Äthiopien Krieg ohne Ende

In Äthiopien tobt seit nunmehr 14 Monaten ein blutiger Bürgerkrieg. Zuletzt gab es Signale der Entspannung – doch das Töten geht weiter. Das liegt nicht nur an den Konfliktparteien selbst.
Eine Analyse von Heiner Hoffmann, Nairobi
Äthiopien im Dezember 2021: Seit mehr als einem Jahr tobt im Land ein bewaffneter Konflikt

Äthiopien im Dezember 2021: Seit mehr als einem Jahr tobt im Land ein bewaffneter Konflikt

Foto: J. Countess / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Es waren gleich zwei vermeintlich milde Weihnachtsgesten: An Heiligabend verkündete die äthiopische Regierung, nicht weiter in die Tigray-Region im Norden des Landes vorzudringen. Am vergangenen Freitag, dem orthodoxen Weihnachtsfest in Äthiopien, folgte das nächste versöhnliche Signal: Premierminister Abiy Ahmed ordnete die Freilassung und Amnestie von mehreren hochrangigen Gefangenen an, darunter Anführer der Tigray People's Liberation Front (TPLF).

Doch ist der Friedensnobelpreisträger Abiy, der zum erbitterten Kriegsherrn wurde, tatsächlich wieder auf dem Pfad der Versöhnung? Könnte der äthiopische Bürgerkrieg endlich ein Ende finden?

Seit mehr als einem Jahr tobt im Land ein bewaffneter Konflikt zwischen der TPLF verbundenen Truppen und der Zentralregierung. Die TPLF hat über Jahrzehnte die Politik in Äthiopien dominiert – bis Abiy 2018 an die Macht kam. Der neue Premierminister beendete einen langjährigen Krieg mit dem Nachbarland Eritrea, bekam dafür den Friedensnobelpreis. Doch während er für seine Friedensbemühungen international gefeiert wurde, war das Verhältnis zur TPLF von Anfang an zerrüttet.

Erst Friedensnobelpreisträger, dann brutaler Kriegsherr: Premierminister Abiy Ahmed wurde für frühere westliche Partner zum schwierigen Verbündeten

Erst Friedensnobelpreisträger, dann brutaler Kriegsherr: Premierminister Abiy Ahmed wurde für frühere westliche Partner zum schwierigen Verbündeten

Foto: Jemal Countess / Getty Images

Im November 2020 eskalierte der Streit: In Tigray griffen bewaffnete Truppen einen Stützpunkt der äthiopischen Armee an. Abiy reagierte mit einem Militärschlag und einem Vormarsch in den Norden des Landes. An seiner Seite im Kampf gegen die TPLF: der frühere Erzfeind und neue Verbündete Eritrea. Das Land grenzt an Tigray und will eine militärische Stärke der Region um jeden Preis verhindern.

Doch die äthiopische Regierung und ihre Partner haben die Tigray-Einheiten offenkundig unterschätzt. Im Juni 2021 musste sich die Armee aus Tigray wieder zurückziehen. Die Rebellen drangen daraufhin sogar in die Nachbarregionen vor, drohten mit einem Marsch auf die Hauptstadt Addis Abeba. Die Schlagkraft der TPLF resultierte auch aus einem Militärbündnis mit anderen Gruppen, die gegen die Zentralregierung kämpfen.

Doch der Vormarsch der Rebellen ist inzwischen gestoppt. Abiys Armee konnte in den vergangenen Wochen wieder einige verlorene Städte zurückerobern. »Abiy sieht sich gerade in einer relativ starken Position, glaubt wieder die Kontrolle zu haben. Dieses Momentum nutzt er wohl aus, um den internationalen Druck etwas zu entspannen«, sagt Äthiopien-Experte William Davison von der International Crisis Group.

Denn Abiys Truppen werden – wie den anderen Kriegsbeteiligten auch – schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Seit einem Monat ist die Region Tigray wieder komplett abgeschnitten, dringend benötigte Hilfe wird nicht durchgelassen. In der Hauptstadt Addis Abeba und anderen Teilen des Landes kam es zudem zu ethnisch motivierten Verhaftungen von Tigray-stämmigen Zivilisten – auch wenn die Regierung das weiterhin abstreitet.

Die Folge: Abiys westliche Partner wenden sich ab. Die USA belegten das Land mit Sanktionen, die EU drehte den Geldhahn zu. Die Afrikanische Union und die Uno bemühen sich seit Langem vergeblich um einen Waffenstillstand. Jetzt, wo sich der Premierminister siegessicher wähnt, kommt er der internationalen Gemeinschaft etwas entgegen.

Tatsächlich nannte Uno-Generalsekretär António Guterres die Freilassung der Gefangenen zum traditionellen Weihnachtsfest prompt einen »signifikanten vertrauensbildenden Schritt« – und erneuerte die Forderung nach einem Waffenstillstand.

Ein TPLF-Kämpfer in Tigray (Archivbild): Die Region ist abgeschnitten von der Außenwelt, es fehlt nach wie vor an allem

Ein TPLF-Kämpfer in Tigray (Archivbild): Die Region ist abgeschnitten von der Außenwelt, es fehlt nach wie vor an allem

Foto: Ben Curtis / AP

Die äthiopische Regierung kündigte einen nationalen Dialog mit verschiedenen verfeindeten Gruppen an. Und auch die TPLF sendet versöhnliche Signale aus: Man habe den Rückzug aller Einheiten nach Tigray befohlen, verkündete ein Kommandeur Ende vergangenen Jahres. Ganz freiwillig kommt dieser Sinneswandel sicher nicht. Doch besteht nun endlich die Chance auf Frieden in der Region?

Verschiedene Punkte sprechen nach wie vor dagegen – darunter die anhaltende Blockade des Tigray. Die TPLF wird das sicher nicht auf Dauer hinnehmen. »Es könnte sich also nur um eine vorübergehende Pause der umfassenden Kämpfe handeln«, fürchtet Experte William Davison.

Auch die Luftschläge der äthiopischen Armee gehen weiter, wurden in den vergangenen Tagen offenbar sogar verstärkt. Laut Hilfskräften vor Ort haben die jüngsten Angriffe Dutzende zivile Opfer gefordert. Gesten des Friedens sehen anders aus.

Ein weiteres Problem: Die tigrayischen Einheiten sind vor und während des Krieges immer weiter angewachsen – Abiy sieht das als existenzielle Gefahr seiner Machtposition. Ohne eine Art Abrüstungsabkommen wird er sich kaum auf eine dauerhafte Lösung einlassen.

Und dann ist da noch Eritrea. Das Land hat offenkundig kein Interesse an einem Friedensabkommen, es will die Region lieber weiter isolieren und unter Kontrolle halten. Erst Anfang der Woche hat die TPLF Eritrea vorgeworfen, die Kämpfe weiter voranzutreiben und damit die Entspannung zu torpedieren. »Die Rolle Eritreas in dieser Krise ist ein zentrales Hindernis für Frieden in der Region«, meint William Davison.

Camp in Afar, Äthiopien: Mehr als eine Million Binnenvertriebene

Camp in Afar, Äthiopien: Mehr als eine Million Binnenvertriebene

Foto: J. Countess / Getty Images

Bislang gibt es also nicht allzu viel Grund für überbordenden Optimismus. Auch die Rolle anderer Mächte macht es nicht leichter. Die Türkei liefert laut Medienberichten Waffen an Äthiopien, China hat mit einem Besuch vor Kurzem ein klares Signal der Unterstützung gesendet. Wie in anderen Ländern am Horn von Afrika geht es also auch um geostrategische Interessen.

Das größte Opfer dieses Konflikts bleibt aber die Zivilbevölkerung, Tausende sind bereits ums Leben gekommen, Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Vergewaltigungen und Massaker prägten diesen erbarmungslosen Krieg. Tigray ist abgeschnitten von der Außenwelt, es fehlt nach wie vor an allem, eine Hungersnot kann kaum gelindert werden. Für die betroffenen Menschen fühlt sich die aktuelle Lage sicher nicht nach Frieden an.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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