Afghanistan Der Westen überlässt das Land den Taliban

Die Islamisten haben in Afghanistan rund die Hälfte aller Provinzhauptstädte erobert – die Armee leistet kaum Widerstand. Nun räumt Deutschland weitestgehend seine Botschaft, andere Länder ergreifen noch drastischere Maßnahmen.
Ein Talibankämpfer bewacht gefangengenommenes afghanisches Sicherheitspersonal in der eroberten Provinzhauptstadt Gasni

Ein Talibankämpfer bewacht gefangengenommenes afghanisches Sicherheitspersonal in der eroberten Provinzhauptstadt Gasni

Foto: Gulabuddin Amiri / AP

Nach drastischem Landgewinn der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan ziehen mehrere westliche Vertretungen ihr Botschaftspersonal aus der Hauptstadt Kabul ab. So will die Bundesregierung das Personal der deutschen Botschaft auf das »absolute Minimum« reduzieren. Dänemark und Norwegen kündigten an, ihre Botschaften in Kabul vorübergehend zu schließen.

Die USA hatten bereits am Donnerstag angekündigt, ihr Botschaftspersonal zu reduzieren und rund 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen in Kabul zu entsenden. Auch London will rund 600 Soldaten schicken, um die Rückführung von Briten zu sichern. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums schloss nicht aus, dass auch Bundeswehrsoldaten zur Absicherung einer Rückholaktion zum Einsatz kommen könnten. Die Bundeswehr halte Kräfte bereit, die »im Falle eines Falles zur Verfügung stehen«, sagte er.

In jedem Fall werde sofort ein Unterstützungsteam in die afghanische Hauptstadt geschickt, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) im baden-württembergischen Denzlingen. Wie viele Mitarbeiter genau ausgeflogen werden, sagte er aus Sicherheitsgründen nicht. Laut Maas würden die Botschaftsmitarbeiter mit Chartermaschinen ausgeflogen. Darin würden auch afghanische Ortskräfte, die früher für die Bundeswehr oder Bundesministerien gearbeitet haben oder heute noch für sie arbeiten, ausgeflogen.

Maas bekräftigte, dass die Visaerteilung für die Ortskräfte in Deutschland erfolgen werde, um den Prozess zu beschleunigen. »Alle weiteren Maßnahmen werden wir mit unseren internationalen Partnern in den nächsten Tagen abstimmen.« Maas rief alle Deutschen auf, das Land sofort zu verlassen. Eine hohe zweistellige Zahl deutscher Staatsbürger ist noch im Land.

430 Millionen Euro Hilfe

Die Beschlüsse wurden vom Krisenstab der Bundesregierung gefasst, der am Freitag angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan zusammengekommen war. Das Entwicklungsministerium setzt zudem alle Projekte in von den Taliban eroberten Gebieten aus, wie Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagte. Deutschland hat Afghanistan allein für dieses Jahr 430 Millionen Euro Hilfe zugesagt. Maas hatte bereits angekündigt, dass davon kein weiterer Cent fließen werde, wenn die Taliban die Macht übernehmen. Abschiebungen afghanischer Asylbewerber aus Deutschland sind bereits ausgesetzt.

Die Taliban setzten unterdessen ihre Eroberungen im Land in rasantem Tempo fort. Binnen einer Woche haben sie mehr als die Hälfte aller Provinzhauptstädte eingenommen. Am Freitag waren nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa 18 der 34 Provinzhauptstädte unter Kontrolle der Islamisten. Nach der zweitgrößten Stadt Kandahar in der Nacht und der wichtigen Stadt Laschkargah am Morgen eroberten die Taliban mit Pul-i Alam in der Provinz Logar eine Provinzhauptstadt nur rund 70 Kilometer südlich der Hauptstadt Kabul.

Von Pul-i Alam sind es rund eineinhalb Stunden mit dem Auto nach Kabul. Aus Sicherheitskreisen heißt es seit Längerem, dass Talibankämpfer in der Provinz für einen Angriff auf Kabul versammelt werden. Drei Großstädte, darunter die Hauptstadt Kabul und Masar-i-Scharif im Norden, sind noch unter Kontrolle der Regierung.

»Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe«

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani schwieg lange zur Lage. Am Freitagnachmittag (Ortszeit) teilte sein Vize Amrullah Saleh mit, in einer Sicherheitssitzung im Präsidentenpalast sei entschieden worden, weiter der »Armee der Ignoranz und des Terrors« – also den Taliban – entgegenzustehen. Man werde den Sicherheitskräften alle notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Es wird geschätzt, dass es rund 300.000 Sicherheitskräfte und 60.000 Talibankämpfer gibt.

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen wird die Lage der Menschen in Afghanistan immer verzweifelter. »Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe«, sagte eine Sprecherin des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR am Freitag in Genf. Vor allem Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban flüchten. Inzwischen sei die Lebensmittelversorgung von etwa einem Drittel der Bevölkerung nicht mehr sichergestellt, erklärte ein Sprecher des Uno-Welternährungsprogramms (WFP). Allein zwei Millionen Kinder seien auf Hilfe angewiesen. Die Lage werde immer unübersichtlicher.

DER SPIEGEL

Mehrere EU-Staaten wie Deutschland, Frankreich und Dänemark haben ihre Abschiebungen nach Afghanistan vorübergehend ausgesetzt. Am Freitag verkündete hingegen Tschechien, weiter an den Rückführungen festzuhalten. Jeder Asylantrag werde individuell geprüft, sagte Innenminister Jan Hamáček am Freitag der Onlineausgabe der Zeitung »MF Dnes«. Das tschechische Außenministerium bestellte allerdings für Samstag eine Krisensitzung ein, um über die Sicherheitslage der Botschaft des Landes in Kabul zu beraten.

mrc/dpa
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