Afghanistan Der lange Schatten der Kunduz-Affäre
Nato-Soldaten und lokale Einsatzkräfte inspizieren am 6. September 2009 die ausgebrannten Tanklaster – zwei Tage nach dem tödlichen Angriff
Foto: A2800 epa Jawed Kargar/ dpaSonntagnacht traf es sieben Hilfskräfte der Armee tödlich, als Taliban ihren Posten im Norden der Provinz Kunduz überfielen. Am 6. Februar starben zwei Soldaten und ein Geheimdienstler im Kugelhagel der Aufständischen im Süden der Provinz, am 5. Februar überrannten Taliban eine Stellung im Osten von Kunduz und erschossen 18 Uniformierte. Am 2. Februar starben vier Polizisten mitten im Stadtzentrum von Kunduz in einem stundenlangen Feuergefecht.
Kunduz, einst Synonym der Bundeswehr in Afghanistan, ist zur Kampfzone geworden, eine von vielen, im mörderischen Vorstoß der Taliban. Sie wollen die Regierung in Kabul zum Kollaps bringen, während die ausländischen Truppen bis zum 1. Mai das Land verlassen haben sollen. So wurde es ausgehandelt vor einem Jahr zwischen der Regierung von Donald Trump und Emissären der Taliban.
Mitten in die fieberhaften Debatten innerhalb der neuen US-Regierung und der Nato, ob die entsandten Truppen nicht doch länger bleiben sollen, kommt aus Straßburg wie ein fernes, juristisches Echo das finale Verdikt des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zum fatalsten deutschen Angriff: In der Nacht zum 4. September 2009 hatte der damalige deutsche Befehlshaber in Kunduz, Oberst Georg Klein, die Bombardierung zweier von Taliban am Tag zuvor entführter Tanklaster befohlen, die in der Furt des Kunduz-Flusses einige Kilometer südlich der deutschen Basis festsaßen.
»Nur noch geringe Spuren Humanmaterials«
Ausgebrannte Tanklaster: Zwei 250-Kilo-Bomben schlugen um 1.49 Uhr nachts ein und töteten fast ausschließlich Zivilisten
Foto: STR/ AFPLapidar teilte das Bundesverteidigungsministerium später mit, »zwischen 17 und 142« Menschen seien beim befohlenen Angriff durch amerikanische Jets umgekommen. Deutsche Feldjäger hätten am Morgen »nur noch geringe Spuren Humanmaterials« an der Einschlagstelle der beiden Bomben finden können. Gestorben seien ausschließlich Taliban, verkündete der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) auch dann noch, als längst reihenweise verletzte Zivilisten und Kinder in die Krankenhäuser von Kunduz eingeliefert worden waren.
Nachdem das Ministerium und die Justiz bis hoch zum Bundesverfassungsgericht kein Fehlverhalten erkennen konnten, hatten Opferanwälte in Straßburg Klage eingereicht im Namen des Bauern Abdul Hanan, dessen zwei Söhne damals umgekommen waren. Doch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte abschlägig: Oberst Klein habe damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Eklatante juristische Mängel bei der Aufarbeitung seien nicht gegeben, insofern auch kein Grund, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erwirken.
Was aussieht wie die bloße Koinzidenz des gegenwärtigen Flächenbrands und der Bewertung eines tragischen Einzelfalls vor mehr als einem Jahrzehnt, sind in Wirklichkeit zwei Auswüchse derselben Ursache: Diese Intervention funktioniert nicht. Der Versuch, mit Milliarden und Abermilliarden, mit Zehntausenden Nato-Soldaten, mit Frauenförderung und Luftangriffen aus Afghanistan einen Staat nach Willen und Vorstellung der eingreifenden Mächte zu formen, hat schon lange vor dem Bombardement auf die Tanklaster aufgehört, ein Erfolg zu werden.
Auch die Feinde der Feinde sind keine Freunde
Die Annahme von George W. Bush, 2001 US-Präsident, und seinem neokonservativen Illusionistenkabinett, dass man nur die Feinde seiner Feinde an die Macht bringen müsse, um Freunde zu finden, ging schief. Denn in Afghanistan hieß es, jene Warlords wieder auf ihre Throne zu hieven, deren Gier und Gräuel den Durchmarsch der Taliban zuvor erst möglich gemacht hatten. Manche von ihnen sind heute noch da, wie Vizepräsident »Marschall« Raschid Dostum, dem vom Massenmord an gefangenen Taliban bis zur Vergewaltigung unbotmäßiger Gefolgsleute ziemlich viel vorgeworfen und dies detailliert belegt wird.
Spätestens als 2006 die Attacken auf afghanische wie ausländische Soldaten immer zahlreicher wurden, waren die Taliban wieder da. Nicht »noch da«, wie es vom Pentagon und deutschen Verteidigungsministern gern behauptet wurde. Nach Jahren, in denen Paschtunen, Angehörige von Afghanistans größter Ethnie und Heimat der Taliban-Bewegung, vielerorts wie Unterworfene im eigenen Land drangsaliert wurden, formierten sich die Taliban aufs Neue. Die Bundeswehrsoldaten im Norden schwärmten da immer noch gern von »Bad Kunduz« und der Ruhe in ihren Provinzen.
Die Deutschen waren damals beliebt in Kunduz, sie bauten Schulen und Brücken, schossen selten. Doch als 2007 ein neuer Polizeichef von Kabul ernannt wurde und sein Schreckensregime in Kunduz errichtete, Bauern und ihre Marktstände niederprügeln ließ, wenn sie nicht genug Schmiergeld abgaben, schauten die Soldaten von ihrem Hügel über der Stadt zu. Sie seien ja nur als »Assistance Force« der afghanischen Regierung hier. So kamen die Taliban auch in Kunduz wieder, übernahmen in den paschtunischen Gebieten Dorf um Dorf. Bis zu jenem verhängnisvollen 3. September 2009, als ein kleiner Trupp von Kämpfern die zwei Tanklaster an der Überlandstraße anhielt und einen der Fahrer erschoss, der ihnen sagte, dass man mit voll beladenen Trucks niemals durch die steile Furt käme.
Vorbei war es mit »Bad Kunduz«
Oberst Georg Klein war damals Kommandeur des Lagers in Kunduz, ein mustergültiger Theoretiker des Einsatzes, dem einer seiner Offiziere nun erzählte, dass die Hunderte von Menschen, die als leuchtende Wimmelpünktchen von den Wärmebildkameras der Aufklärungsflieger übertragen wurden, alle Taliban seien. Auch ein mehrfach telefonisch befragter afghanischer Informant habe dies bestätigt.
Dass der Informant ein ehemaliger Teebote des örtlichen, afghanischen Geheimdienstbüros war, der nicht einmal Sichtkontakt zur Furt hatte und offenbar sagte, was man von ihm hören wollte, dass der Fliegerleitoffizier gegenüber dem Hauptquartier in Kabul log, man habe bereits Feindkontakt, um Luftunterstützung zu bekommen: unerheblich. Ebenso wie Kleins spätere, durch nichts gestützte Aussage, es habe unmittelbare Gefahr für das Lager bestanden. Die Taliban hätten die Tanklaster mit Sprengstoff füllen und als rollende Bomben gegen das Camp einsetzen wollen. Aber von ihrer Hügelfeste aus hatten die Deutschen selbst jedes nahende Mofa über einen knappen Kilometer im Blick, bevor es auch nur die Betonsperren des Vorpostens erreichte.
Auch das fünfmalige Ersuchen der beiden amerikanischen Piloten, die Menschenmenge um die Laster durch einen Überflug in geringer Höhe zu vertreiben, wurde ebenso oft abgelehnt von den Deutschen: Klein und seine Offiziere wollten töten, nicht verjagen.
Sie wollten doch nur töten
Als die beiden 250-Kilo-Bomben um 1.49 Uhr nachts schließlich einschlugen, trafen sie fast ausschließlich die bitterarmen Bauern der umliegenden Dörfer, die mit Plastikflaschen und Eimern zum Plündern des Treibstoffs gekommen waren.
All diese frappierenden Fehlschlüsse und Schutzbehauptungen sind in den folgenden jahrelangen Ermittlungen mit juristischem Schulterzucken hingenommen worden. Georg Klein hat weiter Karriere gemacht, zuletzt als General im Streitkräfteamt in Bonn. Seiner subjektiven Wahrnehmung zufolge habe er Taliban angreifen lassen, entschied letztinstanzlich nun auch der Gerichtshof für Menschenrechte.
2013 schloss die Bundeswehr ihr Lager in Kunduz, im vergangenen November wurden auch die letzten 100 Soldaten dort abgezogen, ebenso wie die Entwicklungshelfer schon lange aus der Provinz verschwunden sind.
Der 20-jährige Krieg
Der ins 20. Jahr gehende Einsatz solle endlich ein Ende haben, dekretierte schon 2019 Donald Trump, seinerzeit US-Präsident, und ließ seinen Unterhändler Zalmay Khalilzad direkt mit den Taliban im katarischen Doha ein Abzugsabkommen aushandeln – unter Ausschluss der afghanischen Regierung, das war die Bedingung der Taliban gewesen.
Bis zum 1. Mai sollen die verbliebenen, derzeit etwa 9600 Nato-Soldaten das Land verlassen haben, darunter 4500 Amerikaner und mehr als 1100 Deutsche, das zweitgrößte Kontingent. Doch angesichts der eskalierenden Gewalt gegen Sicherheitskräfte, aber ebenso gegen Richter, Verwaltungsspitzen und Journalisten, wächst international die Reserviertheit gegen den im Februar 2020 vereinbarten Abzug. »Wir werden nicht abziehen, bevor der richtige Zeitpunkt nicht gekommen ist«, versprach Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Montag. Auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sekundierte, dass man den Einsatz so zu Ende führen wolle, »dass der Friedensprozess nicht gefährdet wird«.
Khalilzad, der von der neuen US-Regierung übernommen wurde, forderte via Twitter eine »an Bedingungen gebundene Strategie, die Afghanistan Frieden und seinen Bewohnern eine stabile Zukunft bringt«, nachdem er in den Verhandlungen zuvor derlei Bedingungen über Bord geworfen hatte. Bis auf zwei: keine Taliban-Unterstützung mehr für al-Qaida und andere Terrorgruppen und keine Angriffe auf US-Truppen. An Letzteres zumindest haben die Taliban sich gehalten, seit einem Jahr ist kein amerikanischer Soldat mehr von ihnen getötet worden. Stattdessen greifen die Taliban nun unentwegt die Truppen der afghanischen Regierung an, die bei den Verhandlungen nicht mit am Tisch saß.
Trümmer nach einem Bombenanschlag in Afghanistan (Oktober 2020): Angriffe sind wieder an der Tagesordnung
Foto: PARWIZ / REUTERSEine amerikanische Kommission unter Co-Vorsitz des pensionierten Spitzengenerals Joseph Dunford warnt vor dem Komplettabzug nach vereinbartem Termin: »Der würde die Taliban schlicht zu Siegern machen«, so Dunford. Der Abzug müsse verschoben werden, »um dem Friedensprozess Zeit zu geben für ein akzeptables Ergebnis«. Dafür gebe es jetzt »eine echte Gelegenheit«.
Ein Luftschloss mit Flagge
Dunford, Maas, Stoltenberg, sie alle klingen schlüssig mit ihren Bedenken. Allein: Was sie vorschlagen, ist dasselbe, was ihre Vorgänger seit 15 Jahren vorschlagen. Man müsse nur noch ein bisschen länger bleiben, um all das zu erreichen, was man vorher leider nicht erreicht hat. Eine tragfähige afghanische Regierung schaffen, engagierte Sicherheitskräfte, die all jene Fortschritte bewahren, die seit 2001 ja erzielt wurden: Freiheit, mehr Gleichberechtigung für Frauen, ein demokratisches System.
Doch was da entstanden ist, gedieh in der Blase ausländischer Militärmacht, Aufbauhilfe und Milliardensummen aus den USA, Japan, Europa. Afghanistans Mächtige haben sich seit 20 Jahren nicht darum geschert, auch allein regieren zu können. Die beiden Favoriten der Wahlen 2019 brauchten ein halbes Jahr und ließen sich zeitweilig beide zum Präsidenten ausrufen, bevor sie – unter Druck gesetzt – eine Regierung bildeten. Viele Offiziere der Armee klauen bis heute lieber den Sold und das Benzin ihrer Truppen, als sich der Verteidigung ihres Staates zu widmen.
In weniger als drei Monaten abzuziehen, hieße in der Tat, Afghanistan den Taliban oder dem Bürgerkrieg der Provinz-Warlords zu überlassen, ungefähr so wie nach dem Abzug der Sowjetunion 1989. Doch zu behaupten, ein paar Monate würden das Blatt wenden, ist Selbstbetrug, ist die Fortsetzung derselben Schönfärberei, die seit mehr als einem Jahrzehnt ein Luftschloss erhält.