Konflikt in Äthiopien »Ich werde in die Berge gehen und mich den Kämpfern anschließen«

Obwohl Premier Abiy Ahmd über das abtrünnige Bundesland Tigray gesiegt haben will, ist Frieden nicht in Sicht. Die Rebellen machen sich für einen Guerillakrieg bereit – und auch Truppen aus Eritrea mischen sich ein.
Äthiopisches Militär an der Grenze zu Eritrea: Berichte über Plünderungen und Morde häufen sich

Äthiopisches Militär an der Grenze zu Eritrea: Berichte über Plünderungen und Morde häufen sich

Foto: EDUARDO SOTERAS / AFP

Alem Hadush hat seine Zukunft verloren, als die Granaten auf die tigrinische Stadt Wukro flogen, an deren Nordrand die berühmte Felsenkirche Wukro Chirkos thront. »Meine Frau war schwanger. Wir erwarteten unser erstes Kind. Jetzt sind beide tot«, erzählt er am Telefon. Nach Wochen lässt Addis Abeba wieder Telekommunikationsverbindungen in Teile des Bundeslandes Tigray zu. »Sie starb, als die eritreische Artillerie unsere Stadt beschoss.«

Alem erzählt, wie eritreische Streitkräfte sechs seiner Freunde ermordeten, wie Einheiten aus dem Nachbarland Eritrea in vielen Orten Tigrays wahllos plündern.

Berichte aus Tigray über marodierende Einheiten aus dem Nachbarland häufen sich.

Tausende Menschenleben hat der Krieg im Norden Äthiopiens bereits gekostet. Mehr als 50.000 Äthiopier sind seit Beginn der Kampfhandlungen am 4. November in den Sudan geflohen.

Immer größer wird bei ausländischen Beobachtern die Angst, dem Beginn eines Staatszusammenbruchs beizuwohnen, der in der jüngeren Geschichte seinesgleichen suchen würde. Eines Zusammenbruchs, der Konsequenzen für die Stabilität der gesamten Region haben könnte.

Denn es gilt nicht nur mittlerweile als gesichert, dass eritreische Truppen in Tigray kämpfen, es wurden auch kürzlich sudanesische Soldaten auf sudanesischem Gebiet von äthiopischen Truppen attackiert. Der Konflikt involviert also bereits die Nachbarländer.

Der Konflikt involviert die Nachbarländer

Entwicklungshelfern und Diplomaten zufolge sind an den Kämpfen viele Tausend Soldaten aus dem benachbarten Eritrea beteiligt. Augenzeugen bestätigen das.

»Am Dienstag brachten die eritreischen Streitkräfte 81 Zivilisten um, die sich in der Al-Nejashi-Moschee verschanzt hatten«, erzählt eine Frau aus der tigrinischen Stadt Negash am Telefon. Sie konnte dem Massaker entkommen und traf am Mittwoch vergangener Woche nach über zehn Stunden Fußmarsch in Mekele ein, der Hauptstadt Tigrays.

Für den äthiopische Präsidenten Abiy Ahmed und Eritreas Präsidenten Isaias Afewerki ist die tigrinische Führungspartei TPLF ein gemeinsamer Feind. Bevor Abiy Ahmed 2018 sein Amt übernahm, hat die TPLF fast drei Jahrzehnte lang hat die äthiopische Bundesregierung dominiert. Unter Führung der TPLF führten Äthiopien und Eritrea zwischen 1998 und 2000 einen blutigen Krieg, der schätzungsweise 100.000 Menschenleben forderte. Auch für den Friedensschluss der beiden Länder erhielt Abiy 2019 den Friedensnobelpreis.

Abiy Ahmed teilte am 9. Dezember dem Uno-Generalsekretär António Guterres mit, er könne garantieren, dass keine eritreischen Truppen auf äthiopisches Territorium operieren würden. Die Nachrichtenagentur Reuters enthüllte allerdings kurz darauf, die US-Regierung gehe davon aus, dass eritreische Soldaten bereits Mitte November über die Grenzstädte Zalambessa, Rama und Badme in äthiopisches Gebiet eingedrungen seien.

Ein Sprecher des US-Außenministeriums bestätigte dies später. »Wir betrachten dies als eine besorgniserregende Entwicklung und drängen darauf, dass diese Truppen sofort abgezogen werden«, sagte er außerdem.

Es wird weitergekämpft

In einem Artikel für »African Arguments« schrieb Mesfin Hagos, ehemaliger eritreischer Verteidigungsminister und nun Oppositionspolitiker, bereits Anfang Dezember, Eritrea habe diverse Divisionen nach Äthiopien geschickt. Als Abiy also die Operationen in Tigray für beendet erklärte, glich er dabei so wenig einem siegreichen Feldherren, wie seinerzeit George W. Bush, der verkündete, die Mission im Irak sei erfüllt – und das Schlimmste dort aber erst beginnen sollte.

Denn in Tigray wird erbittert weitergekämpft. Die äthiopische Armee, Einheiten aus Eritrea, Verbündete und Milizen aus der Nachbarprovinz Amhara stehen nach wie vor den Kämpfern der TPLF gegenüber.

Premier Abiy Ahmed: So wenig ein siegreicher Feldherr, wie einst George W. Bush im Irak

Premier Abiy Ahmed: So wenig ein siegreicher Feldherr, wie einst George W. Bush im Irak

Foto: POOL New / REUTERS

Im Krieg um Tigray eskaliert ein seit Langem andauernder Widerstreit zwischen den Anhängern zweier gegensätzlicher Visionen für das Land Äthiopien. Das eine Lager vertritt die Ansicht, eine starke Zentralregierung sei die einzige Garantie für die Einheit und territoriale Integrität des Landes. Das andere Lager verlangt, die Macht müsse vom Zentrum an die Peripherie wandern. Ein föderales System, das den Regionen erhebliche Autonomie gewährt, sei das beste.

Die Tigriner, die das Land lange mit eiserner Hand kontrollierten, sehen sich ironischerweise nun als die Speerspitze im Kampf gegen eine zentralistische Regierung. Sie haben ihre Truppen in die Berge zurückgezogen und bringen sich wohl für einen langwierigen Guerillakrieg in Stellung. Immer mehr Zivilisten scheinen sich anzuschließen.

Auch Alem Hadush, der 29-Jährige, dem die Granaten in Wukro Frau und Kind raubten: »Ich werde jetzt, wie viele andere junge Menschen aus Wukro, in die Berge gehen und mich den TPLF-Kräften anschließen«, sagt er am Telefon.

Zulauf für die Rebellen in Tigray

Eine Entwicklung, die von der TPLF gewollt ist. »Wir rekrutieren immer mehr junge Kämpfer, um unsere militärische Schlagkraft zu festigen«, sagte Weddi Gere, ein tigrinischer Militär, der verdeckt weiter in den Städten operiert, die die TPLF aufgegeben hat, und der nur mit seinem Decknamen genannt werden möchte.

»Wir haben uns aus den Städten zurückgezogen und die Truppen in das Hochland verlegt, nachdem die äthiopische Armee angekündigt hatte, die Hauptstadt Mekele flächendeckend zu bombardieren.« Man habe absichtlich zugelassen, dass Truppen der Regierung in die Städte eindringen, um zivile Opfer und Zerstörung zu vermeiden.

Die Kämpfe fänden deswegen zwar in vielen Gebieten von Tigray statt, aber nicht in den Städten. Und solange auch nur ein Stück Tigrays von feindlichen Kräften besetzt sei – von der äthiopischen Armee, von eritreischen Verbänden oder Truppen aus der Nachbarprovinz Amhara – gebe es keine Chance, dass in Tigray oder gar ganz Äthiopien Frieden finden könne. Der Mann, der sich Weddi Gere nennt, sagt: »Vom Kind bis zum Greis werden wir bis zum letzten Blutstropfen kämpfen und die Souveränität des Landes verteidigen!«