Äthiopien Krieg am Horn

Der Konflikt in Äthiopien droht auf die Nachbarländer überzugreifen. Die Folgen wären für die gesamte Region katastrophal. Analysten befürchten ein Szenario wie in Libyen.
Milizen auf einem Truck

Milizen auf einem Truck

Foto: TIKSA NEGERI / REUTERS

Mindestens drei Raketen schlugen am Samstagabend in der Nähe des Flughafens der eritreischen Hauptstadt Asmara ein. Abgeschossen in Tigray, im Norden Äthiopiens. Soweit bekannt, gab es keine Toten. Doch die Botschaft war klar: Die Streitkräfte der umkämpften Nordprovinz schrecken vor weiterer Eskalation nicht zurück. Sie wähnen den Feind nun auch im verhassten Nachbarland.

Seit dem 4. November wird die nordäthiopische Region Tigray von schweren Kämpfen erschüttert. Doch das Risiko, dass sich der zunehmend blutige Krieg im Norden Äthiopiens in einen chaotischen Regionalkonflikt verwandelt, stieg an diesem Wochenende nach den Raketenangriffen rapide an. Alle Vermittlungsversuche scheiterten bisher.

Äthiopischer Premierminister Abiy Ahmed

Äthiopischer Premierminister Abiy Ahmed

Foto: POOL New / REUTERS

Die in Tigray regierende Tigray People's Liberation Front (TPLF) wirft dem Nachbarland Eritrea vor, es habe sich mit dem äthiopischen Premierminister Abiy Ahmed gegen sie verbündet. Es gibt unbestätigte Berichte über Angriffe äthiopischer Truppen, die von eritreischem Gebiet aus nach Tigray eindrangen, über die Einberufung eritreischer Offiziere aus dem Ruhestand und Truppenbewegungen in Richtung äthiopischer Grenze. Aufgrund eines fast kompletten Kommunikations-Blackouts in Tigray, sind die Berichte zurzeit schwer zu verifizieren.

Autonomie oder Abspaltung

Der Konflikt erschüttert eine Region, in der seit Jahren die Spannungen besonders wegen des äthiopischen Megastaudammes GERD kontinuierlich anwachsen. Sowohl der Sudan als auch Ägypten befürchten, dass der Damm ihren Anteil am Nilwasser verringern könnte. Ägypten und der Sudan starteten am Wochenende ihre erste gemeinsame Militärübung seit dem Sturz Omar al-Bashirs in Khartum.

Seit Abiys Machtübernahme und dem Versuch einer Demokratisierung Äthiopiens, nehmen die ethnischen Spannungen und Konflikte in Äthiopien stark zu. Besonders zwischen der Regierung in der Hauptstadt Addis Abeba und der TPLF in Tigray. Die Volksbefreiungsfront fordert größere Autonomie, nachdem Abiy die Tigray nach seiner Amtsübernahme aus den Schaltzentralen der Macht gedrängt hatte. Hardliner in Tigray fordern gar eine Abspaltung der Region von Äthiopien.

Der Krieg begann Anfang November, nachdem Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed die TPLF beschuldigt hatte, ein Militärlager angegriffen zu haben. Die TPLF bestreitet dies und beschuldigt ihrerseits Abiy, den Angriff vorgetäuscht zu haben, um die Offensive zu rechtfertigen.

Tigray soll kein Präzedenzfall werden

Seitdem sind bei Luftangriffen, Bodenkämpfen zwischen Regierungstruppen und der TPLF und bei Massakern an der Zivilbevölkerung Hunderte von Menschen getötet worden. Am Freitag schossen Verbände aus Tigray Raketen auf zwei Flughäfen in der Nachbarprovinz Amhara.

Der eskalierende Krieg hat die ethnischen Spannungen in Äthiopien so stark verschärft, dass die Uno am Freitag schon vor möglichen ethnischen Säuberungen und gar Völkermord warnte. »Das Risiko von Gräueltaten in Äthiopien ist nach wie vor hoch«, so Pramila Patten, die amtierende Sonderberaterin der Vereinten Nationen für die Verhinderung von Völkermord.

Abiy, so sieht man es beim Thinktank Horn Institute, will einen Präzedenzfall vermeiden. Eine einseitige Sezession Tigrays könne die Balkanisierung Äthiopiens und somit das Ende Äthiopiens als Nationalstaat einleiten.

Es droht eine Destabilisierung der ganzen Region

Nun könnten im schlimmsten Fall die äthiopischen Zentrifugalkräfte nicht nur das Land zerreißen, sondern die gesamte Region destabilisieren. Der Krieg hat das Potenzial, sich zu einem regionalen Konflikt auszuweiten, an dem nicht nur Äthiopien und Eritrea, sondern auch andere Mächte am Horn von Afrika und darüber hinaus beteiligt sein werden könnten.

Die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Saudi-Arabien und die Türkei kämpfen seit Jahren um Einfluss in Ostafrika. Erste Analysten befürchten im schlimmsten Fall einen Proxykrieg nach libyschem Vorbild. Je länger der bewaffnete Konflikt andauere, desto eher könnte es sein, dass er rivalisierende Golfmächte anziehe.

Geflüchtete Äthiopier im Sudan: Rund 20.000 Menschen haben in dem Land bereits Schutz gesucht

Geflüchtete Äthiopier im Sudan: Rund 20.000 Menschen haben in dem Land bereits Schutz gesucht

Foto: EBRAHIM HAMID / AFP

Rund 20.000 Menschen sind bereits in den benachbarten Sudan geflohen. Und wie Eritrea wird wohl auch der Wüstenstaat im Nordwesten eine wichtige Rolle spielen. 

Der Sudan hat die Grenzen zwischen Tigray und den sudanesischen Grenzstaaten Kassala und Gedaref offiziell geschlossen. Es sind die einzigen Nachschublinien für Munition, Treibstoff und Nahrungsmittel für Tigray. In Khartum könnte man aber die Unterstützung der TPLF oder zumindest deren Androhung nutzen, um Zugeständnisse von Addis Abeba im Streit um das Nilwasser, aber auch im umstrittenen Fashqa-Dreieck zu erwirken.

Fashqa ist ein etwa 260 Quadratkilometer großes, fruchtbares Gebiet entlang der sudanesischen Grenze zum äthiopischen Bundesstaat Amhara. Beide Länder streiten sich seit Jahrzehnten über den genauen Grenzverlauf. Die Amharen beanspruchen das Land für sich, die Sudanesen ebenfalls. Die Amharen gehören zu den treuesten Unterstützern Abiys. Ihre Unterstützung darf er nicht verlieren. Gleichzeitig kann er nicht riskieren, dass der Sudan sich auf die Seite Tigrays stellt, wo schätzungsweise 250.000 Mann unter Waffen stehen. Es wird eine Gratwanderung für den äthiopischen Premierminister.

Sollte der Sudan die Tigray unterstützen, ist davon auszugehen, dass dies den Bürgerkrieg weiter verschärft. Und ein regionaler Flächenbrand wahrscheinlicher wird. Es besteht dann auch die Gefahr, dass Abiy immer mehr Truppen aus Somalia abziehen wird. Ein kompletter Rückzug aus den Amisom-Schutztruppen würde der Terrormiliz al-Shabaab neuen Auftrieb geben und wiederum Somalia weiter destabilisieren.

Bei der International Crisis Group heißt es, dass der Konflikt in Äthiopien, wenn er nicht bald gestoppt wird, »nicht nur für das Land, sondern für das gesamte Horn von Afrika verheerend sein wird«.

fsc