Krieg in Äthiopien So dramatisch ist die Lage in Tigray

In der äthiopischen Provinz Tigray ist erst ein Krieg und nun eine massive humanitäre Krise ausgebrochen. Hier spricht die UNHCR-Direktorin Ann Encontre über die Ohnmacht der Hilfsorganisationen.
Haben keine Heimat mehr: Äthiopische Flüchtlinge im Sudan

Haben keine Heimat mehr: Äthiopische Flüchtlinge im Sudan

Foto: MOHAMED NURELDIN ABDALLAH / REUTERS

SPIEGEL: Im Norden Äthiopiens haben die schweren Kämpfe zu einer massiven humanitären Krise geführt. Sie haben noch immer Personal in der Unruheprovinz Tigray. Was berichten Ihre Mitarbeiter?

Encontre: Es gibt einen kompletten Kommunikationsblackout, deswegen ist es sehr schwierig, von ihnen irgendwelche Berichte zu bekommen. Manchmal erhalten wir kurze Anrufe, vielleicht eine Minute lang, von ihren Satellitentelefonen. »Wir gehen jetzt in den Bunker«, sagen sie. Oder: »Wir sind jetzt in Deckung, wir liegen unter Beschuss, es gibt Luftangriffe.« Wir haben keine Möglichkeiten herauszufinden, was tatsächlich um sie herum passiert. Sie können uns kurz anrufen, wenn sie den Generator einschalten und Strom haben, wir aber können sie nicht erreichen.

SPIEGEL: Sie können die Region auch nicht betreten. Warum nicht?

Encontre: Weil es eine Flugverbotszone gibt, weil alle Flughäfen geschlossen sind, weil es mehrere Checkpoints gibt, für die wir von der Regierung in Addis Abeba und von den verschiedenen Regionalregierungen Genehmigungen einholen müssen. Und es gibt anhaltende Kämpfe. Es ist vor Ort nicht sicher.

»Wir brauchen Zugang, damit wir nicht bald völlig am Ende sind«

Ann Encontre

SPIEGEL: Wie würden sie die Situation in Tigray beschreiben?

Encontre: Katastrophal. Ich sage es noch einmal: wirklich, wirklich schlecht. Allein die Lebensmittelvorräte: Die Welthungerhilfe versorgt normalerweise etwa 600.000 Menschen, darunter 100.000 Flüchtlinge. Die Vorräte gehen aber alle dem Ende entgegen. Wir brauchen Zugang, um Hilfsgüter und Nahrungsmittelvorräte herbeizuschaffen, damit wir nicht bald völlig am Ende sind. Auch Wasser ist ein Problem. Normalerweise wird es mit Pumpen gefördert, die von Generatoren betrieben werden. Dafür braucht man Treibstoff. Unsere Leute hatten einen Vorrat für etwa zwei Wochen. Nun ist der Treibstoff fast vollkommen alle. Sie rationieren ihn und schalten den Generator jeweils für etwa eine halbe Stunde ein, pumpen Wasser und versuchen, das Notwendigste, wie Funkgeräte, zu laden.

SPIEGEL: Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren viele Menschen auf Hilfe angewiesen.

Encontre: Fast eine Million brauchten Hilfe. Nahrung, aber auch monetäre Unterstützung. Jetzt liegen die Schätzungen bei 1,6 Millionen. Es können auch mehr sein. Weniger sind es auf keinen Fall.  

SPIEGEL: Wie ist die Stimmung in den Hauptquartieren der Hilfsorganisationen in Addis Abeba?

Encontre: Es herrscht große Besorgnis. Alle Uno-Organisationen und alle unsere Teams, Botschaften und Partner, setzen sich bei der Regierung dafür ein, dass wir endlich Zugang erhalten und zu den Menschen gelangen, die unsere Hilfe brauchen.

SPIEGEL: Wie viele Menschen sind innerhalb der Region auf der Flucht?

Encontre: Die Zahl der Binnenvertriebenen hat sich inzwischen verdoppelt. Die Schätzungen lagen erst bei einer Million. Jetzt könnten es leicht bis zu zwei Millionen sein. Wir können nicht sagen, wer sich um sie kümmert. Das weiß im Moment niemand.

SPIEGEL: Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz konnte kürzlich für kurze Zeit ein Team nach Tigray schicken.

Encontre: Sie durften in die Krankenhäuser und Kliniken, die Vorräte an bestimmten Arzneimitteln waren vollkommen erschöpft. Sie durften einiges an Nachschub mitbringen, aber sie sagen auch, dass es in den Krankenhäusern noch immer an vielem fehle. Und nicht nur dort. Die Vorräte auf den Märkten, die Lebensmittelvorräte der Menschen gehen zur Neige. Generell fehlt es an allem.

SPIEGEL: Viele Menschen fliehen in den Sudan.

Encontre: Im Sudan haben das UNHCR und die sudanesische Regierung über 30.000 Menschen registriert. Sie erzählen grausame Geschichten. Sie sagen, dass sie in großer Eile mitten in der Nacht aufbrechen mussten. Sie gingen weite Strecken zu Fuß, hatten Angst wegen der Kämpfe, der Bombardierungen, der Scharmützel. Sie rannten, um sich selbst, um ihre Familien zu retten – immer auf der Suche nach Sicherheit und Nahrungsmitteln.

SPIEGEL: Und wie ist die Lage in den Lagern im Sudan?

Encontre: Auf einen so massiven Zustrom waren sie nicht vorbereitet. Die vorhandene Infrastruktur war schnell überlastet. Sie errichten jetzt schnell neue Unterkünfte. Die Sudanesen sind traditionell ein sehr großzügiges Volk.

SPIEGEL: Sind sie wegen der weiteren Ausbreitung von Covid-19 besorgt?

Encontre: Wir sind alle sehr besorgt. Die Bevölkerung selbst ist sehr besorgt, denn die Pandemie ist überall um uns herum. Und wenn wir nicht über die Gesundheitsversorgung und das Gesundheitspersonal verfügen, das wir brauchen, ist das ein großes Problem. Das Virus wird sich sehr schnell weiter ausbreiten.

SPIEGEL: Die EU, so ein internes Dokument, hat Angst vor dem Zusammenbruch Äthiopiens und fürchtet Millionen neuer Flüchtlinge – wie hoch schätzen Sie das Risiko ein?

Encontre: Das ist natürlich eine Möglichkeit. Wenn Dinge wie diese anfangen, dann können sie ein Eigenleben entwickeln, können Ausmaße annehmen, die wir uns nicht haben vorstellen können.

fsc
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