militärparade findet am Palastplatz statt, gefeiert wird der 77. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg

Foto: Dmitri Lovetsky / dpa

2010 verfasste ich einen Artikel mit dem Titel »Der gusseiserne Phallus des Vaterlandes«. Ich schrieb: »Solche Vorstellungen erhöhen natürlich den Nationalstolz und das Selbstwertgefühl … Bekannterweise brauchen gerade diejenigen diesen Stolz besonders dringend, die nicht auf ihre eigenen Errungenschaften stolz sein können – auf ein erfolgreiches Unternehmen, eine glückliche Familie, gute Gesundheit. Wenn die Dinge schlecht laufen, gibt es trotzdem ein großes Bedürfnis, auf etwas stolz zu sein. Und der Ausweg ist seit Langem bekannt: Man hat stattdessen stolz auf die Heimat zu sein. Das gleiche Gefühl hatten die Sowjetbürger in den Siebzigerjahren, wenn sie im Fernsehen Raketen wie gusseiserne Würste sahen und verstanden: Wir leben zwar schlecht, aber dafür kann unser großes sowjetisches Heimatland die ganze Welt in Schutt und Asche legen.«

Dieser Artikel löste einen kleinen Skandal aus – gegen die Siegesparade aufzutreten, galt damals bereits als kühn, aber noch nicht als Sakrileg. Im heutigen Russland ist ein solcher Text undenkbar.

Dann übernahm ich den Fernsehsender Doschd, den einzigen privaten Nachrichtensender, der von den Behörden völlig unabhängig war. Die patriotische Hysterie im Lande nahm zu, und so beschloss ich 2012, speziell für den 9. Mai eine kurze pädagogische Zeichentrickserie zu produzieren. Es handelte sich um eine Reihe von Animationsvideos zu den wichtigsten Mythen über den Großen Vaterländischen Krieg. Sie drehten sich um die Geschichten, die Kindern in der Schule erzählt werden: die 28 Panfilow-Helden, die 1941 Moskau verteidigten und angeblich die Einnahme der Stadt verhinderten (in Wirklichkeit gab es sie nicht), oder die hingerichteten Jungen Pioniere oder das erhängte Komsomol-Mädchen Soja Kosmodemjanskaja. Die Zeichentrickfilme erklärten zunächst den allgemeinen Mythos und erzählten dann, wie die Dinge wirklich waren.

Der russische Staat ging in die entgegengesetzte Richtung. Einige Jahre später erklärte der damalige Kulturminister Wladimir Medinskij, die Panfilow-Soldaten und Soja seien Heilige, und alle, die ihre Heldentaten anzweifelten, seien »Abschaum und sollten in der Hölle schmoren«. (Unsere Animationsfilme wurden natürlich nach 2012 nirgendwo mehr gezeigt). Das Kulturministerium stellte jedes Jahr riesige Summen für patriotische Blockbuster über sowjetische militärische »Heilige« zur Verfügung. Ausgerechnet Medinskij leitet übrigens die russische Delegation bei den derzeitigen Verhandlungen mit der Ukraine.

Im Jahr 2014 wurde der Fernsehsender Doschd fast zerstört. In einer Sendung zum Jahrestag des Endes der Belagerung von Leningrad erinnerten die Moderatoren an den großen sowjetischen Schriftsteller und Kriegsveteranen Viktor Astafjew, der sich in den 1970er-Jahren gefragt hatte, ob die Stadt Leningrad nicht hätte kapitulieren sollen, um Hunderttausende von Menschenleben zu retten. Diese Frage wurde dem Publikum gestellt – und löste einen Orkan der Empörung aus. Die Staatspropaganda behauptete, der Sender habe Veteranen und das Andenken aller Gefallenen beleidigt, die Doschd-Journalisten wurden als Faschisten bezeichnet, und der Kreml forderte inoffiziell die Betreiber von Kabel- und Satellitennetzen auf, Doschd abzuschalten – angeblich auf Wunsch der empörten Fernsehzuschauer. Alle fügten sich. Doschd verlor den größten Teil seiner Zuschauer und sendete nur noch im Internet.

Seitdem hat sich der Brauch, alle Regimegegner als »Faschisten« zu bezeichnen, weiter verbreitet. Doschd wurde gerade noch rechtzeitig abgeschaltet, bevor ein paar Wochen später eine neue Revolution in Kiew stattfand (von der die Kreml-Propaganda behauptete, ukrainische Nazis hätten sie durchgeführt). Dann begann die Operation zur Annexion der Krim (laut staatlichen Fernsehsendern rettete Russland auf diese Weise seine Bewohner vor ukrainischen Faschisten). Ohne Doschd gab es auch keine alternative Sichtweise mehr im russischen Fernsehen.

Die patriotische Hysterie rund um den 9. Mai nahm von Jahr zu Jahr zu. Vor einigen Jahren kaperten die russischen Behörden ein Projekt namens »Unsterbliches Regiment« – einst eine Initiative eines privaten Fernsehsenders in Tomsk, dessen Journalisten Daten über unbekannte Kriegsopfer sammelten. Doch vor fünf Jahren beschloss der neue Ideologe des Kremls, Sergej Kirijenko, die Idee zu zerstören: Er verwandelte das »Unsterbliche Regiment« von einer stillen Trauerveranstaltung in große Aufmärsche, die am 9. Mai im ganzen Land stattfanden. Menschen gingen mit Bildern ihrer Vorfahren, die am Großen Vaterländischen Krieg teilgenommen hatten, zu Massenkundgebungen auf die Straße. Putin selbst führte einen dieser Aufmärsche an.

Ein neues Wort, »pobedobesie«, bürgerte sich für ein, zu Deutsch so etwas wie Siegestaumel oder Siegeswahn. Für viele Moskauer ist es mittlerweile Tradition, die Stadt Ende April zu verlassen, um ihn nicht zu sehen.

In diesem Jahr hat der ehemalige Tag des Sieges den Gipfel der Schande und Absurdität erreicht. Schließlich feiert die Propaganda jetzt zwei Siege: den alten von 1945 und den neuen über den »ukrainischen Nazismus«. Da es keinen wirklichen Sieg gibt, wird er von Baba Anja symbolisiert, einer alten Frau aus einem ukrainischen Dorf. Zu Beginn des Krieges tauchte im Internet ein Video auf, das sie zeigt, wie sie mit einer roten sowjetischen Flagge das Militär begrüßt. Sie hielt die Soldaten für Russen – aber es waren Ukrainer, die ihre Fahne zertrampelten und ihr stattdessen eine Tüte mit humanitärer Hilfe gaben (was die alte Frau ablehnte).

Das weitere Schicksal dieser Frau war erstaunlich: Niemand kannte ihren Nachnamen, aber sie wurde zu einem Symbol dafür, dass die Russen in der Ukraine tatsächlich als Befreier willkommen seien. Anja wurden (zu Lebzeiten) Denkmäler errichtet. In dieser Woche traf der Kreml-Ideologe Sergej Kirijenko in Mariupol ein, um mit einer roten Fahne ein Denkmal für Baba Anna einzuweihen. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass die alte Frau immer noch in der Ukraine im Krankenhaus liegt und ihr Haus von russischer Artillerie zerstört wurde. Die russische Propaganda hat jedoch schon immer nur mit Mythen gearbeitet – die realen Menschen sind ihr völlig gleichgültig.

Von einem Tag der Trauer und des Gedenkens hat sich der 9. Mai in nur 15 Jahren in einen Kriegsfeiertag verwandelt, den Tag eines heidnischen Todeskults, ein schreckliches Fest des fröhlichen Mordens. Ein Tag, an dem alte Komplexe und Ressentiments vergessen werden – geheilt durch eine phallische Atombombe, die über den Roten Platz gefahren wird.

In den letzten Jahren hat Putin so oft über angebliche Geschichtsfälschung geredet, bis er sie selbst gefälscht hat. In seiner Version der Geschichte (die von russischen Beamten sehr gern wiederholt wird) kämpfte die UdSSR im Zweiten Weltkrieg allein gegen die ganze Welt – und gewann.

Aber weil Putin diesen Krieg und diesen Sieg privatisiert hat, steht jetzt zu erwarten, dass diese Feier früher oder später vergessen wird. Die Schande des Krieges in der Ukraine ist so groß, dass er unweigerlich zu einer Ent-Imperialisierung Russlands führen muss – er wird Russland von seinen imperialen Ambitionen heilen. Und zugleich wird sich Russland von seinem Stolz verabschieden, der »Retter der Welt vor dem Nazismus« zu sein. Es wird nichts mehr zu feiern geben – und das ist gut so. Wir sollten die Kriege der Vergangenheit in der Geschichte belassen, anstatt zu tun, als wären sie Teil der gegenwärtigen Politik.