Krieg in Äthiopien Ein Land vor dem Zerfall

Die äthiopische Armee rückt in der Provinz Tigray immer weiter vor – und mit ihr regionale Milizen. Es ist ein Konflikt zwischen Ethnien entbrannt, der die Stabilität des ganzen Landes bedroht.
Zum Kampf bereit: Amharische Soldaten in der Provinz Tigray

Zum Kampf bereit: Amharische Soldaten in der Provinz Tigray

Foto: EDUARDO SOTERAS / AFP

Auch am Montag flogen wieder Raketen: Sie wurden in Tigray abgeschossen, der umkämpften Nordprovinz Äthiopiens, und flogen südwärts, auf Bahir Dar, die Hauptstadt der benachbarten Region Amhara. Es war bereits der dritte Raketenangriff der tigrinischen Streitkräfte auf die benachbarte Region innerhalb von zwei Wochen. Die Nachricht aber fand kaum Beachtung.

Doch vermeintlich kleine Meldungen wie diese sind wichtig. Sie zeigen deutlich, dass der Krieg um Tigray ein Vorläufer sein könnte für weitere ethnische Konflikte in dem afrikanischen Vielvölkerstaat. Sie zeigen, dass schon jetzt, im Schatten des Feldzugs von Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed, Konflikte weiter eskalieren, die bereits lange schwelen.

Plünderungen, Gräueltaten, Hinrichtungen

In den Berichten von Geflüchteten über Massentötungen und Plünderungen, über Gräueltaten, Enthauptungen von Kindern und Hinrichtungen mit Macheten, ist meist die Rede von Milizen aus der Nachbarprovinz Amhara – seltener von den regulären äthiopischen Streitkräften.

Noch immer herrscht in Tigray ein Kommunikationsblackout, die Berichte sind schwer zu überprüfen. Doch noch kurz vor seiner Ausweisung am vergangenen Wochenende warnte William Davison vom Thinktank International Crisis Group davor, dass Sicherheitskräfte und Milizen aus Amhara weit weniger diszipliniert agieren würden und unter weniger Kontrolle stünden als das Bundesheer, mit dem sie gemeinsam in Tigray vorrückten.

»Einige Fraktionen in Amhara erheben Anspruch auf ein Gebiet, das im Wesentlichen die gesamte West-Tigray-Zone ausmacht. Sie sagen, dass es sich dabei um Amhara-Land handele, das Anfang der Neunzigerjahre von der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) annektiert wurde«, sagt Davison. Wenn dieses Land dauerhaft besetzt werde, würden sich die örtlichen Tigray dagegen wehren. Das wiederum würde den Konflikt weiter verschärfen.

Äthiopien – ein fragiler Vielvölkerstaat

Der politische Zusammenhalt Äthiopiens, eines Landes mit mehr als hundert Millionen Bürgern, ist seit Jahren fragil. Seit den Anti-Regierungs-Protesten von fünf Jahren, die 2018 Abiy Ahmed an die Macht brachten, ist das Land nie wirklich zur Ruhe gekommen. Der Hintergrund:

  • Angeführt wurden die Proteste damals von den Oromo, Äthiopiens größter ethnischer Gruppe. Sie prangerte ihre politische und wirtschaftliche Marginalisierung unter der Herrschaft der ethnischen Minderheit der Tigray an.

  • Auch die Amhara, die zweitgrößte ethnische Gruppe des Landes, monierte dies.

Die Ernennung von Abiy Ahmed zum Premierminister läutete das Ende der Vormachtstellung der Tigray ein. Ein Grund: Sein Vater war ein Oromo, seine Mutter war eine Amhara.

Seit 1991 hatten die Tigray als führende Kraft der Regierungspartei das Land regiert. Nun fühlten auch sie sich schnell marginalisiert. Abiy lockerte den festen Griff ihres repressiven Systems, versprach eine rasche Demokratisierung, entließ politische Gefangene, lud Oppositionelle ein, aus dem Exil zurück nach Äthiopien zu kommen.

Neue Freiheiten förderten die ethnischen Spannungen

Doch die neuen Freiheiten förderten die ethnischen Spannungen. Die ethnisch dominierten Regionen traten in eine Art Wettbewerb. Sie verlangten nun eine gerechtere Aufteilung von Ressourcen, ein jeder forderte ein Ende der Ungerechtigkeiten gegen die eigene Ethnie und vor allem größere Autonomie. Eine Art Ethnonationalismus entstand. Es war, als hätte Abiy den Deckel von einem Druckkochtopf genommen.

Der Konflikt zwischen Amhara und Tigray ist der wohl erbittertste im Land. Schon lange bevor die Armee nun in Tigray einmarschierte, hatte es Warnungen gegeben, dass es zwischen Tigray und Amhara zu einem Krieg kommen könnte.

Der Kern des Konflikts sind die territorialen Streitigkeiten, ist das Land, das beide Ethnien für sich beanspruchen – und von dem die Amhara sagen, die Tigray hätten es während ihrer Herrschaft gestohlen.

Haben ihre Heimat verloren: Flüchtlinge im sudanesischen Grenzgebiet

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Foto: MOHAMED NURELDIN ABDALLAH / REUTERS

Der Feldzug Abiys scheint nun den Amhara die Möglichkeit zu geben, zu revidieren, was von ihnen als große Ungerechtigkeit wahrgenommen wird. Sie scheinen gegenwärtig auf brutale Weise Tatsachen zu schaffen.

Der Konflikt könnte noch weitere Teile des Landes in Unruhe versetzen. Denn der Krieg im Norden zeigt den semiautonomen Bundesstaaten, dass die Regierung bereit ist, alles zu tun, um gegen Regionalregierungen vorzugehen, die sie als Bedrohung der verfassungsmäßigen Ordnung und der Stabilität ansieht. Eine Provokation für all jene, die mehr Autonomie fordern.

Vieles wird nun davon abhängen, ob es einen schnellen Sieg in Tigray geben wird. Ein solcher würde die Zentralregierung von Abiy Ahmed wohl stärken. Wenn sich der Konflikt aber in die Länge zieht, steht das Land vor dem Zerfall.

fsc
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