Afghanistan Münchner Familie aus Kabul gerettet

Tagelang versuchten sie vergeblich, den Flughafen zu erreichen. Nun haben sie es endlich geschafft: Die Münchner Abiturientin Samira konnte mit ihrer Familie Kabul verlassen – auch mithilfe des KSK.
Gerettete Abiturientin Samira*, ihr Bruder und ihre Mutter mit KSK-Soldaten

Gerettete Abiturientin Samira*, ihr Bruder und ihre Mutter mit KSK-Soldaten

Foto:

privat

Das Kommando Spezialkräfte (KSK) hat in der Nacht zum Sonntag erstmals eine deutsche Familie von einem Treffpunkt außerhalb des militärisch gesicherten Flughafens in Kabul gerettet. Dabei handelte es sich um die Münchner Abiturientin Samira*, die mit ihrem kleinen Bruder und der Mutter seit Tagen in Kabul festsaß.

Nach SPIEGEL-Informationen waren bei der Aktion, vom KSK intern mit dem Operationsnamen »Blue Light« benannt, neun KSK-Elitesoldaten beteiligt. Es war das erste Mal, dass die Kommandoeinheit auch außerhalb des Flughafens aktiv wurde.

Die Rettungsaktion war seit dem frühen Samstagmorgen geplant worden. Da die Münchner Familie schon mehrmals versucht hatte, auf eigene Faust durch ein Gate in den Flughafen zu kommen, entschied sich das KSK zur Rettungsaktion. Per Telefon vereinbarte man, dass die Familie zwischen 21 und 23 Uhr in die Nähe eines Gates kommen sollte, das bisher nicht als Zugang diente und noch nicht von hunderten Ausreisewilligen belagert ist. Dort, so die Absprache, wollte sie das KSK dann im Schutz der Dunkelheit abholen.

Nach Angaben von Abiturientin Samira kam der Anruf des KSK, als die Familie bereits kurz vor einem der Tore des Flughafens stand. Allerdings sei nach ein paar Sekunden ihr Handy ausgegangen. »Deswegen haben wir uns vor dem Gate allein durchgekämpft.« Schließlich habe die Familie einen deutschen Soldaten gefunden, der ihre Pässe kontrollierte und sie in das Innere des Flughafens ließ.

Tagelang Verzweiflung am Flughafentor

Samira hatte in den vergangenen Tagen verzweifelt versucht, die Flucht ihrer Familie aus Kabul zu organisieren. Die drei wollten ursprünglich noch einmal Samiras Großmutter besuchen, bevor die Taliban Kabul erobern. Durch den überraschenden Fall der Stadt saßen sie anschließend fest.

Seit Montag drängten die drei sich – unterstützt von ihrem Onkel – am Nordtor des Flughafens. Dort starben in den vergangenen Tagen immer wieder Menschen. Von Tag zu Tag verschlechterte sich die Sicherheitslage.

Tagelang versuchte die Familie nach gemeinsamen Recherchen des SPIEGEL und des ARD-Magazins »Report Mainz«, Kontakt zum Auswärtigen Amt herzustellen – vergebens. Lange wusste Samira zudem nicht, ob auch ihre Mutter mit nach Deutschland kann. Die lebt zwar seit Jahren mit der Familie in München. Anders als ihre Kinder hat sie aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, sondern einen unbefristeten Aufenthaltstitel.

Zunächst hatte das Auswärtige Amt der Familie offenbar mitgeteilt, dass die Mutter deshalb in Kabul bleiben müsse. Das legt eine E-Mail von Samira an das Auswärtige Amt nahe, die dem SPIEGEL und Report Mainz vorliegt. Darin heißt es: »Am Telefon sagte ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, dass nur mein minderjähriger Bruder und ich, nicht unsere Mutter ausgeflogen werden können. Unsere Mutter müsse in Kabul bleiben, weil sie keine deutsche Staatsangehörigkeit besitze.«

Erst Mitte der Woche änderte das Auswärtige Amt offenbar die Meinung und teilte der Familie mit, dass auch Samiras Mutter ausgeflogen werden sollte. Das Auswärtige Amt hat sich dazu auf Anfrage bisher nicht geäußert.

Grüne kritisieren Auswärtiges Amt

Die Grünen-Politikerin Jamila Schäfer, die die Familie in den vergangenen Tagen unterstützt hat, macht der Bundesregierung Vorwürfe. In Berlin habe man zu viel Zeit verschwendet und so das Leben der Familie gefährdet, so Schäfer.

Auch die Aussagen von Außenminister Heiko Maas kritisiert sie. Der hatte am Dienstagabend behauptet, dass die deutschen Einsatzkräfte »den Leuten, denen wir eine Information gegeben haben, Zutritt zum Flughafen verschafft« hätten.

Samiras Familie habe mehrmals versucht, in den Flughafen zu gelangen, so Schäfer. Dabei sei sie immer wieder in eine komplett unübersichtliche, sehr gefährliche Situation gekommen. »Entweder hat unser Außenminister keine Ahnung, was dort vor Ort in Kabul passiert und wusste es schlichtweg nicht. Oder er hat vorsätzlich die Unwahrheit gesagt.«

Am Sonntagabend um kurz vor Mitternacht landete Samira mit ihrer Familie schließlich am Frankfurter Flughafen – nach einer schlaflosen Nacht. Anschließend fuhren sie im Auto nach München.

*Name geändert

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.