Mpox-Ausbruch in Afrika »Wenn wir jetzt nicht handeln, wird die Lage explodieren«
Hautausschlag gehört zu den typischen Symptomen von Mpox
Foto:Arlette Bashizi / REUTERS
Mehr als 17.000 Fälle, hohe Sterblichkeit vor allem unter Kindern, immer mehr Länder betroffen – auf dem afrikanischen Kontinent breitet sich eine neue Variante des Mpox-Virus aus, das früher unter dem Namen Affenpocken-Virus bekannt war. Die Gesundheitsbehörde Africa Centres for Disease Control and Prevention (Africa CDC) hat gestern bereits eine Notlage ausgerufen, heute berät der Notfallausschuss der Weltgesundheitsorganisation WHO über einen ähnlichen Schritt.
Die sogenannte Variante 1b wurde erstmals im September 2023 in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) entdeckt, das Virus kann durch Wunden auf der Haut in den Körper eindringen, sich so schnell innerhalb eines Haushalts verbreiten. Auch eine sexuelle Übertragung ist möglich. »Es sollte uns nicht überraschen, wenn wir demnächst einzelne Fälle in weiteren Regionen sehen«, sagt der Leiter der zuständigen WHO-Taskforce Samuel Boland.
Die Betroffenen entwickeln in der Regel Pusteln und Hautausschlag am ganzen Körper. Die meisten Fälle verlaufen mild, doch vor allem bei Kindern kann die Krankheit tödlich enden. Besonders stark betroffen ist die DRK, wo die Gesundheitssysteme wenig ausgebaut sind und viele Patientinnen und Patienten keinen Zugang zu Krankenhäusern haben. Die afrikanische Gesundheitsbehörde CDC und die Weltgesundheitsorganisation fordern nun mehr Unterstützung aus dem Globalen Norden, um eine Pandemie zu verhindern. Der letzte große Ausbruch 2022, damals mit einer noch weniger ansteckenden Variante, erreichte 111 Länder. Innerhalb von etwas mehr als einem Jahr starben etwa 140 von rund 90.000 Infizierten.
SPIEGEL: Herr Ngongo, ihre Behörde hat aufgrund der Ausbreitung der neuen Mpox-Variante eine Notlage ausgerufen. Hat der Ausbruch das Potenzial, eine neue Pandemie auszulösen?
Ngongo: Die Mpox-Epidemie breitet sich auf dem afrikanischen Kontinent in einem Tempo aus, das uns wirklich Sorgen macht. Zum Glück sind wir noch weit von einer Pandemie entfernt, die wir natürlich verhindern wollen. Wir müssen den Ausbruch in diesem Stadium unter Kontrolle bekommen. Dafür müssen wir schnell etwas tun. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird die Lage explodieren und Mpox sich auch jenseits von Afrika ausbreiten.
SPIEGEL: 2022 hat sich Mpox bereits einmal weltweit ausgebreitet. Wie lässt sich das verhindern?
Ngongo: In dieser globalisierten Welt sind alle Länder der Erde verbunden, es erfolgt ein ständiger Austausch. Das heißt auch: Alle Länder sind bedroht. Es muss jetzt eine große internationale Solidarität geben, der Globale Norden muss unseren Kampf gegen die Epidemie hier auf dem Kontinent unterstützen. Die Ressourcen in den betroffenen Ländern sind sehr begrenzt. Wir müssen dringend das Monitoring verbessern, Laborsysteme aufbauen, um so viele Fälle wie möglich frühzeitig zu erkennen.
SPIEGEL: Was macht den jüngsten Ausbruch so gefährlich?
Ngongo: Die Zahl der Fälle ist hoch und steigt rapide, es handelt sich um eine wirklich schwere Epidemie. Die Sterblichkeitsrate ist im Vergleich zu früheren Ausbrüchen deutlich höher, sie liegt in Afrika zwischen drei und vier Prozent. Gefährlich ist auch die Art der Übertragung der neuen Variante, sie ist viel virulenter. Das Virus wird durch den Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen. Was uns große Sorgen bereitet, ist auch die Tatsache, dass die Variante 1b auch durch sexuellen Kontakt übertragen wird. Im schlimmsten Falle wird das zu einer Art neuer HIV-Epidemie.
Mpox-Patient in der Demokratischen Republik Kongo
Foto: Arlette Bashizi / REUTERSSPIEGEL: Global wird dem Ausbruch bislang allerdings wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Ngongo: Ja, weil bisher Afrika am meisten betroffen ist. Das ist das Problem. Es ist die übliche Situation: Die große Aufregung kommt erst, wenn das Virus außerhalb Afrikas auftaucht. Das war beim letzten Mal auch so. Als es den Westen erreichte, waren plötzlich alle alarmiert und interessierten sich für das Virus. Aber eines ist diesmal immerhin anders: Die großen Geldgeber kommen uns etwas früher zu Hilfe, sie fahren die Unterstützung langsam hoch.
SPIEGEL: Heute wird die WHO entscheiden, ob sie den Mpox-Ausbruch zu einem internationalen Gesundheitsnotfall erklärt. Wäre das ein richtiger Schritt?
Ngongo: Ja, auf jeden Fall. Es ist gut, dass wir uns abstimmen; wir müssen jetzt zusammenarbeiten. Wir müssen auf das Thema aufmerksam machen.
SPIEGEL: Mpox grassiert schon seit Jahrzehnten auf dem afrikanischen Kontinent, immer wieder kommt es zu neuen Ausbrüchen. Wie kann das sein?
Ngongo: Es ist wirklich frustrierend. Wir verlieren jedes Jahr Menschenleben. Mehr als 500 Menschen sind in der aktuellen Epidemie seit Beginn dieses Jahres bereits gestorben. Aber auch die Demütigung und die Stigmatisierung, die die Betroffenen erleiden, sind schrecklich. Viele verstecken die Blasen auf ihrer Haut. Das erinnert mich an die HIV-Pandemie, da hat das Stigma auch viel zusätzliches Leid verursacht. Trotzdem wurde jahrelang nicht viel in die Bekämpfung von Mpox investiert. Impfstoffe sind für die meisten Menschen in Afrika nicht verfügbar. Es gibt keine wirksame Therapie für die betroffenen Patienten, wir können nur die Symptome lindern.
SPIEGEL: Zum Thema Impfungen: Es sind neue Vakzine gegen Mpox verfügbar. Reichere Länder wie die USA haben sich bereits Bestände gesichert.
Ngongo: Es ist wieder genau dieselbe Situation wie während der Coronapandemie. Westliche Länder horten Vorräte für den Fall, dass sie betroffen sein könnten, während bei uns Millionen Dosen fehlen. Wir in Afrika sind jetzt betroffen. Wir brauchen diese Impfstoffe sofort, um Leben zu retten. Trotzdem müssen wir hart verhandeln, um ein paar Dosen abzubekommen.
SPIEGEL: Wie lässt sich das zukünftig verhindern?
Ngongo: Wir setzen uns stark für eine lokale Produktion der Impfstoffe in Afrika ein. Zumindest sollten wir Abfüll- und Verarbeitungskapazitäten haben, auch für Mpox-Impfstoffe. Nur so können wir uns selbst helfen.
SPIEGEL: Aber scheitert eine bessere Verteilung nicht auch daran, dass es bisher keine internationale Zulassung für die neuen Mpox-Impfstoffe gibt?
Ngongo: Ja, das stimmt, keine der neuen Vakzinen hat eine sogenannte Präqualifizierung von der WHO. Das ist ein Problem. Aber wir haben mindestens zwei Länder in Afrika, die über ihre nationalen Behörden den Notfalleinsatz zugelassen haben: die Demokratische Republik Kongo und Nigeria. Wir arbeiten hart daran, diesen Prozess auch mit den anderen elf betroffenen Ländern zu beschleunigen.
SPIEGEL: Wird es wegen des Klimawandels in Zukunft häufiger zur Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Mpox kommen?
Ngongo: Die Zusammenhänge sind noch nicht vollständig geklärt. Was aber jetzt schon klar ist: Der Klimawandel wirkt sich auf die Ökosysteme aus. Der Lebensraum der Tiere schrumpft, und dadurch kommt es zu immer mehr Interaktionen mit Menschen. Das wiederum verstärkt die Ausbreitung von Zoonosen wie Mpox, also von Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übergehen. Die Situation auf dem afrikanischen Kontinent wird sich noch weiter verschlimmern, denn wir sind vom Klimawandel bereits jetzt am stärksten betroffen.
Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft
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