Krieg in Äthiopien »Hunderttausende könnten verhungern«

Während immer mehr Staaten am Krieg im Norden Äthiopiens beteiligt sind, leiden Millionen Menschen Hunger. Trotz dieser massiven humanitären Katastrophe erreicht nur die wenigsten Hilfe – und das scheint gewollt zu sein.
Eine Analyse von Fritz Schaap
Verwundeter Junge in Tigray

Verwundeter Junge in Tigray

Foto: EDUARDO SOTERAS / AFP

Hunger als Kriegswaffe ist so alt wie der Krieg selbst. Und Hunger frisst sich nun durch ganz Tigray. Den umkämpften Bundesstaat im Norden des Vielvölkerstaates Äthiopien.

Seit Wochen mehren sich Berichte über gezielte Plünderungen, besonders von Lebensmitteln, durch Verbündete der äthiopischen Armee aus dem Nachbarland Eritrea. Die äthiopische Regierung leitet laut Berichten, die den belgischen Tigray-Experten Jan Nyssen erreichten, Hilfsgüter, die für Tigray bestimmt sind, in die Nachbarprovinz Amhara um.

»Die Menschen essen teils Blätter und Zweige«, so Nyssen. Bereits am 8. Januar warnte ein äthiopisches Regierungsmitglied in einer Sitzung von Hilfsorganisationen, dass Lebensmittel entweder geplündert oder zerstört würden, wie ein geleaktes Dokument zeigt. Wenn keine sofortige Nothilfe mobilisiert werde, könnten Hunderttausende verhungern, heißt es weiter. Aber es ist die äthiopische Regierung selbst, die diese Hilfe verhindert.

Lage im Norden Äthiopiens immer katastrophaler

Und die Lage verschlimmert sich immer weiter, so Nyssen. Selten habe er beobachtet, wie eine Region so systematisch vom Rest der Welt abgeschnitten worden sei. Offiziell bestreitet die Regierung die Zustände. »Es gibt keine Hungersnot in Äthiopien«, sagte ein Sprecher der Bundesbehörde für Katastrophenschutz am 19. Januar.

Am 4. November des vergangenen Jahres hat Premierminister Abiy Ahmed der tigrinischen Führung den Krieg erklärt. Fast drei Jahrzehnte lang hatten die Tigrayer die Politik Äthiopiens mit eiserner Hand dominiert. Abiy vertrieb sie aus den Schaltzentralen der Macht. Für seine Reformen und den Friedensschluss mit dem Nachbarn Eritrea erhielt er 2019 den Friedensnobelpreis. Seitdem sabotierten die Tigrayer Abiy, wo sie nur konnten. Bis es zum Krieg kam.

Tausende sind nun in dem Konflikt in Tigray bisher ums Leben gekommen. Mehr als 50.000 Menschen flohen in den Sudan. Aber auch in anderen äthiopischen Bundesstaaten kommt es immer öfter zu schweren, ethnisch motivierten Auseinandersetzungen. Die Sicherheitskräfte gehen teils mit brutaler Härte vor. Die Angst vor einem Bürgerkrieg und dem Zerfall des Landes ist groß.

Geflüchtete aus Tigray warten im Sudan auf Wasser: Millionen Menschen sind auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. Doch die Hilfsorganisationen erreichen nur wenige Zehntausend.

Geflüchtete aus Tigray warten im Sudan auf Wasser: Millionen Menschen sind auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. Doch die Hilfsorganisationen erreichen nur wenige Zehntausend.

Foto: Abdulmonam Eassa / Getty Images

In Tigray, wo der Hunger wütet, haben Hilfsorganisationen noch immer nur marginalen Zugang zu den Menschen, die ihre Hilfe so dringend benötigen. Laut Uno sind es mehr als 2,3 Millionen Menschen. Das von der Regierung betriebene »Tigray Emergency Coordination Center« (ECC) spricht gar von 4,5 Millionen Menschen in der Region, die Nahrungsmittelnothilfe benötigen, darunter 2,3 Millionen Binnenvertriebene. Die Uno sagt, die Anzahl der Menschen, die man erreichen könne, sei äußerst gering. Seit Ausbruch des Konflikts Anfang November erhielten bis Anfang Januar nur 77.000 Menschen Nahrungsmittelhilfe.

»Es besteht eine extreme Dringlichkeit, die humanitäre Hilfe schnell auszuweiten. Menschen sterben jeden Tag, auch jetzt, während ich das sage.«

Mari Carmen Viñoles, Ärzte ohne Grenzen

»Es besteht eine extreme Dringlichkeit – ich weiß nicht, welche Worte ich noch verwenden soll –, die humanitäre Hilfe schnell auszuweiten. Menschen sterben jeden Tag, auch jetzt, während ich das sage«, so Mari Carmen Viñoles, Leiterin der Notfallabteilung von Ärzte ohne Grenzen. Die Zahl der zivilen Opfer, sagt sie, sei extrem hoch. Auch die Wasserversorgung sei ein großes Problem. Die Lage sei ein komplettes Desaster.

Hunger als Waffe

Und der Hunger scheint gewollt zu sein: Laut Auswertungen des englischen »DX Open Network« von Satellitenbildern wurden zwei mutmaßliche Lagerhäuser des Welternährungsprogramms zerstört. Zudem ist das Gesundheitssystem fast vollständig zusammengebrochen. Die Angst vor einer unkontrollierten Ausbreitung des Coronavirus wird immer größer.

Kinder, Frauen und Männer Anfang Dezember auf der Flucht in der Grenzregion Äthiopien und Sudan: Für internationale Beobachter, Helferinnen und Journalisten ist es fast unmöglich, in die Krisenregion zu kommen. Deshalb gibt es nur wenige aktuelle Fotos, die die Katastrophe abbilden.

Kinder, Frauen und Männer Anfang Dezember auf der Flucht in der Grenzregion Äthiopien und Sudan: Für internationale Beobachter, Helferinnen und Journalisten ist es fast unmöglich, in die Krisenregion zu kommen. Deshalb gibt es nur wenige aktuelle Fotos, die die Katastrophe abbilden.

Foto: Nariman El-Mofty / AP

Und die Gemengelage in dem nun fast drei Monate andauernden Konflikt im Norden Äthiopiens wird immer komplexer. Die Kampfhandlungen in Tigray verändern sich, von größeren Schlachten zu kleineren Gefechten hin. Ein typischer Guerillakrieg mit gezielten Angriffen tigrinischer Verbände auf Nachschubwege und Transporte ist entstanden.

Außerhalb des Bundesstaates zieht der Krieg immer weitere regionale Kreise. Schon lange ist bekannt, dass eine große Anzahl eritreischer Soldaten mit der äthiopischen Zentralregierung gegen den Widerstand der Tigrayer kämpft. Berichte mehren sich, dass auch somalische Soldaten an der Seite eritreischer Verbände in den Krieg ziehen. Und auch die Spannungen an der Grenze zum Sudan nehmen weiter zu. Immer öfter wird über einen möglichen Krieg zwischen beiden Ländern spekuliert.

Berichte über Massaker und Erschießungen

Unterdessen erklärt die Regierung in Addis weiterhin, in Tigray nur die ehemalige Führung der Volksbefreiungsfront von Tigray zu jagen.

Es gehe aber offensichtlich um viel mehr, so Jan Nyssen. Die gesamte Bevölkerung werde terrorisiert. Immer wieder höre er von Massakern und wahllosen Erschießungen. Es gehe der Regierung offenbar vielmehr darum, den Willen der Tigrayer zu brechen. Die Bevölkerung so lange zu terrorisieren, bis eine einfache Botschaft unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis gehämmert worden sei: Begehrt nie wieder gegen die äthiopische Regierung auf.

Dass beim Überbringen dieser Botschaft die ganze Region in Flammen aufgehen könnte, wird von der Regierung in Addis Abeba und ihren Verbündeten in Kauf genommen.

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