Evakuierung aus Kabul Als Aref Saboor in die Freiheit flog

Kurz vor dem voraussichtlichen Ende der Luftbrücke wirken die deutschen Evakuierungsbemühungen chaotischer denn je. Wer durchkommen will, braucht Glück oder Verbindungen.
Famillie Saboor an Bord einer Evakuierungsmaschine

Famillie Saboor an Bord einer Evakuierungsmaschine

Foto: privat

Auf diesen einen Moment kommt es an, weiß Aref Saboor. 17 Stunden hat er hier nun schon wieder gewartet. Alles umsonst. Es ist jetzt oder nie. Saboor geht in der Menge auf die Zehenspitzen, springt, ruft und streckt sein Schild in den Himmel. Ein A4-Zettel mit der Aufschrift »BMC Bundeswehr Local Employee«.

»Plötzlich hat einer der Soldaten herübergeschaut«, erinnert sich der afghanische Journalist eineinhalb Tage später im Telefongespräch mit dem Reporter in Deutschland, »erst hat er auf mein Schild und dann in meine Augen geblickt.« Der Bundeswehrangehörige verständigt sich mit seinen Kameraden, weist dann Saboor an, in den Graben zu springen.

Aref Saboor hat bis Ende Mai beim Bayan Media Center in Masar-i-Scharif für die Deutschen gearbeitet. Ende Juni ist der 32-Jährige mit seiner Frau Zarina und ihrem ein Jahr alten Töchterchen Nirvana in die Hauptstadt geflüchtet. Hier versteckten sie sich vor den Taliban. Saboor steht auf einer Todesliste der Islamisten. Weil er aber nicht bei den Deutschen direkt beschäftigt war, sondern bei einer Auftragsfirma, wollte man ihn ursprünglich nicht evakuieren.

DER SPIEGEL

Nachdem mehrere deutsche Medien über sein Schicksal berichtet hatten, hat man ihn dann doch angerufen. Auf eigene Faust sollten die drei den Weg zum Flughafengelände probieren, sagte man ihm. »Wir waren sechsmal teils über zwölf Stunden an einem der Tore, der Zutritt war völlig unmöglich«, so Saboor.

Baron-Gate am Flughafen von Kabul: Ein Graben trennt die Wartenden von den Soldaten

Baron-Gate am Flughafen von Kabul: Ein Graben trennt die Wartenden von den Soldaten

Foto: privat

Erst am späten Dienstagmorgen am Baron-Gate schaffen sie es. Der Andrang der Massen wird an dieser Stelle zumindest kanalisiert: Zwischen Auswählenden und Ausgewählten verläuft ein Graben voll mit stinkendem Wasser. An dieser Stelle fängt Aref Saboor den Blick des Soldaten.

Noch am Abend desselben Tages steigt ein Airbus A400M der Luftwaffe mit der Familie an Bord in den Himmel. Er habe überhaupt keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, dass sie nun wahrscheinlich für immer ihre Heimat verließen, sagt er: »Ich war voll und ganz von dem Gefühl ergriffen, nun nicht mehr in Lebensgefahr zu schweben.«

Bis Dienstagabend haben die Deutschen 4650 Menschen ausgeflogen. Der US-Präsident hatte bekräftigt, bis Ende des Monats alle US-Soldaten aus Kabul abzuziehen. Die Taliban hatten den 31. August als »rote Linie« bezeichnet. Die von der US-Armee abhängigen Deutschen müssen ihre Mission nun wohl noch wesentlich früher beenden. Nach SPIEGEL-Informationen soll schon am Donnerstag die letzte A400M-Maschine der Bundeswehr aus Kabul abheben.

Die Evakuierungen verlaufen vollkommen chaotisch

Solange bleibt der entscheidende Flaschenhals beim Herausholen der Menschen der Zugang zum Airport-Gelände. Auswärtiges Amt und Bundeswehr haben es auch nach zehn Tagen nicht geschafft, ein funktionierendes Evakuierungskonzept zu implementieren. Auch ihr Informationsverhalten ist ruinös. Das multiple Systemversagen dürfte tödliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Schutzbedürftige berichten in immer entgeisterterem Ton, dass sie entweder gar keine, lückenhafte oder konfuse Anweisungen erhielten. Salam Ramini* leitete bis vor kurzem ein afghanisches Staatsunternehmen. Er ist 64 Jahre alt und schwer krank. Erst hatte man ihn angewiesen, es auf eigene Faust an den überfüllten Toren zu probieren. Am frühen Montagabend bekam der Bundesbürger endlich einen Anruf von Diplomaten. »Es hieß, ich solle mich bereit machen, in einer Stunde werde man mich wieder kontaktieren«, erzählt er am Telefon aus seinem Versteck in Kabul, »nachts um halb eins hieß es dann, dass es nicht klappt.«

Am folgenden Tag rief man ihn entgegen der Absprache gar nicht erst an. Am Mittwoch bekam der Deutsch-Afghane nach stundenlangen vergeblichen Versuchen endlich einen früheren Botschaftsmitarbeiter ans Telefon. »Ich sollte zum Baron-Gate kommen, doch da herrschte völliges Chaos«, sagt Ramini. Als er zum Norddtor fuhr, wies man ihn per SMS an, sofort nach Hause zu fahren: »Weil dort angeblich Terroristen des Islamischen Staates unterwegs sind.«

Patouni Izaaqzai-Teichmann von der Afghan German Association telefoniert in diesen Tagen von früh bis spät mit Menschen, die sich im Stich gelassen fühlen, weil sie entweder selbst keine Beachtung finden oder die Deutschen ihre Liebsten ignorieren. »Wir haben der Regierung längst ein Angebot gemacht«, sagt Izaaqzai-Teichmann, »wir könnten selbst vor Ort Sammelpunkte und Transporte organisieren. Nur den Transfer auf das Gelände müssten Auswärtiges Amt oder Bundeswehr garantieren.« Weil man sie nicht ließe, müssten wahrscheinlich Menschen sterben, sagt sie: »Ich werde verrückt, wenn ich daran denke.«

Offenbar stößt die fehlende Transparenz auch in der Truppe auf wachsende Kritik. Ein Oberstleutnant im Einsatzführungskommando, der anonym bleiben will, beschwert sich telefonisch: »Ich höre von Angehörigen der afghanischen Armee, die evakuiert werden, während man um die Bundeswehr verdiente Ortskräfte zurücklässt. Das ist nicht okay. Herrschen denn hier überhaupt keine Regeln?«

Endlich in Sicherheit: Aref Saboor und seine Familie

Endlich in Sicherheit: Aref Saboor und seine Familie

Foto: privat

Bundeswehrhelfer oder Mitarbeiter von der GIZ oder dem Auswärtigen Amt unterstellten Firmen, die ab 1. September noch in Kabul verbleiben, werden von der Gnade der Taliban abhängig sein. Die Islamisten zeigen gegenüber der internationalen Presse dieser Tage ein freundliches Gesicht und haben eine Generalamnestie verkündet. Doch das deckt sich nicht mit Uno-Berichten über schwere Menschenrechtsverletzungen. Und es passt auch nicht zu immer gewalttätigeren Kämpfern auf Kabuls Straßen.

Die Gnade der Taliban ist zweifelhaft

Am Mittwoch hinderten die Taliban immer wieder Afghanen, zum Flughafen durchzukommen. Videos zeigen, wie ein Bärtiger lachend auf einen unbewaffneten Zivilisten eintritt und wie ein anderer einen Angehörigen der mehrheitlich schiitischen Hazara-Minderheit mit dem Gewehrkolben niedergestreckt. »Sie prügeln auch mit Stöcken und Peitschen«, erzählt ein in Kabul verbliebener Sprachmittler der Bundeswehr. Dieser Mann hat vor einem bekannten Hotel im Zentrum Kabuls erstaunliche Szenen beobachtet, die auf ein stillschweigendes Arrangement mit den Islamisten hindeuten.

»Auf der anderen Straßenseite parken Minibusse«, erzählt der Übersetzer. Direkt vor dem Tor seien Taliban-Kämpfer postiert. Davor stehe eine Menschentraube. Alle paar Stunden, so sagt der Augenzeuge, komme jemand aus der Hoteltür, um Menschen aus der Menge zu fischen, die dann auf das Hotelgelände geführt werden. »Später werden sie dann grüppchenweise zu den Bussen geleitet«, so der Übersetzer: »Mit Taliban-Spalier.«

*Name von der Redaktion geändert

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