Menschenrechtsaktivistin in Afghanistan »Die Taliban arbeiten Todeslisten ab. Mein Name steht drauf«

Marzia Rustami engagierte sich in Kunduz über 16 Jahre lang für Menschenrechte. Doch mit der Rückkehr der Taliban wurde ihre Arbeit immer gefährlicher. Jetzt wird die 36-Jährige gejagt.
Ein Interview von Susanne Koelbl
Menschenrechtsaktivistin Marzia Rustami: »Wo ist die internationale Gemeinschaft jetzt?«

Menschenrechtsaktivistin Marzia Rustami: »Wo ist die internationale Gemeinschaft jetzt?«

Foto: privat

SPIEGEL: Die Taliban haben Kunduz in den letzten Jahren mehrfach überfallen, Sie haben trotzdem ausgehalten und weiter für die Verbreitung der Menschenrechte und der Demokratie gearbeitet. Warum mussten Sie jetzt fliehen?

Rustami: Die Taliban führen Todeslisten, die sie jetzt abarbeiten. Darauf stehen Personen, die nicht mit ihnen kooperieren wollen, darunter Regierungsangestellte, Sicherheitskräfte, Richter oder Aktivisten. Mein Name steht auf einer dieser Listen.

Zur Person

Marzia Rustami, 36, floh mit ihren Eltern als Zweijährige aus Afghanistan nach Iran und kehrte 2002, nach dem Fall der Taliban, in ihre Heimatstadt Kunduz zurück. Seit 2004 engagierte sie sich in internationalen Hilfsorganisationen, darunter auch deutschen, und setzte sich öffentlich gegen die Unterdrückung von Frauen und für die Beteiligung von Frauen in Politik und Gesellschaft ein. Vor zwei Wochen musste Rustami aus Kunduz fliehen und tauchte in einer anderen Stadt unter.

SPIEGEL: Wie ernst nehmen Sie diese Drohung?

Rustami: Es geht um Leben und Tod. Am 28. Februar kamen die Taliban zu unserem Haus in Kunduz im Distrikt 3. Mein Schwager und mein Mann standen gerade davor, es kam zu einem Handgemenge. Er und mein Mann stehen ebenfalls auf der Liste. Ich war gerade nicht da.

Morddokument auf Facebook: Momente vor seinem Tod fotografierten die Taliban Rustamis Schwager und luden Bilder seiner Ermordung auf seinem Account hoch – zur Abschreckung

Morddokument auf Facebook: Momente vor seinem Tod fotografierten die Taliban Rustamis Schwager und luden Bilder seiner Ermordung auf seinem Account hoch – zur Abschreckung

Mein Mann konnte entkommen, mein Schwager, der bei der Drogenbekämpfungsbehörde arbeitete, nicht. Er wurde fünf Kilometer außerhalb der Stadt erschossen. Die Bilder seiner Ermordung luden die Taliban auf seinem eigenen, zu diesem Zeitpunkt noch offenen Facebook-Account hoch. Er war 40 Jahre alt. Sie suchten auch nach mir.

SPIEGEL: Was genau werfen die Taliban Ihnen vor?

Rustami: Sie werfen mir vor, ich hätte gemeinsame Sache mit den Feinden Afghanistans gemacht und mit den Ausländern zusammengearbeitet. Wir haben Frauen ausgebildet, damit sie sich in der Kommunalpolitik und in der Gesellschaft engagieren können. Wir halfen Opfern von häuslicher Gewalt und verstanden uns als Vermittler zwischen religiösen Führern und der Gemeinde. Wir gaben denen eine Stimme, die keine Stimme haben. Die Taliban mögen es nicht, wenn Frauen ermutigt werden, sich zu bilden und sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

Seit die Deutschen weg sind, schrumpft der Bewegungsraum

SPIEGEL: 2013 haben die Deutschen das Feldlager Kunduz  nach zehn Jahren militärischer Präsenz aufgegeben. Was geschah seither?

Deutsche Bundeswehrsoldaten in Kunduz: Nach dem Rückzug der Deutschen überfielen die Taliban die Stadt und errichteten Checkpoints in der Region

Deutsche Bundeswehrsoldaten in Kunduz: Nach dem Rückzug der Deutschen überfielen die Taliban die Stadt und errichteten Checkpoints in der Region

Foto: FABRIZIO BENSCH/ REUTERS

Rustami: Unser Wirkungsraum ist mit jedem Jahr kleiner geworden. Ursprünglich waren wir in vier Provinzen tätig, aber irgendwann haben die Taliban  um die Stadt herum Checkpoints errichtet. Seit dem zweiten Überfall der Taliban auf Kunduz, 2016, konnten wir uns nur noch in der Stadt bewegen.

SPIEGEL: Wie halten die Taliban die Bürger heute in Schach?

Rustami: Anfang 2020 erhielt ich einen Anruf von einem Repräsentanten der Taliban. Er bot an, ich könnte mich noch auf ihre Seite schlagen, ich sollte in ihrem Sinne reden und sie auch finanziell unterstützen, andernfalls erwarte mich der Tod. Dabei nannte er meine Adresse und meine Arbeitsstelle, er wusste, welches Auto ich benutze, wann ich aus dem Haus gehe und wann ich zurückkehre. Eine Polizistin, die in der Nähe wohnte, war bereits ermordet worden. Ich verstand, dass es jetzt ernst war.

Die Taliban warnen erst, dann töten sie

SPIEGEL: Seit wann gibt es Todeslisten?

Rustami: Das erste Opfer war ein Kollege, ein moderater Religionsgelehrter. Es geschah im Jahr 2014. Wir beide arbeiteten damals für Women and Youth for Peace and Development, eine von den USA finanzierte Hilfsorganisation. Die Taliban riefen ihn an und ließen ihn wissen, dass er und ich auf ihrer Todesliste stehen. Am nächsten Tag wurde er mit einer Autobombe getötet. Ich arbeitete weiter, bis vor drei Wochen.

Rustami als Parlamentskandidatin in Kunduz: Die Taliban mögen es nicht, wenn Frauen sich an Entscheidungsprozessen beteiligen

Rustami als Parlamentskandidatin in Kunduz: Die Taliban mögen es nicht, wenn Frauen sich an Entscheidungsprozessen beteiligen

Foto: privat

SPIEGEL: Wo sind Sie jetzt?

Rustami: Nach dem Mord an meinem Schwager packten wir zwei Koffer und flohen in eine andere Stadt. Mein Mann, unsere vier Kinder und ich sind erst mal in einem Schutzhaus untergekommen, das afghanische Unterstützer bedrohten Menschenrechtsaktivisten zur Verfügung stellen. Wir haben unser Leben gerettet. Wir können hier aber nur ein paar Wochen bleiben. Wir gehen fast nie raus, nachts lassen wir das Licht an, weil die Kinder Angst haben.

SPIEGEL: Was haben Sie vor?

Rustami: Es gibt hier niemanden, der uns auf Dauer schützt. Ich frage mich, wo ist die internationale Gemeinschaft jetzt? Warum üben die Diplomaten keinen Druck auf die Taliban aus? Ich bin entsetzt darüber, dass denen, die uns verfolgen, bei den Friedensverhandlungen in Doha und Ankara der rote Teppich ausgerollt wird, aber wir sollen sterben. Ich mache mir größte Vorwürfe. All die Organisationen und Repräsentanten, mit denen ich gearbeitet habe, sind heute fort und meine Familie wegen meiner Arbeit in tödlicher Gefahr. Ich wollte nie weg hier, ich liebe Afghanistan und Kunduz und meine Arbeit, aber jetzt muss ich fort. Ich suche ein Land, das uns aufnimmt.

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