Krisenregion Horn von Afrika »Es drohen Blutbäder«

Sollte Äthiopien über den Tigray-Konflikt auseinanderbrechen, wäre das eine Katastrophe für die ganze Region, warnt der Orientalist Alfred Schlicht. Der Westen muss Premier Abiy Ahmed weiter stützen.
Ein Interview von Jan Puhl
Äthiopisches Militär nahe der Grenze zur abtrünnigen Provinz Tigray: »Das Schlimmste wäre, wenn sich dort ein dauernder Guerillakrieg festsetzt«

Äthiopisches Militär nahe der Grenze zur abtrünnigen Provinz Tigray: »Das Schlimmste wäre, wenn sich dort ein dauernder Guerillakrieg festsetzt«

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SPIEGEL: Herr Schlicht, am Horn von Afrika gibt es Hunger, Armut, Dürre, Terror, Flucht, Piraterie, wackelige Staaten und einen Friedensnobelpreisträger, der in den Krieg gezogen ist. Haben Sie den Eindruck, Europa und die USA nehmen die Region als Krisenherd ernst genug?

Zur Person
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Leistenschneider

Alfred Schlicht, 65, ist promovierter Islamwissenschaftler aus Berlin. Viele Jahre verbrachte er als Wissenschaftler in Kairo und Beirut, als Diplomat unter anderem in Sanaa und Amman, wo er Stellvertreter des deutschen Botschafters war, sowie in Washington und Atlanta als stellvertretender Generalkonsul. Schlicht hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter »Geschichte der arabischen Welt« und »Gehört der Islam zu Deutschland? Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis«. Sein neuestes Werk heißt »Das Horn von Afrika – Äthiopien, Dschibuti, Eritrea und Somalia: Geschichte und Politik«.

Schlicht: Die Welt schaut eigentlich meistens nicht auf das Horn von Afrika – um dann erschrocken zusammenzufahren, wenn es größere Ausbrüche gibt. In den Medien kommt wenig. Wenn in Somalia ein Eisverkäufer mit zehn seiner Kunden in die Luft gesprengt wird, dringt das nicht durch. Es herrscht die Auffassung vor: Das ist weit weg. Das müssen diese Afrikaner untereinander ausmachen. Das gilt übrigens nicht nur für das Horn von Afrika, mit Somalia, Äthiopien, Dschibuti und Eritrea, sondern auch für Westafrika. In Mali und Burkina Faso sterben mittlerweile bei Terrorattacken von Islamisten und anderen Kämpfern mehr Soldaten als in Afghanistan. Trotzdem guckt die Welt kaum hin.

SPIEGEL: Die Afrikaner sollen es selbst lösen. Aber wer könnte das genau sein?

Schlicht: Äthiopien, das größte Land in der Region, war in Somalia durchaus erfolgreich. Dort gibt es einen staatlichen Neuanfang, der vorwiegend auf äthiopischer Militärpräsenz beruht. Addis Abeba hat Tausende Soldaten im Land. Immer, wenn es den Versuch macht, sich wieder zurückzuziehen, gewinnt die Terrororganisation Al-Schabab an Boden. Die Truppe organisiert sich jetzt auch im zivilen Bereich, baut einen Wirtschaftszweig auf, der eng mit mafiösen Strukturen verwoben ist.

»Äthiopien will auf jeden Fall verhindern, dass sich in Somalia ein islamistisches Terrorregime festsetzt.«

SPIEGEL: Somalia gilt als Prototyp des »failed state«, eines Staates, der total versagt und schließlich zusammenbricht. Ist das Land denn noch zu retten?

Schlicht: Es gibt ermutigende Ansätze, Somaliland etwa, der Nordteil, ist ein florierendes Gebilde mit internationalen Häfen und Flugplatz, man will sogar Touristen anlocken. Dort herrscht Frieden. Aber im Rest des Landes ist das anders. Und es sind nicht nur die Islamisten von Al-Schabab, die Unfrieden stiften, sondern auch die Clans. Somalis fühlen sich kaum als Somalis, sie sind oft nicht ihrem Staat gegenüber loyal, sondern in erster Linie ihrem Clan. Sie denken zuerst an dessen Interessen. Äthiopien will auf jeden Fall verhindern, dass sich in Somalia ein islamistisches Terrorregime festsetzt.

SPIEGEL: Nun soll der äthiopische Präsident Abiy Ahmed aber Truppen abziehen. Er braucht die Truppen, um sie gegen die widerspenstige Region Tigray im eigenen Land einzusetzen.

Schlicht: Das ist eine fatale Entwicklung. Zumal ja der somalische Konflikt ohnehin nach Äthiopien hinüberstrahlt. In dem Gebiet Ogaden leben Millionen somalischsprachiger Bürger, hier gab es bereits in der Vergangenheit Konflikte. Wenn sich die Kämpfe in Tigray hinziehen, ist das eine Gefahr für die Stabilität der Region – zumal weil Tigray im Norden nicht der einzige Brandherd ist. Ganz im Westen des Landes gibt es Unruhen, weiter im Süden verüben Kämpfer vom Volk der Oromo Anschläge. Sie wollen einen eigenen Staat. Sollte Äthiopien auseinanderbrechen, wäre das eine Katastrophe, mit noch mehr Bürgerkrieg, Blutbädern und enormen Flüchtlingsströmen.

SPIEGEL: Der seit 2018 regierende Premier und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed ist Oromo, sein Vater war Muslim, seine Mutter Christin. Er will das Land einen. Kann er das schaffen?

Schlicht: Abiy Ahmed ist die wichtigste Figur in Äthiopien. Er ist der Star eines Reformprozesses, den er selbst in Gang gesetzt hat. Er wurde von der damals herrschenden Gruppe der Tigray nach vorne gebracht – und hat sich dann aber anders entwickelt, als die das wollten. Abiy Ahmed hat ihre Dominanz im äthiopischen Staat beendet. Seine wichtigste Aufgabe ist es, die zentrifugalen Kräfte im Land unter Kontrolle zu halten. Er muss den Ausgleich zwischen den Ethnien schaffen.

SPIEGEL: Die Geschichte Äthiopiens – das beschreiben Sie in ihrem Buch »Das Horn von Afrika« – scheint eine einzige Abfolge von Kämpfen zwischen der Zentralmacht und Separatisten zu sein.

Schlicht: Es war historisch meistens so, dass eine ethnische Gruppe das Land beherrschte. Sie wurde dann – oft nach langen Auseinandersetzungen – von einer rebellierenden Volksgruppe abgelöst. Das war niemals ein Föderalismus in unserem Sinne. Abiy muss jetzt erstmals ein System schaffen, in dem sich keine Gruppe benachteiligt fühlt. Die Unterdrückung der einen Ethnie durch die andere muss ein Ende haben.

SPIEGEL: Aber das läuft schlecht. Im Norden führt Abiy Krieg. Die Tigray dort hatten im vergangenen Jahr gegen Addis Abeba rebelliert.

Schlicht: Die Tigray waren lange selbst das führende Volk. Sie hatten 1991 den Sturz der kommunistischen Diktatur und Haile Mengistu Mariam eingefädelt. Wir machen es uns etwas zu leicht, wenn wir sagen: Abiy hat einen Friedensnobelpreis und greift trotzdem die Tigray an. Man muss bedenken, dass deren Organisation, die Tigray Volksbefreiungsfront (TPLF), Regierungstruppen angegriffen hatte. Zuvor hatten sie gegen eine Anordnung der Zentrale in der Region Wahlen durchgeführt. Es hat Blutbäder unter den herrschenden Amhara gegeben, für die Überlebende gegenüber Amnesty International TPLF-nahe Gruppen verantwortlich gemacht haben. Auch als Friedensnobelpreisträger konnte Abiy das nicht tolerieren. Er musste da reingehen. Wenn Tigray sich loslösen könnte vom äthiopischen Nationalstaat, dann könnte das auch in anderen Regionen Schule machen.

SPIEGEL: Welchen Ausweg aus dem Konflikt in Tigray gibt es denn?

Schlicht: Das Schlimmste wäre, wenn sich dort ein dauernder Guerillakrieg festsetzt. Die TPLF hat die Erfahrung und die Waffen für eine solche Auseinandersetzung. Eine Chance wäre für Abiy, den Dialog mit gemäßigten Kräften in Tigray zu suchen.

SPIEGEL: Es gibt Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Massaker aus Tigray. Der Reformprozess im ganzen Land ist ins Stocken geraten. Aber trotzdem ist Abiy immer noch Hoffnungsträger?

Schlicht: Ich glaube ja. Die internationale Gemeinschaft sollte ihn unterstützen – aber sie muss Anreize setzen, dass er sich mehr an die Menschenrechte hält, die Meinungs- und Pressefreiheit und die Demokratie wieder stärkt.

SPIEGEL: Abiy hat den Friedensnobelpreis bekommen, weil er den jahrzehntelang schwärenden Konflikt mit Eritrea beendet hat. Jetzt greifen offenbar manchmal eritreische Truppen auf tigrayisches Gebiet über. Wie kommt es, dass der Erzfeind von einst, Eritrea, Abiy heute sogar beispringt?

Schlicht: Das heutige Eritrea hatte einst mit der TPLF das kommunistische Regime in Addis Abeba bekämpft. Sie wurden dafür mit der Unabhängigkeit belohnt, nur hatten sie dann für den Geschmack der TPLF ein bisschen zu viel Eigenständigkeit entwickelt. Der äthiopisch-eritreische Krieg von 1998 bis 2000 war dann in Wahrheit ein Krieg zwischen Eritrea und der TPLF. Abiys Hauptgegner heute ist auch die TPLF – insofern gibt es eine Interessengleichheit zwischen der äthiopischen und der eritreischen Regierung.

SPIEGEL: Eritrea gilt als Nordkorea Afrikas. In welche Richtung entwickelt sich dieses Land?

Schlicht: Es ist nicht so repressiv wie Nordkorea. Aus Eritrea Geflüchtete kommen nicht selten nur wenig später als Besucher zurück. Wer sich nicht politisch äußert, wird in Ruhe gelassen. Es gibt diesen berüchtigten zwanzig Jahre dauernden militärartigen Dienst, der viele zur Flucht treibt. Aber gerade qualifizierte junge Leute müssen den oft nur zwei Jahre lang ableisten. Allerdings darf man das Land auch nicht schönreden: Eine Demokratie ist es nicht, und reich werden die Menschen dort auch nicht.

SPIEGEL: Wird das so bleiben, oder wächst dort vielleicht einmal eine Reformbewegung heran?

Schlicht: Das sehe ich vorerst nicht. Natürlich aber ist die wirtschaftliche Lage nicht gut, die Chinesen und ein jordanisches Pharmazieunternehmen investieren dort, jedoch in verhältnismäßig bescheidenem Maße. Westlichen Firmen bauen Bodenschätze ab.

Äthiopiens Nilstaudamm im Bau: »Der Staudamm ist für die Äthiopier mittlerweile viel mehr als ein Wasserkraftwerk. Er ist ein Prestigeprojekt«

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SPIEGEL: Ein Zankapfel in der Region ist der Nilstaudamm, den Äthiopien baut. Darüber wird seit Jahren ohne Ergebnis verhandelt. Ist noch zu verhindern, dass darüber offener Streit ausbricht?

Schlicht: Der Staudamm ist für die Äthiopier mittlerweile viel mehr als ein Wasserkraftwerk. Er ist ein Prestigeprojekt, es ist der größte Posten im Staatshaushalt, neben dem Militär. Man hat sich bei China stark verschuldet dafür. Das schränkt natürlich die Flexibilität der äthiopischen Seite bei Verhandlungen stark ein. Das wird ein Problem bleiben. Addis Abeba lässt den Stausee bereits volllaufen. Die Ägypter sind wütend, und die neue sudanesische Einheitsregierung ist – unter dem Einfluss der USA – auch gegen den Staudamm. Ein Ausweg ist kaum abzusehen.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Dschibuti, das vierte Land am Horn von Afrika, im komplizierten Gefüge der Region?

Schlicht: Dschibuti ist klein, kaum eine Million Einwohner. 60 Prozent davon sind Somalis, 40 Prozent gehören dem Volk der Afar an, die auch in Eritrea und Äthiopien leben. Es gab auch dort bereits ethnische Konflikte und Spannungen mit den Nachbarn. Auf der anderen Seite ist das Land für die Großmächte sehr wichtig – und es stellt sich mit allen gut: Es gibt dort eine chinesische Militärbasis, eine amerikanische und eine französische. Japanische, italienische und deutsche Truppen sind dort stationiert und jagen von Dschibuti aus Piraten. Dschibuti hat einen sehr großen Hafen mit hoher strategischer Bedeutung, auch für Äthiopien. So lebt das Land nicht schlecht.