Bürgerkrieg in Äthiopien »Paradoxerweise hat der Reformprozess die Konflikte verstärkt«

Äthiopiens Premier Abiy Ahmed bekam 2019 den Friedensnobelpreis. Jetzt führt er einen Bürgerkrieg – und demokratische Reformen werden zurückgeschraubt, warnt der Ethnohistoriker Wolbert Smidt.
Ein Interview von Jan Puhl
Premier Abiy Ahmed ist als Reformer gestartet – nun führt er Krieg im eigenen Land

Premier Abiy Ahmed ist als Reformer gestartet – nun führt er Krieg im eigenen Land

Foto: Mulugeta Ayene / AP

SPIEGEL: Herr Professor Smidt, äthiopische Regierungstruppen stehen in der Hauptstadt des abtrünnigen Bundeslandes Tigray. Wie sieht es dort jetzt aus?

Smidt: Die Regierungssoldaten sind in Mekelle. Das gesamte Bundesland Tigray ist von der Kommunikation abgeschnitten. Es herrscht eine Informationsblockade, wie sie in der Moderne fast einzigartig ist. Wir kennen also keine Details über die Bedingungen vor Ort.

SPIEGEL: Wie groß sind die Aussichten auf Frieden?

Smidt: Tigray ist Bergland, dort leben Bauern. Sie sind es aus der Geschichte gewohnt, ihr Land zu verteidigen. Da hat sich seit vielen Generationen ein regionaler Nationalismus entwickelt, der durchaus kriegerisch ist. Das bedeutet, wenn eine Armee kommt, fast egal wessen und mit welcher Rechtfertigung, wird sie von mindestens 80 Prozent der Bevölkerung als Invasionsarmee wahrgenommen.

SPIEGEL: Versprengte Kämpfer der Regionalregierung könnten dort unterschlüpfen?

Smidt: Ganz sicher. Sie haben ihre Waffen überall versteckt. Sie kennen die Gegend. Der Boom der vergangenen Jahre ist da kaum angekommen. Es gibt nur wenige Straßen. Die Regierung kann vielleicht die Städte mit ihrer modernen Infrastruktur und Telekommunikation unter Kontrolle bringen. Es kann sein, dass dort viele nur noch Frieden wollen. Aber das ist nur die eine Hälfte der Realität.

»Abiy muss die Bevölkerung gewinnen«

SPIEGEL: Was muss Premier Abiy Ahmed tun?

Smidt: Geplant war der Einsatz wohl als eine Art Blitzkrieg, jetzt müsste er diesem die negative Energie nehmen. Abiy muss die Bevölkerung gewinnen. Aber wie soll das passieren? Der überwiegende Teil der Tigrayer lebt in großer Armut. Es braucht Jahrzehnte, um dort die Wirtschaft zu stärken, bessere Schulen, Universitäten und Krankenhäuser zu bauen – und Vertrauen zu schaffen.

SPIEGEL: Nicht nur in Tigray flammen seit Monaten Konflikte auf, oft entlang ethnischer Linien. Wie ist das zu erklären?

Smidt: Äthiopien hat einen sogenannten Youthbulge. Die Bevölkerung in Äthiopien hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nahezu verdreifacht. Es ist eine junge Bevölkerung, und sie ist mobil. Diese Leute bleiben nicht mehr isoliert von der Moderne auf dem Land, sondern suchen Chancen in den Städten und in anderen Landesteilen. Diese Mobilisierung erzeugt auch Frustration, vielen geht es nur ein bisschen besser, aber nicht so gut, wie sie erwartet haben. Es ist ein enormes Konfliktpotenzial entstanden, da fast jeder Marginalisierung erlebt und darüber über die sozialen Medien auch kommuniziert. Das wiederum kann von lokalen Politikern für eigene Zwecke angeheizt werden. Besonders leicht lässt sich Hass gegen andere Ethnien oder andere soziale und politische Gruppierungen lenken.

SPIEGEL: Es wird oft ein Vergleich mit den Zuständen in Jugoslawien vor dem Bürgerkrieg der Neunzigerjahre gezogen.

»Es werden Feindbilder gebraucht«

Smidt: Häufig wird das Bild vom Kochtopf strapaziert. Darin brodelt es, und wenn der Deckel, also die autoritäre Herrschaft, plötzlich weg ist, wie in Äthiopien durch Abiy und in Jugoslawien nach 1989, explodiert alles. Dieses Bild halte ich für falsch. Es ist nicht so, dass Äthiopien eine Gesellschaft voller Hass war. Zwar war hoher Druck vorhanden, aber vor allem auch Reformdruck. Der konnte durch Entwicklungsmaßnahmen sogar zeitweise aufgefangen werden, es wurden etwa viele neue Schulen und Universitäten aufgebaut. Als Abiy dann an der Macht war, hatten viele Äthiopier die Hoffnung, dass jetzt schnell die meisten Probleme verschwinden würden. Es ist gefährlich, wenn Menschen zu viel, zu unrealistische Hoffnungen haben. Dann kann daraus schnell Gewalt und Paranoia entstehen. Es werden Feindbilder gebraucht, Leute, die schuld sind. Paradoxerweise war es also gerade der Reformprozess, der Konflikte vielerorts verstärkt hat.

SPIEGEL: Im ganzen Land scheint der demokratische Reformelan der Abiy-Anfangszeit verflogen. Repressionen und Pressezensur werden wieder stärker. Zeigt der Premier jetzt sein wahres Gesicht, oder ist es der Apparat, der aus dem Ruder läuft?

Smidt: Abiy ist ein Mann des Staatsapparates, er hatte sich schon als Jugendlicher im Widerstand gegen die kommunistische Diktatur engagiert, die 1991 stürzte. Er ist im System der letzten drei Jahrzehnte groß geworden. Er verkörperte die in ebendiesem Apparat schon lange vorhandenen Reformträume, und gleichzeitig kommt er aus dem Geheimdienst, und zwar dem modernen Teil, der sich mit dem Internet befasst hat. Ich denke, der Reformprozess war bei ihm zunächst absolut authentisch und ernst gemeint. Aber in Krisensituationen kann er sofort auf repressive Maßnahmen zurückgreifen: Verhaftungen, Pressezensur, Abschaltung des Internets. Der Staatsapparat ist ja immer noch da. Für mich ist nur die Radikalität überraschend, mit der das jetzt passiert.  

Zehntausende sind vor den Kämpfen aus dem Bundesstaat Tigray in die Nachbarländer, vor allem den Sudan, geflohen

Zehntausende sind vor den Kämpfen aus dem Bundesstaat Tigray in die Nachbarländer, vor allem den Sudan, geflohen

Foto: MOHAMED NURELDIN ABDALLAH / REUTERS

SPIEGEL: Hat Abiy den Friedensnobelpreis verwirkt?

Smidt: Die zentrale Frage ist, wofür er eigentlich verliehen wird. Geht es vor allem darum, jemanden auszuzeichnen, der in seinen Reden vorführt, dass ein anderes, ein neues politisches Denken möglich und aussprechbar ist und damit eine große Dynamik der Hoffnungen auslöst?

SPIEGEL: Dann hätte er ihn wohl verdient.

Smidt: Zumindest für die allerersten Monate nach dem Amtsantritt. Alle waren beeindruckt von der positiven Energie und der Kreativität. Er zeigte damals, was überhaupt denkbar ist. Wenn es aber darum geht, einen Politiker für seine realen Reformerrungenschaften auszuzeichnen, wird es schwierig. Die konkrete, sehr schwierige Arbeit an stabilen, vor Ort verankerten Friedens- und Verhandlungsmechanismen, die Jahre und Jahrzehnte dauert, gerade in einem solch innerlich verhakten Land voller ungeklärter Widersprüche und Ansprüche – diese Arbeit, die muss überhaupt erst beginnen.