Frauenrechte auf Malta »Selbst junge Frauen halten Abtreibungen für Sünde«

Die geplante Lockerung des Abtreibungsverbots sorgt auf Malta für heftige Proteste. Die Wissenschaftlerin Andreana Dibben erklärt, warum ihre Heimat so konservativ ist – und selbst junge Frauen Abbrüche strikt ablehnen.
Ein Interview von Jan Petter
Demonstrierende in der Hauptstadt Valletta halten am Sonntag Schilder gegen die geplante Lockerung des Abtreibungsverbots in die Luft

Demonstrierende in der Hauptstadt Valletta halten am Sonntag Schilder gegen die geplante Lockerung des Abtreibungsverbots in die Luft

Foto: DARRIN ZAMMIT LUPI / REUTERS
Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Frau Dibben, weltweit demonstrieren Frauen regelmäßig für ihre Rechte und die Möglichkeit zum sicheren Schwangerschaftsabbruch. Auf Malta gab es am Sonntag ebenfalls die größten Proteste seit Jahren – doch sie richteten sich gegen eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts. Was ist los bei Ihnen?

Dibben: Auf der Straße waren vor allem ältere Menschen. Und die katholische Kirche hat den gesamten Klerus mobilisiert, in den Sonntagspredigten wurde für den Protest geworben. Es wurde gewissermaßen zu einer Pflicht gemacht, sich gegen die geplanten Reformen zu wehren. Die Proteste waren groß, aber sie repräsentieren aus meiner Sicht nicht die ganze Bevölkerung. Würde das Regierungslager so vorgehen, hätte es vermutlich ähnlich viele Menschen auf der Straße. Die Auseinandersetzung hat sich schon seit Wochen zugespitzt.

Zur Person

Andreana Dibben, Jahrgang 1980, forscht als Sozialwissenschaftlerin an der Universität Malta zu Frauenrechten und Sozialpolitik. Auch in ihrer Promotion untersuchte sie die Situation von jugendlichen Müttern auf der Insel. Sie ist eine der Sprecherinnen der maltesischen Women’s Rights Foundation.

SPIEGEL: Wie ist es dazu gekommen?

Dibben: Die Diskussion begann im Juni, als eine schwangere US-Amerikanerin starke Blutungen erlitt. Trotz Lebensgefahr weigerten die behandelnden Ärzte sich, eine Abtreibung durchzuführen. Malta ist das einzige EU-Land mit grundsätzlichem Abtreibungsverbot. Dieser Fall führte uns vor Augen, was das konkret bedeutet. Die sozialdemokratische Regierung versprach deshalb, die Gesetze zu prüfen. Auch künftig sollen Abtreibungen verboten sein. Wenn das Leben von Frauen in Gefahr ist, soll es aber Ausnahmen geben. Dagegen regt sich jetzt Protest. Es wird behauptet, dass die Diagnose »Lebensgefahr« zum Anlass genommen werde, um auch bei psychischen Problemen Schwangerschaftsabbrüche zu ermöglichen. In der Öffentlichkeit wird so getan, als würde hier bald alles möglich. Und im Parlament legte der Oppositionsführer sogar kürzlich nahe, der ganze Fall der Touristin sei eine Verschwörung, um Abtreibungen zu ermöglichen. Das ist natürlich grotesk. Aber es trifft bei manchen offenbar einen Nerv.

Nonnen mit Anti-Abtreibungsplakat

Nonnen mit Anti-Abtreibungsplakat

Foto: DARRIN ZAMMIT LUPI / REUTERS

SPIEGEL: Welche Rolle spielt die katholische Kirche auf Malta?

Dibben: Eine sehr große! Die Kirche hält für viele unsere Gesellschaft zusammen. In unserer Geschichte waren wir mal von den Briten kontrolliert und mal von Italienern. Unsere Sprache hat lateinische Buchstaben, ist aber eng mit dem Arabischen verwandt. Heute haben wir sehr viel Migration. Von hier weg, aber auch zu uns. Jede kleine Veränderung ist hier stark zu spüren. Wir sind nur eine kleine Insel mit gerade einmal 500.000 Menschen. Der Katholizismus ist für viele Malteserinnen und Malteser deshalb wie ein Anker. Moral spielt im Alltag eine größere Rolle als auf dem Festland. Noch heute gehen 40 Prozent der Bevölkerung wöchentlich in einen Gottesdienst.

SPIEGEL: Mütter, so schreiben Sie in Ihrer Promotion, hätten bis heute eine besondere Bedeutung.

Dibben: Die Mutterrolle wird in unserer Gesellschaft stark idealisiert. Frauen sollen für ihre Kinder da sein, im Zweifel alles opfern. Auch ihr Leben. Dieser Blick wird bis heute vermittelt, ein großer Teil der Kinder geht auf kirchliche Schulen. Als die Amerikanerin in Lebensgefahr schwebte, hieß es direkt: ›Sie hätten zu Hause bleiben sollen.‹ Selbst heute gibt es junge Frauen auf Malta, die Abtreibungen für eine Sünde halten. Diese Perspektive passt natürlich nicht zur Wirklichkeit von Frauen. Viele junge Malteserinnen entscheiden sich heute bewusst gegen Kinder, eben weil sie wissen, was damit verbunden ist. Unsere Geburtenrate ist heute die niedrigste in der EU. Und wenn Frauen abtreiben wollen, fliegen sie nach Großbritannien.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass der Protest die geplanten Reformen noch stoppen kann?

Dibben: Der Premierminister hat bereits verkündet, dass er daran festhält. Vielleicht werden sie kosmetisch noch etwas ändern. Aber es gibt eine politische Mehrheit. Auch in der Bevölkerung unterstützt ein großer Teil die Reform. Die größte Hürde ist jetzt Präsident George Vella. Er hat vor Amtsantritt versprochen, keine Gesetze zur Lockerung des Abtreibungsrechts zu unterzeichnen, obwohl er der Regierungspartei angehört. Aber im Zweifel lässt er seinen Stellvertreter unterschreiben.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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