Abschied einer griechischen Insel Die letzten Männer von Antikythera

Über die kleine Insel Antikythera weht der Wind der Weltgeschichte, heute gibt es nur noch 20 Bewohner auf dem kleinen Eiland. Die meisten sind alt und männlich. Wie viel Zeit bleibt der griechischen Insel noch?
Von Jan Petter und Jonas Berndt (Fotos)
Der einzige Hotelier auf Antikythera ist bereits selbst im Rentenalter und lebt nicht dauerhaft auf der Insel.

Der einzige Hotelier auf Antikythera ist bereits selbst im Rentenalter und lebt nicht dauerhaft auf der Insel.


Foto: Jonas Berndt
Globale Gesellschaft

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Am Anfang ist es nur ein Flirren am Horizont. Dann eine Reflexion, ein warmer Sonnenstrahl, der über das Meer zurückkehrt. Schließlich schiebt sich das Schiff immer näher, bis es sich bald dröhnend an die Betonmauer am Anleger drückt. So beschreibt der Fotograf Jonas Berndt das regelmäßige Zeichen für die Einwohner von Antikythera, dass ihr Zuhause noch nicht vergessen ist.

Nur wenige Male die Woche für ein paar kurze Minuten besucht eine Fähre den Anlegeplatz der Insel, schon das Wort Hafen wäre eine Übertreibung. Für die Kapitäne ist die rund 20 Quadratkilometer kleine Insel nur ein Zwischenstopp auf dem Weg von Piräus nach Kreta und umgekehrt. Für die etwa 20 Bewohnerinnen und Bewohner ist es viel mehr.

Wie ein großer, bewachsener Fels liegt Antikythera im Mittelmeer.

Wie ein großer, bewachsener Fels liegt Antikythera im Mittelmeer.

Foto: Jonas Berndt

Antikythera ist eine Insel der Alten, vor allem der alten Männer. Wer hier noch dauerhaft lebt, tat es oft schon immer oder wurde irgendwann von der Regierung hierher geschickt, so wie der Polizist. Junge Erwachsene gibt es fast gar nicht, und als vor einigen Jahren doch eine Familie mit drei Kindern kam, musste die Verwaltung, die selbst auf der nächstgrößeren Insel sitzt, erst einmal schauen, ob überhaupt eine Lehrerin zur Verfügung steht. Heute werden Anastasia, Stamatia und Iakovos gemeinsam unterrichtet, in einem Raum, von einer Person.

Wer aber jung ist und Arbeit sucht in Griechenland, bleibt kaum auf solch einer Insel. Er oder sie geht meist aufs Festland oder, so wie in den vergangen 15 Jahren, einfach gleich ins Ausland. Arbeit ist in Griechenland immer noch rar, oft schlecht bezahlt, und wenn es sie gibt, dann kaum auf Antikythera. Die Insel liegt nördlich von Kreta abseits der Touristenströme, ein bisschen windig und isoliert. Was hier im Kleinen passiert, betrifft in Wahrheit das ganze Land.

Am Ochi-Tag gedenken die Griechen ihres Widerstands im Zweiten Weltkrieg. Selbst auf Antikythera wird der Tag gefeiert, auch wenn die drei einzigen Kinder allein durchs Dorf ziehen.

Am Ochi-Tag gedenken die Griechen ihres Widerstands im Zweiten Weltkrieg. Selbst auf Antikythera wird der Tag gefeiert, auch wenn die drei einzigen Kinder allein durchs Dorf ziehen.

Foto: Jonas Berndt

Im Jahr 1900 wurde hier vor der Küste ein altes Gerät mit Zahnrädern und Zifferblättern gefunden, halb antiker Computer, halb astronomische Uhr. Der »Mechanismus von Antikythera« war ein Wunder, das zeigte, dass die alten Griechen vor 2000 Jahren noch cleverer waren, als ohnehin schon vermutet. Heute steht es im archäologischen Nationalmuseum in Athen. Den Bewohnern der Insel blieben nur der schöne Beiname und ein Wikipedia-Artikel in 65 Sprachen.

Damit hat Antikythera schon mehr erreicht als viele griechische Inseln in vergleichbarer Lage. Und doch wird es zum Überleben kaum reichen. Vor einigen Jahren versuchten die Bewohner selbst einmal ein Wunder zu entfachen, um ihre Insel zu retten. Sie versprachen jeder Familie, die sich neu auf Antikythera ansiedelt, 500 Euro Willkommensprämie im Monat. Die Idee ging um die Welt, noch heute stapeln sich Initiativbewerbungen in den Google-Map-Bewertungen der Insel.

Auch der Fotograf Jonas Berndt erfuhr so von der Insel und beschloss, sie zu besuchen. Vor Ort, nach einem Tag Anreise von Athen aus, erfuhr er dann, was alles nicht in der Zeitung gestanden hatte: Die Bewerberinnen sollten landwirtschaftlich interessiert sein oder Fischfang betreiben, vielleicht, so erklärten die Inselbewohner, werde es auch eher materielle Unterstützung als Geld geben. Dass es auch nützlich sein könnte, bereits Griechisch zu sprechen, bemerkte Berndt bald von allein.

Bis heute, sagt er, habe er auf Antikythera keine anderen Ausländer wie ihn getroffen. Das Wunder ist ausgeblieben. Dafür kehrte Berndt selbst mehrfach zurück, öfter als gedacht, nur gebremst von der Pandemie. Anfangs verständigte er sich mit einem Zettel, den ihm jemand spontan zusammengeschrieben hatte. Später ging es auch so.

Mit seiner analogen Mamiya c330 Kamera dokumentierte er ganz altmodisch und langsam das Leben auf der Insel. »Zwanzig« lautete der Projektname seiner Arbeit, so wie die bescheidene Größe und Einwohnerzahl von Antikythera. Im quadratischen Format spiegele sich ein wenig auch die Enge und Beschränktheit der isolierten Insel, sagt Berndt. Für die alten Bewohner war das nicht wichtig, sie freuten sich viel eher über das Interesse. Manchmal wunderten sie sich auch. Am Ende sagte der Bürgermeister, der Fotograf sei jederzeit wieder willkommen. Und dann: »Bringen Sie Ihre Freunde mit!«

Sehen Sie hier, wie die Bewohner von Antikythera leben, arbeiten und mit ihrer Zukunft ringen:

Fotostrecke

»Bei uns ist es günstig. Wir umarmen die Gäste, die zu uns kommen«

Foto:

Jonas Berndt

Mitarbeit: Giorgos Christides

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war die Größe der Insel Antikythera falsch angeben. Statt 20 Quadratmetern sind es rund 20 Quadratkilometer. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.