Strenge Gesetze in Texas Mexikanische Aktivistinnen wollen Frauen in den USA bei Abtreibung helfen

Mexiko hat Schwangerschaftsabbrüche entkriminalisiert; die USA bewegen sich in die umgekehrte Richtung. Feministinnen wollen jetzt Pillen über die Grenze nach Texas bringen und amerikanische Frauen online beraten.
Verónica Cruz und ihre Mitstreiterinnen wollen Frauen in den USA mit Abtreibungspillen versorgen und virtuell durch den Abbruch begleiten

Verónica Cruz und ihre Mitstreiterinnen wollen Frauen in den USA mit Abtreibungspillen versorgen und virtuell durch den Abbruch begleiten

Foto: MARIAN CARRASQUERO / The New York Times/ Redux / laif
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Sie kommen in einem gepolsterten Umschlag per Post, sieben Pillen, eine große und sechs kleine, gelagert in einer schwarzen Plastikdose, unbeschriftet und mit Klebeband verschlossen. So und ähnlich sehen die Päckchen aus, die Tausende Frauen in Brasilien oder Mexiko jedes Jahr nach Hause geliefert bekommen – für viele der einzig sichere Weg zu einer Abtreibung.

Die Pillen enthalten die Wirkstoffe Misoprostol und Mifepriston und lösen einen medikamentösen Schwangerschaftsabbruch aus. Sie werden per Anruf oder WhatsApp bestellt, feministische Ärztinnen oder Frauenrechtsorganisationen geben die Nummern heimlich weiter. Denn in den allermeisten Ländern Lateinamerikas gilt Abtreibung als Verbrechen, Frauen sitzen deswegen im Gefängnis.

Misoprostol wurde als Medikament gegen Magengeschwüre entwickelt und ist die gängigste Abtreibungspille

Misoprostol wurde als Medikament gegen Magengeschwüre entwickelt und ist die gängigste Abtreibungspille

Foto: Victor R. Caivano / AP

Zwar konnten Frauenrechtsbewegungen in einigen wichtigen Ländern des Kontinents zuletzt Erfolge verzeichnen: Erst kippte Argentinien sein Abtreibungsverbot im Dezember 2020; dann entschied der Oberste Gerichtshof in Mexiko, dass die Bestrafung von Schwangerschaftsabbrüchen unrechtmäßig ist. In Chile verhandelt derzeit der Verfassungskonvent über deren Legalisierung.

In die umgekehrte Richtung bewegen sich nun ausgerechnet die Vereinigten Staaten von Amerika: Vorangetrieben von den Republikanern und konservativen, katholischen und evangelikalen Gruppen soll das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche in den USA immer weiter eingeschränkt werden.

Im Bundesstaat Texas gilt seit vergangenem September die sogenannte »Heartbeat Bill«, ein Gesetz, das Abtreibungen verbietet, sobald beim Embryo ein Herzschlag nachzuweisen ist. Das kann bereits in der sechsten Schwangerschaftswoche der Fall sein, bevor viele Frauen überhaupt wissen, dass sie schwanger sind. Was für Frauen in Lateinamerika schon lange Realität ist, könnte bald auch ungewollt Schwangere an immer mehr Orten in den USA betreffen: Sie müssen für einen Abbruch auf Wege jenseits der Legalität zurückgreifen.

Hilfe versprechen nun Feministinnen aus Lateinamerika – schließlich haben sie jahrzehntelange Erfahrung damit, wie man die Kriminalisierung von Abtreibung umgeht. »Wir lassen diese Frauen nicht im Stich«, sagt die mexikanische Frauenrechtsaktivistin Verónica Cruz, »wir organisieren und begleiten bereits Abtreibungen in Texas und werden unsere Aktivitäten weiter ausbauen.« Cruz setzt sich seit 25 Jahren für Frauen in Mexiko ein, hat mehr als tausend Abtreibungen unterstützt und arbeitet derzeit gemeinsam mit Aktivistinnen auf der anderen Seite der Grenze an einem Plan für die USA.

»Die USA waren immer unser Vorbild, was das Recht auf Abtreibung betrifft«, sagt Cruz, »dass wir jetzt einen Schritt weitergekommen sind und die USA sich zurückentwickeln, das ist erschreckend.«

Verónica Cruz kämpft seit mehr als 25 Jahren für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung

Verónica Cruz kämpft seit mehr als 25 Jahren für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung

Foto: MARIAN CARRASQUERO / The New York Times / Redux / laif

Cruz begann sich für Frauenrechte einzusetzen, als ihr konservativer Heimatbundesstaat Guanajuato ein Gesetz verabschieden wollte, wonach selbst Opfer sexueller Gewalt nach einem Schwangerschaftsabbruch ins Gefängnis kommen sollten. Nach Protesten wurde der Gesetzentwurf zurückgenommen. Doch für die Frauen blieb es trotzdem fast unmöglich, Ärzte für den Eingriff zu finden. Cruz klopfte damals persönlich an deren Türen, ging mit den Frauen in die Kliniken und begleitete sie während ihrer Abtreibungen.

»Eine wahre Revolution« sei die Ankunft der Pille Misoprostol vor 20 Jahren gewesen: »Wir brauchten plötzlich keine Ärzte mehr.« Das Medikament, das eigentlich zur Behandlung von Magengeschwüren entwickelt wurde, ist höchst wirksam, um eine Schwangerschaft bis zur zwölften Woche zu beenden. Die Weltgesundheitsorganisation führt es auf ihrer Liste der »unentbehrlichen Arzneimittel« und hat ein Protokoll für die Off-Label-Anwendung von Misoprostol als Abtreibungspille herausgegeben.

Sofia, 23, trieb mithilfe einer mexikanischen Frauenrechtsorganisation ab, die Frauen mit Medikamenten versorgt

Sofia, 23, trieb mithilfe einer mexikanischen Frauenrechtsorganisation ab, die Frauen mit Medikamenten versorgt

Foto: MARIAN CARRASQUERO / The New York Times / Redux / laif

Cruz und ihre Kolleginnen von der mexikanischen Organisation Las Libres (Die Freien) schufen in der Folge ein gut ausgebautes Netzwerk, um ungewollt schwangeren Frauen auf dem Kontinent zu helfen, gerade auch ärmeren, die sich keinen teuren Eingriff in einer verschwiegenen Privatklinik leisten können. Wer die Pillen nicht bezahlen kann, erhält sie gratis.

Inzwischen haben die Aktivistinnen, auch infolge der Pandemie, fast komplett auf virtuelle Begleitung umgestellt. Sie verschicken Anleitungen per WhatsApp oder Mail, haben eine eigene App. Wenn jemand Redebedarf hat, dann telefonieren sie. »Die Frauen können den Abbruch allein zu Hause machen, ohne dass ihre Eltern oder ihr Ehemann irgendetwas davon mitbekommen«, sagt Cruz.

Zwei Frauen, die in Washington für körperliche Selbstbestimmung protestieren, werden von Anti-Abtreibungs-Demonstrantinnen umringt

Zwei Frauen, die in Washington für körperliche Selbstbestimmung protestieren, werden von Anti-Abtreibungs-Demonstrantinnen umringt

Foto: Drew Angerer / Getty Images

Komplikationen sind äußerst selten. Falls es zu außergewöhnlich starken Blutungen kommt und die Frauen besorgt sind, empfehlen die Aktivistinnen, eine Klinik aufzusuchen. In Ländern wie Brasilien raten sie dann jedoch dazu, die vaginal eingeführten Pillen zuvor wieder herauszuholen – Frauen könnten sonst angezeigt werden, vor allem diejenigen, die sich keinen Anwalt leisten können. »Im Gefängnis treffen wir immer nur arme Frauen. Ich habe noch nie eine reiche Frau getroffen, die wegen einer Abtreibung in Haft war«, sagt Cruz. Gefahr droht auch von unseriösen Anbietern, die unwirksame Pillen entweder über das Internet verkaufen oder auf dem Schwarzmarkt in Favelas.

Doch während weltweit immer noch Zehntausende Frauen – eine genaue Erhebung der Zahlen ist schwierig – jährlich bei unsicheren Abtreibungen sterben, gilt die medikamentöse Methode bei korrekter Anwendung als sehr sicher – und wird in Zukunft wohl noch an Bedeutung gewinnen. Denn nicht nur in Texas sollen die Rechte von Frauen massiv eingeschränkt werden. Zahlreiche weitere Bundesstaaten, darunter etwa South Dakota oder Mississippi, planen restriktive Gesetze.

Ziel der Abtreibungsgegner ist es, ein Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs namens Roe v. Wade von 1973 zu kippen, welches fünf Jahrzehnte lang das Recht von US-amerikanischen Frauen auf eine Abtreibung sichergestellt hat. Es gilt als wahrscheinlich, dass dies durch die von Ex-Präsident Donald Trump ernannten Richter am Obersten Gerichtshof gelingen wird, da dieser nun in der Mehrheit konservativ besetzt ist. In der Folge könnten bis zu 26 Bundesstaaten Abtreibungen verbieten, wie eine Recherche des Guttmacher Institute ergab, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für reproduktive Rechte einsetzt.

»Es gibt jetzt verschiedene Wege, um den Frauen zu helfen«, sagt die mexikanische Aktivistin Cruz. Einerseits könnten ungewollt Schwangere nach Mexiko reisen, um dann in einer der Grenzstädte wie Tijuana oder Ciudad Juárez, unterstützt von Frauengruppen, einen medikamentösen Abbruch vorzunehmen. Frauen aus Texas würden von dieser Möglichkeit bereits Gebrauch machen.

Abtreibungsgegner demonstrieren bei einer Pro-Life-Rally in Dallas, Texas

Abtreibungsgegner demonstrieren bei einer Pro-Life-Rally in Dallas, Texas

Foto: BRANDON BELL / Getty Images

Zweitens würden Personen aus den USA bereits nach Mexiko einreisen, wo die Pillen in Apotheken frei und zu einem geringen Preis erhältlich sind, und sie dann über die Grenze zurückbringen. Die Medikamente können dann per Post geschickt werden. Derzeit bringen Cruz’ Mitstreiterinnen in den USA die Pillen meist noch persönlich zu den Frauen. »Es ist ein System gegenseitiger Solidarität, man verrät sich nicht.«

Die texanische »Heartbeat Bill« ist allerdings auch deshalb so perfide, weil das Verbot besonders auch auf Ärztinnen und Helfer abzielt. Das Gesetz soll mithilfe von Privatpersonen durchgesetzt werden, die Helfer denunzieren und anzeigen und dafür mit bis zu 10.000 US-Dollar belohnt werden. »Wir haben einen riesigen Vorteil«, sagt Cruz, »wir sitzen in Mexiko, uns trifft das Gesetz nicht, wir können die Frauen von hier aus problemlos online betreuen.«

Der Plan ist dennoch äußerst heikel, schließlich handelt es sich um ausländische Aktivistinnen, die gezielt versuchen, US-Gesetze zu unterlaufen. Pro-Life-Gruppen aus den USA sind bereits alarmiert und überlegen, wie man die Mexikanerinnen stoppen kann. In Brasilien berichten feministische Ärztinnen von Fake-Anfragen oder Anrufen, die dazu dienen sollen, sie als Abtreibungshelferinnen zu überführen.

Cruz, die in Mexiko trotz ihres Aktivismus nie selbst Probleme mit Autoritäten hatte oder angezeigt wurde, lässt sich davon nicht verunsichern. Sie begreift ihren Plan als eine Art umgekehrte Entwicklungshilfe für die USA. »Wir haben keine Angst«, sagt sie, »wir stehen nicht auf der Seite des Verbrechens, wir stehen auf der Seite der Menschenrechte.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.