Tigray-Konflikt Äthiopische Regierung ruft Bürger zu Verteidigung der Hauptstadt auf

Truppen aus der Region Tigray rücken auf die Hauptstadt Äthiopiens vor. Die Bürger von Addis Abeba sollen in den nächsten zwei Tagen Schusswaffen registrieren lassen, um notfalls selbst gegen Tigrayer zu kämpfen.
Dessie scheint unter Kontrolle der TPLF zu sein

Dessie scheint unter Kontrolle der TPLF zu sein

Foto: J. Countess / Getty Images

Truppen aus der Region Tigray stoßen weiter ins Landesinnere Äthiopiens vor, die Regierung hatte für die Amhara-Region unlängst den Notstand ausgerufen. Nun wurde der Ausnahmezustand für das gesamte Land verhängt.

Die Behörden in Addis Abeba fordern die Einwohner der äthiopischen Hauptstadt dazu auf, ihre Wohngegenden gegen die Tigray Defence Forces (TDF) selbst zu verteidigen. Die Menschen sollten innerhalb der nächsten zwei Tage Schusswaffen polizeilich registrieren lassen, sagte ein leitender Beamter der Stadtverwaltung am Dienstag. Alle Teile der Gesellschaft seien zur Kooperation aufgerufen. Die USA haben die Tigrayer aufgefordert, sich zurückzuziehen. Die Ausweitung des Konflikts sei inakzeptabel, so der US-Sonderbotschafter für den östlichen Teil Afrikas.

Im Konflikt mit den TDF hatte sich das Militär in den vergangenen Tagen aus wichtigen Städten in der Region Amhara, welche an die Hauptstadt grenzt, zurückgezogen. Mit wenigen Ausnahmen müssen seit dem verhängten Notstand alle Regierungseinrichtungen die Kriegsanstrengungen unterstützen, wie es in einem »dringenden Handlungsaufruf« hieß. Alle Fahrzeuge werden für das Militär requiriert; die Sicherheitskräfte dürfen ausdrücklich gegen jeden vorgehen, der die Kriegsanstrengungen behindert. Zudem sind alle Aktivitäten in den Kommunen nach 20 Uhr verboten, wie der Staatsrat der Amhara-Region verkündete.

Zudem droht Äthiopien die Kündigung eines wichtigen Handelsabkommens mit den USA. US-Präsident Joe Biden informierte den Kongress in einem am Dienstag vom Weißen Haus veröffentlichten Schreiben über seine Pläne, die er mit anhaltenden Menschenrechtsverstößen in dem Land in Nordostafrika begründete. Sollte es bis zum Beginn des neuen Jahres keine Besserung geben, droht der Rausschmiss aus dem Agoa-Programm. Es steht für African Growth and Opportunity Act und garantiert vielen afrikanischen Staaten zollfreien Zugang für Tausende Waren in den US-Markt. Für Äthiopien hat es eine hohe Bedeutung.

TPLF rückt auf die Hauptstadt vor

Zuvor hatte Äthiopiens Regierung mitgeteilt, ihre Truppen hätten sich zu einem taktischen Rückzug aus Teilen Dessies entschlossen, um zivile Opfer zu vermeiden. Die TDF vermeldeten, man habe die Stadt unter Kontrolle gebracht. Gemeinsam mit Rebellen der Oromo Liberation Army (OLA) konnten sich die TDF Zugang zu einer der wichtigsten Autobahnen im Land verschaffen. Sie rücken nun auf Addis Abeba vor.

Die Regierung hatte vor einem Jahr eine Militäroffensive gegen die Partei TPLF begonnen, die bis dahin in der nördlichen Region Tigray an der Macht war. Die TPLF dominierte Äthiopien mit seinen rund 115 Millionen Einwohnern gut 27 Jahre lang, bis Ministerpräsident Abiy Ahmed 2018 an die Macht kam und sie verdrängte.

Seit Anfang August hat sich der Konflikt auf die Regionen Afar und Amhara ausgeweitet. Die Auseinandersetzungen haben zu einer schweren humanitären Krise im Norden des Landes geführt.

svs/dpa
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